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Missbrauch: Domspatzen brechen ihr Schweigen

  • Gymnasium und Internat der Regensburger Domspatzen in Regensburg
  • Die Beauftragte für sexuellen Missbrauch im Bistum Regensburg, Birgit Böhm, und der Pressesprecher des Bistums Regensburg, Clemens Neck, bei der Pressekonferenz des Bistums

Es ist, als habe sich eine Schleuse geöffnet. Seit in den Medien jeden Tag aufs Neue über unsittliche Berührungen, über Misshandlungen und Übergriffe in Einrichtungen der katholischen Kirche berichtet wird, ist Dr. Birgit Böhm, die Diözesanbeauftragte für das Thema „Sexueller Missbrauch“, gefordert wie nie. Die Wucht der Ereignisse hat auf das Bistum Regensburg und die Domspatzen, den berühmten Knabenchor, durchgeschlagen. Immer mehr Betroffene haben nicht mehr die Kraft, ihre Erinnerungen, die sie ein Leben lang marterten, für sich zu behalten – und wollen mit einem Mal genau das auch nicht mehr. Sie fassen Mut, beginnen zu reden – und bringen die Kirche in Zugzwang.

Bei einer Pressekonferenz im Ordinariat schilderten Böhm und der Sprecher der Diözese, Clemens Neck, am Freitag Missbrauchsfälle und pädagogische Übergriffe, die sich zwischen 1958 und 1973 im Bistum ereigneten. Systematische Aufklärungsarbeit stellte Neck dabei in Aussicht, intensive Recherchen – und eine Antwort auf die Frage nach Tätern und Opfern. Aktuelle Fälle, betonte er, gebe es keine.

„Wir wollen Gerechtigkeit“

„Wir wollen erstens Gerechtigkeit und Hilfe für die Opfer. Wir wollen zweitens eine strafrechtliche und kirchenrechtliche Verfolgung der Täter, soweit das noch machbar ist. Und: Wir wollen zukünftige Übergriffe verhindern“, sagte Neck. Geschädigte, appellierte er an Betroffene, sollten sich an die Diözesanbeauftragte wenden. „Wir möchten ermutigen, Leid beim Namen zu nennen“, ergänzte Böhm.

Die Fälle, auf die Neck einging, seien in der Öffentlichkeit bekannt gewesen. „Sie sind zum Teil noch im Bewusstsein der Einrichtungen, aber uns fehlen Detailinformationen. Wir haben zum Beispiel die Urteile, die damals gefällt wurden, nicht in unseren Archiven“, sagte er und kündigte weitere Nachforschungen an.

Etwa im Fall des Geistlichen Friedrich Z., Jahrgang 1918. Er war seit 1953 als Religionslehrer und Präfekt am Musikgymnasium Regensburg eingesetzt. Fünf Jahre später sei er aus dem Dienst entfernt worden. Wie die Regensburger Woche damals berichtete, war Z. („Stellvertreter des Institutsleiters“) mit zwei Schützlingen bei unsittlichen Handlungen ertappt worden. Nach Aussagen von Mitbrüdern wurde er für seine Taten zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Er starb 1984.

Zu den Einrichtungen der Regensburger Domspatzen hat sich, wie Neck erläuterte, bei Böhm bisher ein Missbrauchsopfer gemeldet. Ein zweiter Betroffener habe einer Mittelsperson angekündigt, sich äußern zu wollen. Gegangen ist diesen Schritt bereits ein Ex-Schüler der Domspatzen-Vorschule in Etterzhausen. Er sei Anfang der 60er-Jahre durch Prügel und Demütigungen misshandelt und durch Berührungen im Genitalbereich missbraucht worden. Der Beschuldigte, ein junger Erzieher, habe noch nicht identifiziert werden können. Weitere Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gebe es bisher zu diesem Internat nicht. „Wir gehen im Moment Hinweisen auf körperliche Misshandlungen nach, die unter dem damaligen Direktor der Stiftung Etterzhausen, Johann M., passiert sein sollen“, sagte Neck.

Für sexuelle Übergriffe verantwortlich war nach Recherchen des Bistums der Geistliche Georg Z., Jahrgang 1916. Er wirkte vom 1. Januar bis 31. August 1959 als „Direktor der Internate der Dompräbende und des Domgymnasiums“, wie der Titel des Internatsleiters der Domspatzen einst lautete. Von 1964 bis 1969 war er als Diözesanmusikdirektor tätig. Die Angaben zu seiner Tat – er starb 1984 – variieren laut Neck. Eine Übergriffshandlung sei vor dem 30. Mai 1969 zu vermuten. Mitte 1971 sei der Betroffene mit elf Monaten Haft belangt worden.

Ein weiterer Geschädigter, Bernhard M., erhob nach den Worten Necks den Vorwurf, er sei Anfang der 1960er-Jahre verprügelt worden – unter anderem vom Direktor des Studienseminars in Weiden.

Leben noch Täter von einst?

Wie der Sprecher der Diözese ankündigte, soll ein Rechtsanwalt sämtliche Vorfälle durchleuchten, Opfer und Täter identifizieren und gegebenenfalls straf- beziehungsweise kirchenrechtliche Maßregeln empfehlen. In 14 Tagen soll der Öffentlichkeit ein Zwischenbericht präsentiert werden.

Den früheren Domkapellmeister Georg Ratzinger hat der Skandal zum Verstummen gebracht. „Danke. Wiederhören“, sagt er am Telefon auf MZ-Anfrage und legt auf. Dem Bayerischen Rundfunk hatte der Papstbruder knapp mitgeteilt, dass er keine Kenntnis von den Missbrauchsfällen habe. Ratzinger (86) leitete von 1964 bis 1994 den Chor der Domspatzen. Er soll offenbar in die Recherchen des Bistums zu den Vorfällen aus den 1950er und 1960er Jahren einbezogen werden. „Wir sprechen mit allen Menschen, die uns weiterhelfen können“, sagte Bistumsprecher Clemens Neck.

„Die Fälle, die jetzt aufgetaucht sind, waren meines Wissens alle vor seiner Zeit“, bekommt Ratzinger am Freitag Rückendeckung vom Regensburger Stiftsdekan Hubert Schöner. Auch das Bistum bestätigt, dass es bislang keine Verdachtsfälle aus der Ära Ratzinger gibt.

Angesichts der bis zu 50 Jahre zurückliegenden Taten sah sich Neck am Freitag mit der Frage konfrontiert, weshalb das Bistum mit seinen Recherchen erst im Jahr 2010 beginne. „Der Anlass sind aktuelle Anfragen, die gekommen sind und weit zurückliegende Ereignisse wieder in einen Zusammenhang von heute rücken“, sagte er darauf. In den genannten Fällen sei alles normal seinen juristischen Gang gegangen und nichts unter den Teppich gekehrt worden.

Birgit Böhm gab zu verstehen, dass durchaus noch Täter leben könnten – Präfekten oder Erzieher, die damals sehr jung gewesen seien. „Ich bin sehr dahinter, weiter vorzubeugen, dass jemand womöglich kurz vor dem Ruhestand noch aktiv ist oder im Ruhestand Tätigkeiten ausübt, bei denen weitere Gefährdungen bestehen“, sagte die Psychologin.

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