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Bayern
Freitag, 23. Februar 2018 2

Kirche

Misshandlung: 75 Opfer melden sich

Das Bistum Regensburg entschädigt Menschen, denen Gewalt angetan wurde. Aber bei Betroffenen bleibt auch Schmerz.
von Christine Straßer

In Obhut der Kirche wurden Kinder misshandelt. Das Bistum Regensburg veröffentlicht Zahlen. Foto: dpa

Regensburg.Seit Franz Wechsler einen Brief des Bistums Regensburg bekommen hat, ist er in innerer Unruhe. Generalvikar Michael Fuchs drückt in dem Schreiben sein Bedauern aus, dass Wechsler im Bischöflichen Studienseminar in Weiden in den 70er Jahren unter dem Deckmantel der Erziehung und in der Obhut der Kirche so viel Gewalt angetan wurde. Dann folgt ein Angebot, das Wechsler tief getroffen hat: Er soll eine Anerkennungsleistung von 500 Euro bekommen. Dass die Erlebnisse, die ihn über Jahre belastet haben, nun auf diese Zahl gebracht werden, verärgert den Mann, der große Hoffnungen an ein Aufarbeitungsprojekt des Bistums knüpfte.

Vor fast genau einem Jahr hatte das Bistum Regensburg bekanntgegeben, alle Opfer von körperlicher Misshandlung durch Mitarbeiter in kirchlichen Einrichtungen entschädigen zu wollen. Davor gab es so eine Regelung nur für ehemalige Schüler der Regensburger Domspatzen. Insbesondere geht es um Taten, die strafrechtlich nicht mehr verfolgt werden können, weil sie verjährt oder die Täter verstorben sind.

Bistum Regensburg zahlte insgesamt 178 000 Euro an Opfer

In einem Zwischenbericht, der am Freitag veröffentlicht wurde, spricht das Bistum von nüchternen Zahlen, hinter denen die Darstellungen erheblicher Körperverletzungen und seelischer Demütigungen stehen. „Erleiden mussten sie Kinder, die den Übergriffen schutzlos ausgeliefert waren“, heißt es. 75 Personen stellten den Angaben des Bistums zufolge bis Ende 2017 einen Antrag auf Anerkennung erlittener körperlicher Gewalt. Von diesen 75 Anträgen seien 47 abschließend bearbeitet. 45 Zahlungen seien geleistet worden, zwei stünden noch aus. Von den 28 übrigen Anträgen seien zuständigkeitshalber zwölf an Orden, andere Bistümer oder kirchliche Institutionen einvernehmlich weitergeleitet worden. Bei einem Antrag habe der Betroffene die Weiterleitung untersagt. 14 Anträge waren noch nicht abschließend bearbeitet. Insgesamt wurden 2017 laut Bistum 178 000 Euro an Opfer bezahlt, durchschnittlich 3955,56 Euro je Antragsteller. Die Höchstsumme von 5000 Euro wurde achtmal geleistet. Der zeitliche Schwerpunkt der dargelegten Straftaten liegt in den 60er und 70er Jahren. Die Beschreibungen reichen bis in das Jahr 1986. Die beschuldigten Täter sind verstorben oder, wie das Bistum schreibt, in einem Alter und Gesundheitszustand, der es nicht erlaubte, die Auseinandersetzung mit den Vorwürfen zu fordern.

Wechslers Peiniger ist kein Unbekannter

Franz Wechsler ist das als Antwort auf die massiven Körperverletzungen, die Kindern zugefügt wurden, zu wenig. Seine Kritik: Es werde lediglich ab-, aber nicht aufgearbeitet. Der Täter, den Wechsler nennt, ist kein Unbekannter. Es handelt sich um einen ehemaligen Direktor der Internate der Dompräbende und des Domgymnasiums, so der damalige Titel des Internatsleiters der Domspatzen. Als Internatsleiter der Domspatzen wirkte der Mann aber nur für acht Monate im Jahr 1959. 1971 wurde er wegen sexuellen Missbrauchs zu einer Haftstrafe von elf Monaten verurteilt. Wie in einer Pressekonferenz des Bistums im Jahr erstmals geschildert wurde, geschahen die Übergriffe, für die sich der Geistliche verantworten musste, im Raum Eslarn (Landkreis Neustadt/WN) und hatten mit seiner Tätigkeit für ein von ihm gegründetes Jugendmusikkorps zu tun. Von September 1972 bis 1973 war der Geistliche später als Musikpräfekt im Studienseminar in Weiden tätig. Was Wechsler empört: In Eslarn wird sein Peiniger noch immer durch einen Straßennamen geehrt. Von einer Aufarbeitung könne da nicht die Rede sein. Bei Wechsler bleibt auch deshalb, nachdem er den Mut gefasst hatte, sein Leid zu schildern, nun viel Schmerz zurück.

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