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Kommentar

Leutseliger Papst und spröder Kardinal

Ein Kommentar von Christine Schröpf, MZ

Ungeachtet des gemeinsamen Glaubens ist offensichtlich: Papst Franziskus und Kardinal Gerhard Ludwig Müller trennen Welten. Die Differenzen sind inhaltlicher Art – etwa in der Frage, wie weit der Vatikan wiederverheirateten Geschiedenen beim Zugang zur Kommunion entgegenkommen kann oder bei der Einschätzung, wie hart und kompromisslos die Kirche bei Missbrauchsfällen aufräumen muss. Unterschiedlich ist auch die Tonart – beim einen geprägt vom Wunsch, zu reformieren, zu erklären und zu überzeugen, beim Anderen auf Paragrafen und die Treue zu Kirchengesetzen fixiert. Konträr ebenso die Mentalitäten: Der eine ein offenherziger Gefühlsmensch, der andere von spröder Natur. Es passte auf allen Ebenen nicht. Die beiden Glaubensmänner müssen sich an vielen Tagen gegenseitig fassungslos gemacht haben. Insofern ist nicht verblüffend, dass Franziskus die Spitze der einflussreichen Glaubenskongregation neu besetzt. Es überrascht eher, dass er Müller, den er bei seinem Amtsantritt 2013 von Benedikt XVI. „geerbt“ hatte, solange in Amt beließ.

Es passte auf allen Ebenen nicht. Die beiden Glaubensmänner müssen sich an vielen Tagen gegenseitig fassungslos gemacht haben.

Papst und Glaubenspräfekt müssen auf einer Linie sein. Stattdessen hatte Müller das Oberhaupt der katholischen Kirche in Glaubensfragen regelmäßig belehrt. Der Kardinal hat nach seiner Abberufung tiefergehende Differenzen mit Franziskus bestritten. Glaubwürdig ist das nicht. Müller verwies auf eine neue Franziskus-Regel, erstmals bei ihm angewandt, wonach Top-Positionen im Vatikan künftig nur mehr für einen Zeitraum von fünf Jahren vergeben und danach nicht mehr verlängert werden sollen. Man darf gespannt sein, wie oft diese „Lex Franziskus“ künftig zum Tragen kommt und ob die Nichtverlängerungsklausel nur für die kritischen Fälle gelten wird.

In Regensburg wurde der Sturz Müllers mit besonders starken Gefühlen aufgenommen. Teilweise klang auch Häme durch. Das mag gegen die Zehn Gebote verstoßen, erklärt sich aber durch heftige Verletzungen, die Müller in seiner Zeit als Regensburger Bischof vermeintlichen Kontrahenten zugefügt hat. Beseelt vom Kampf für die Unverfälschtheit des Glaubens hat er mit großer Wucht alles beiseite geräumt, was aus seiner Sicht der reinen Lehre widersprach. Für ihn war es ein Zeichen seiner Widerstandskraft gegen die Feinde des Glaubens –ein Verhaltensmuster das er im Vatikan Eins zu Eins wiederholte und das nun sein Ende als Glaubenshüter forciert hat.

Beseelt vom Kampf für die Unverfälschtheit des Glaubens hat er mit großer Wucht alles beiseite geräumt, was aus seiner Sicht der reinen Lehre widersprach.

Müllers tiefverwurzeltes Misstrauen kommt verstärkend hinzu. Er hat sich damit schon in Regenburg viel verbaut. Es verschwand aus dem Blick, dass er zu den Glaubensvertretern gehört, die zwar gerne Menschen erreichen würden, sich mit dem „Menschenfischen“ aber unendlich schwer tun. Auch auf die wachsende Skepsis gegenüber dem Katholizismus wusste er keine rechte Antwort.

Wer ihn in konservativen katholischen Milieus beobachtete, wo nicht an Grundfesten gerüttelt wird, konnte einen sehr viel gelösteren und unverkrampfteren Menschen erleben. Franziskus trennt sich mit Müller von einem Mann, der Repräsentant eben dieser Kreise ist. Sie stehen für einen nicht unerheblichen Part der Kirche, bei dem der Papst mit seiner südamerikanischen Leichtigkeit oft heftig aneckt. Der Beifall, den Franziskus jetzt dafür erhält, dass er gegenüber Müller einen klaren Schlussstrich gezogen hat, darf nicht darüber hinwegtäuschen: Er hat nur einen Teil seines Problems gelöst. Will Franziskus die Kirche grundlegend reformieren, muss er auch den konservativen Kern von seinem Kurs überzeugen.

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