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Aschermittwoch

Leere Halle statt hallender Rede

In Passau sollte Seehofer auf die SPD und die Welt schimpfen. Stattdessen meckert nun die SPD wegen des CSU-Alleingangs.
Von Andrea Rieder und Mario Geisenhanslüke, MZ

Passau.Eigentlich sollte jetzt das Murmeln hunderter Menschen nach außen dringen. Und das Klirren von Bierkrügen durch die Glastüren der Dreiländerhalle im niederbayerischen Passau zu hören sein. Doch heute: Stille. Die Fanclubs der CSU von nah und fern, gekommen um sich die nächsten Stunden gut auf Kosten der anderen Parteien zu amüsieren, sind nicht da. Stattdessen stapeln Männern in dunkler Arbeitskleidung letzte Bierbänke aufeinander.

Verlassen liegt die Dreiländerhalle in Passau da. Das Politikspektakel am Aschermittwoch musste diesmal ausfallen.
Verlassen liegt die Dreiländerhalle in Passau da. Das Politikspektakel am Aschermittwoch musste diesmal ausfallen. Foto: Mario Geisenhanslüke

Ein Kran summt leise in der Ecke vor sich hin. Langsam arbeitet sich der Korb, in dem ein Veranstaltungstechniker steht, der Hallendecke entgegen. Dort hängen noch 220 Scheinwerfer. Sie müssen abgebaut werden, ohne die Politprominenz der Regierungspartei beleuchtet zu haben. Die Kisten stehen bereit, ein blauer Farbtupfer auf dem schwarzen Hallenboden. CSU-blau sogar, wie die 17 mal fünfeinhalb Meter große LED-Wand auf der Bühne.

Im Video sehen Sie Eindrücke vom Abbau in der Dreiländerhalle:

Viele Arbeiter vor der Bühne statt Seehofer auf der Bühne – Eindrücke vom Abbau in Passau im Bewegtbild Video: MZ

Noch leuchten die Buchstaben

Sie ist mit das einzige, was noch verkündet, worum es heute eigentlich gehen sollte. In Leuchtbuchstaben ist dort zu lesen: „Politischer Aschermittwoch 2016“ – gerade so, als würde gleich tatsächlich Parteichef Horst Seehofer die Bühne betreten, um vom Leder zu ziehen: über die SPD, die Grünen, Berlin, Brüssel, Europa – und wer weiß, wen noch alles.

Doch Seehofer wird heute nicht nach Passau kommen. Es wird so still in der Halle bleiben. Er ist auf dem Weg nach Bad Aibling, wo einen Tag zuvor zwei Nahverkehrszüge ineinandergekracht sind. Zehn Menschen sind gestorben, dutzende verletzt worden. Die großen Parteien in Bayern sagten den Politischen Aschermittwoch daraufhin ab – aus Respekt vor den Opfern. Die erste war die CSU.

CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer Foto: dpa
CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer Foto: dpa

„Wir treffen unsere eigenen Entscheidungen und brauchen keine andere Partei dazu.“

CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer

Einen Tag später sind sich noch immer alle einig: Die Absage war richtig. Einzig die Art und Weise stört manche. So sagte bereits am Dienstagabend der SPD-Landesvorsitzende Florian Pronold, die CSU sei mit Absicht vorgeprescht, um sich zu profilieren. Ähnlich drückt es am Mittwoch Rainer Glaab aus ¨– vor Ort in Vilshofen, wo das Zelt der SPD genauso verwaist im Regen steht wie die Dreiländerhalle in Passau. Er organisiert für die Sozialdemokraten den Politischen Aschermittwoch und sagt: „Die CSU war die einzige Partei, die sich geweigert hat, sich mit den anderen Parteien abzustimmen. Von wegen ‚Partei des Miteinanders‘“.

Sehen Sie hier ein Interview Rainer Glaab:

Im MZ-Videointerview bezieht Rainer Glaab (SPD) Stellung zur Absage des Politischen Aschermittwochs. Video: MZ

Über die Entscheidung der CSU habe die SPD über die Presse erfahren – obwohl sie zuvor darum gebeten hatte, informiert zu werden. In eine ähnliche Richtung geht die Einschätzung des FDP-Landesvorsitzenden Albert Duin: „Ich glaube, dass die CSU als herrschende Partei nicht der Meinung war, sich mit den anderen absprechen zu müssen.“ Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger („Darauf zu hoffen, von der CSU gefragt zu werden, wäre unrealistisch“) war davon wenig überrascht. Und die Grünen-Vorsitzende Sigi Hagl sagt: „Wir haben die Absage relativ zeitgleich mit der CSU beschlossen und fühlten uns nicht unter Zugzwang.“ Eine klare Antwort auf die Kritik aus dem SPD-Lager hat indes der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer: „Wir treffen unsere eigenen Entscheidungen und brauchen keine andere Partei dazu.“

Die Entscheidung der CSU, den Politischen Aschermittwoch abzusagen, fiel am Dienstagnachmittag. Um genau 15.26 Uhr lief die Eilmeldung über den Agenturticker. Wenig später zogen die anderen Parteien nach. Lediglich die AfD brauchte länger. SPD-Mann Glaab sagt sogar: „Der AfD hätte ich zugetraut, dass sie es durchzieht.“

Bilder aus Passau und Vilshofen finden Sie in unserer Bildergalerie:

Politischer Aschermittwoch: Abbau statt Reden

Zwölf Stunden nach der Absage stehen die blauen Pappbuchstaben C, S und U nicht mehr auf der Bühne in der Passauer Dreiländerhalle. Sie stehen in der Ecke – und komplettieren ein Stillleben aus blauen Teppichrollen, zusammengeknüllten Plakaten, Absperrgittern, einem Hubwagen und Kisten. Im Foyer kratzt eine Mitarbeiterin die letzten Plakatreste von den Scheiben. Paletten mit Bierkrügen – unbenutzt – stehen zum Abholen bereit.

Plakate zeigen die Richtung

Stillleben mit C, S, U in der Mitte Foto: Andrea Rieder
Stillleben mit C, S, U in der Mitte Foto: Andrea Rieder

In welche inhaltliche Richtung die wortgewaltige Haudrauf-Veranstaltung in diesem Jahr gegangen wäre, lassen nur noch die Wände erahnen. An ihnen hängen noch die letzten großen Transparente, auf denen die CSU Jahr für Jahr Sprüche drucken lässt, die Gäste zuvor eingeschickt haben. Zu lesen ist dort beispielsweise: „Bayern muss nicht europäischer, Europa muss bayerischer werden“, „JA zur Obergrenze!“, „Damit Deutschland Deutschland bleibt“ oder „Heimat statt Völkerwanderung“.

Und nur einer hält noch die Stellung: Walter Lustig. Ihm gehört eine Veranstaltungsfirma, beim Politischen Aschermittwoch der CSU wäre er mit einigen Mitarbeitern im Einsatz gewesen. Jetzt ist nur er da – für den Fall, dass doch jemand nichts von der Absage mitbekommen hat und verwundert vor verschlossenen Türen steht.

Sehen Sie hier ein Videointerview mit ihm:

Er hielt die Stellung: Walter Lustig erklärte einigen wenigen, warum die Veranstaltung in Passau nicht stattfindet. Video: MZ

Ein älteres Ehepaar musste er schon abweisen. Und tatsächlich gibt es noch einen dritten Ahnungslosen. Um 9.07 Uhr steht ein Herr mittleren Alters vor der Tür. Grauer Anzug, Krawatte. Neugierig auf das, was die Politiker zu sagen haben. Die Absage überrascht ihn. Gerade hat er sich noch gefragt, warum die Veranstalter 50 Minuten vor Beginn noch nicht mit dem Aufbau fertig sind. Jetzt fällt bei ihm der Groschen. „Das in Bad Aibling ist eine Tragödie. Verständlich, dass der Aschermittwoch abgesagt wird“, sagt er und zieht wieder von dannen.

Welchen Kosten entstanden sind

  • Essen und Trinken

    Getränke und Essen Die kurzfristige Absage des Politischen Aschermittwochs der CSU betrifft auch den Hauzenberger Wirt Johann Waldbauer, der die Kundgebung in Passau seit Jahren mit Speis und Trank versorgt. Waldbauer hatte gut 7000 Liter Getränke geordert: je zur Hälfte alkoholfrei und Bier. Außerdem sollte er tausende Fisch- und Käsesemmeln sowie Brezen bereitstellen.

  • Wirt verhandelt mit CSU

    Über die Kosten wird der Wirt in den nächsten Tagen mit der CSU-Landesleitung reden. Immerhin war zum Zeitpunkt der Absage am Dienstagnachmittag noch keine Fischsemmel fertig, da diese frisch zubereitet werden.

  • Die Transportkosten

    Den CSU-Kreisverbänden sind Kosten für die Bestellung Dutzender Busse entstanden. Diese Busse sollten Zuhörer am Vormittag nach Passau und am Nachmittag wieder heim fahren.

  • Das sagt die CSU

    CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sagt nach der Absage: „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht, aber die Aktualität des Zugunglücks ist eine einzigartige Ausnahmesituation.“ Der Countdown sei zu einem einigermaßen frühen Zeitpunkt gestoppt worden, „so dass noch eine rechtzeitige Stornierung bei den Getränken und der Essensversorgung möglich war.“ (dpa)

Lesen Sie mehr

Nach dem Zugunglück von Bad Aibling (Lesen Sie hier eine Reportage zum Thema) ist der Politische Aschermittwoch von allen großen Parteien abgesagt worden. Am Tag danach dankten außerdem Poltiker den vielen Helfern vor Ort. Alle Fragen und bisher bekannten Antworten zum Zugunglück finden Sie hier. Lesen Sie außerdem einen Kommentar von MZ-Politikchef Christian Kucznierz zum Thema und nehmen Sie an einer Umfrage teil:

Kommentar

Weil Reden nicht immer Silber ist

Am schwersten hatte sich die AfD mit der Absage des politischen Aschermittwochs getan. „Viel Geld“, habe man ausgegeben, hieß es in einer ersten Reaktion,...

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