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Porträt

Martin Frank: Lachend scheitern

Er ist der Shootingstar der bayerischen Kabarettszene und auf Jahre ausgebucht. Trotzdem kennt er Selbstzweifel.
Von Sebastian Arlt, Pauline Fölsch, Eileen Kier, Christian Lutz, Jin Niu, Lara Pfeuffer, Franziska Schwanitz und Nicholas Vogel

Martin Frank bügelt die Aufregung vor dem Auftritt nieder. Foto: Pauline Fölsch
Martin Frank bügelt die Aufregung vor dem Auftritt nieder. Foto: Pauline Fölsch

Regensburg.„Oh Gott, hoffentlich wird des a einigermaßen gute Stimmung“, sagt Martin Frank auf Niederbairisch. Er reißt die Augen auf und fährt sich mit der Hand über den Mund. Noch knapp zwei Stunden bis zum Auftritt im Münchner Schlachthof. Martin sitzt in der Garderobe, zupft am Hemd, krempelt die Ärmel hoch und runter, wieder und wieder. Gebügelt hat er es gerade selbst. Die langsamen, monotonen Bewegungen beruhigen ihn. Nervös ist er trotzdem: „Ich muss vor einem Auftritt aufgeregt sein, sonst hab‘ ich Angst, dass es nix wird.“

In Hutthurm kennt jeder jeden, also auch Martin Frank. Foto: Pauline Fölsch
In Hutthurm kennt jeder jeden, also auch Martin Frank. Foto: Pauline Fölsch

Zwei Stunden ist heute mit seinem schwarzen Fiat Punto in die bayerische Landeshauptstadt gefahren, wo er mittlerweile seit vier Jahren lebt. Er ist gerne dort, hat sich an das Großstadtleben gewöhnt. Doch den Bauernhof und seine „Rindviecher“ vermisst er. Einmal pro Woche fährt er deshalb nach Hutthurm. Das liegt in der Nähe von „Passau mit B“, wie die Niederbayern sagen.

6000 Einwohner hat Hutthurm. Hier kennt jeder jeden. „Hier ist der Hund verreckt“, sagt Frank. Als Kind spielte er viel im Garten, war gerne in der freien Natur, vor allem hinten im Stall. Da lag auch schon mal ein totes Huhn. „Der Bauernhof hat mich direkt gemacht“, sagt Martin. „Ich bin kein Mensch, der etwas durch die Blume sagt, dafür ist mir die Zeit zu schade.“

„Ich hab‘ im Leben nix zerrissen“

Martin Frank

Außerdem hat er hier Fleiß gelernt. Frank weiß, was Arbeiten heißt. Sein Vater steht um sechs Uhr auf, geht in den Stall und kommt um neun Uhr abends heim. Wenn Martin nach Hause fährt, hilft er auf dem Hof mit, spaltet Holz, versorgt die Kühe.

Im Kuhstall sprudeln die Ideen

Bei den Rindviechern kommen ihm oft neue Ideen für sein Programm. Den Eltern braucht er davon nichts erzählen: „Meine Familie will‘s glei gar ned hören.“ Der Vater sagt: „Erzähl‘s den Leuten, die‘s interessiert.“ Überhaupt: Martin sollte lieber „was G‘scheits“ lernen. Nach der Mittleren Reife macht er deshalb eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten im Hutthurmer Rathaus, anschließend einen Lehrgang zum Standesbeamten. Bei den Paaren ist er sehr beliebt. „Es gab sogar einige, die extra von auswärts gekommen sind, um sich von Martin trauen zu lassen“, erzählt Bürgermeister Hermann Baumann. Er kennt Martin schon von klein auf. Als Bub sei er gar nicht so aufgefallen: „Der Martin schaut ab und zu drein als wenn er net bis fünf zählen kann. Dabei ist er mit allen Wassern gewaschen! Er ist schlau. Und er ist halt einfach freundlich.“

Gefragt und gut gebucht

  • Preise:

    Als Frank 2018 den Bayerischen Kabarettpreis erhält, kann er es zunächst nicht glauben: „Als die mich angerufen haben, hab‘ ich drei andere Namen auf dem Schirm gehabt, die mir eher eingefallen sind als ich.“Seine Strategie: „Ich bin lieber positiv überrascht, als negativ bestätigt.“

  • Terminkalender:

    Der Kabarettist ist gefragt und gut gebucht. Der Tag, an dem ihn die Studenten begleiteten: 10 Uhr Radio Trausnitz, 13.45 Uhr Radiointerview beim BR, 15.30 Uhr Gesangsstunde, 16.15 Uhr Soundcheck, 20 Uhr Auftritt mit CD-Aufzeichnung im Schlachthof München.

  • Unterricht:

    Martin Frank nimmt beim Münchner Musiker Clemens Wangler regelmäßig Gesangsstunden. Opernarien und Operettenmelodien sind wichtiger Bestandteil seiner Kabarett-Programme. Martin Frank singt so gut, dass viele Zuschauer denken, der Gesang käme vom Band.

Frank ist in Hutthurm schon jung etabliert, sitzt sogar im Gemeinderat. Doch bald wird ihm die Arbeit auf dem Standesamt zu eintönig. Den Traum von der großen Bühne hatte er schon immer. Er beschließt, sich am Mozarteum in Salzburg zu bewerben. „Ich hab‘ schon immer wahnsinnig Bock auf klassische Musik gehabt.“

Für die CSU zog er 2014 in den Gemeinderat ein.Repro: Fölsch
Für die CSU zog er 2014 in den Gemeinderat ein.Repro: Fölsch

Schon zu Schulzeiten zog es Martin Frank auf die Bühne. Erste Gehversuche im Comedy-Genre macht er beim Poetry Slam an der Fachoberschule in Passau. Schon beim ersten Text merkt der 16-Jährige, dass die Sache schiefläuft.. „Es war grauenhaft“, sagt er, „niemand hat gelacht.“ In der Pause kommt der Vertrauenslehrer zu ihm und meint: „Du Martin, den zweiten Text machst besser nimmer.“ An diesem Abend lernt Martin Frank, wie man mit Enttäuschungen umgeht. In der Showbranche eine wichtige Fähigkeit. Er braucht sie noch. Gemeinsam mit der Oma fährt er zum Vorsingen an die berühmte Salzburger Musikhochschule und – wird abgelehnt. Auch an der Münchner Hochschule für Musik und Theater will man ihn nicht.

In der MZ-Kantine wurde Frank 2018 begeistert gefeiert. Foto: Daniel Pfeifer
In der MZ-Kantine wurde Frank 2018 begeistert gefeiert. Foto: Daniel Pfeifer

Aufgeben ist für Martin keine Option. Wenn es für die Oper nicht reicht, dann führt eben ein anderer Weg auf die Bühne. Dieser Weg führt ihn nach München, an die Schauspielschule Zerboni. Für Martin sind diese drei Jahre sehr lehrreich. „Ich check‘ mich erst so richtig seit der Schauspielschule.“ Ihm wird bewusst: „Ich muss immer von einer Sache überzeugt sein“. Vor allem aber lernt er in der Schauspielschule Technik. Etwa „wie man zwei Stunden am Stück reden kann, ohne danach heiser zu sein“, sagt Martin. „Das restliche Handwerk lernt man auf der Bühne.“ Wann die Leute lachen, wann sie wegdriften.

Einige Zuschauer im Schlachthof können nicht fassen, dass Martin die Opernarien auf der Bühne selbst singt. „Das ist doch Playback!“, glaubt ein Besucher. Eine Dame erzählt: „Wir haben immer gemeint gehabt, das Singen, das kann nicht live sein. Das is‘ wirklich stark.“

Kein Bachelor, keine Beziehung

Sein früherer Arbeitsplatz: das Rathaus Hutthurm Foto: Fölsch
Sein früherer Arbeitsplatz: das Rathaus Hutthurm Foto: Fölsch

Bei Martin, so scheint es, kommt vom Lob wenig an. „Ich kann es halt nicht so fassen“, sagt er und richtet den Blick nach unten. Die letzten Minuten vor dem Auftritt möchte Martin sich in Ruhe allein fokussieren. Alle müssen die Garderobe verlassen. Sein Programm zu spielen, ist für ihn „eine Art Selbsttherapie“. Er ist zufrieden mit dem Weg, den er eingeschlagen hat. Trotzdem gibt es immer wieder Momente, in denen er hadert. Die Angst, zu scheitern, ist ständiger Begleiter. „Ich habe keinen Bachelor, keine Beziehung – Ich hab‘ im Leben nix zerrissen“, sagt er, halb im Scherz, halb im Ernst.

Seine Zweifel spiegeln sich auch im aktuellen Programm „Es kommt wie‘s kommt“ wider, das er zumindest in Süddeutschland meist vor ausverkauften Häusern spielt. Auf der Bühne humoristisch überspitzt, sind es doch Dinge, die den Privatmann beschäftigen. Die Karriere als Opernsänger zum Beispiel. Jetzt veredelt er seine Programme mit Arien auf Niederbairisch.

Der Auftritt im Schlachthof ist vorbei, das Publikum war begeistert. Frank nimmt sich wie immer noch ein bisschen Zeit, mit Zuschauern zu sprechen. Eine Frau erzählte ihm einmal nach einer Show, dass sie eigentlich nicht kommen wollte, weil in derselben Woche ihre Mutter beerdigt worden war. „Aber sie ist dann doch gekommen und hat gesagt: ‚Der Abend war so toll!‘“ Das habe ihn so berührt, dass sie beide geweint haben. „Ich war so froh. Genau deswegen mach‘ ich das.“

Zur ausführlichen Reportage geht es hier.

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