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Mit Gott für Kirche und Vaterland

Thomas Hösl war Zeitsoldat bei der Bundeswehr. Als Spätberufener trat er ins Priesterseminar ein. Einen großen Gegensatz sieht er darin nicht.
Von Mario Geisenhanslüke, MZ

  • Thomas Hösl war früher bei der Bundeswehr. Nun ist er Diakon und wird im Sommer zum Priester geweiht. Foto: altrofoto.de
  • Thomas Hösl sieht sich nicht mehr als typischer Soldat. Foto: altrofoto.de
  • Thomas Hösl hat auf die Frage „Könnte ich als Katholik einen Menschen töten?“ für sich eine Antwort gefunden. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Früher Soldat, bald Priester. Es klingt wie ein Widerspruch. Ein gewaltiger sogar. Und vielen drängt sich sogleich die eine große Frage auf: „Kann ich als Katholik im ärgsten Fall einen Menschen töten?“ Thomas Hösl antwortet nicht sofort. Über Fragen denkt er generell erst kurz nach, formuliert die Sätze im Kopf.

Hösl musste sich selbst vor mehr als einem Vierteljahrhundert mit eben dieser Frage, ob er im Fall der Fälle einen Menschen töten könnte, auseinandersetzen. Denn früher war der 48-Jährige Soldat. Acht Jahre lang, davon sechs im aktiven Dienst, diente er in der Bundeswehr. Vom deutschen Militär zur katholischen Kirche – für Hösl kein unvereinbarer Gegensatz. „Diese Zeit ist Teil meines Lebens, spielt aber keine entscheidende Rolle mehr“, sagt er. Aber bestimmte Sachen wirken fort. „Erstens: die reine Erinnerung, denn mir hat vieles gut gefallen“, sagt er. „Zweitens: Disziplin und Durchhaltevermögen. Ich habe dort gelernt, dass man viel erreichen kann, wenn man sich durchbeißt.“

Erst Ausbildung, dann Wehrdienst

Im Regensburger Priesterseminar sitzt Hösl auf einem schlichten Holzstuhl. Schwarze Hose, schwarzer Pullover, aus dem der Römerkragen lugt. Beständig wechselt er zwischen zwei Sitzpositionen: zurückgelehnt, die Hände im Schoß, oder etwas schräger sitzend, den einen Arm auf dem anderen Stuhl abgelegt. Nur manchmal beugt er sich vor und faltet die Hände auf dem Tisch. Immer, wenn er über Themen spricht, die ihn begeistern: wenn er über seinen Glauben spricht.

2009 stand für Hösl die endgültige Entscheidung fest, Priester werden zu wollen – mit einem ungewöhnlichen Lebenslauf: 1965 in Nabburg geboren brach er das Gymnasium in der neunten Klasse ab. Nach der dreieinhalbjährigen Ausbildung zum Elektroinstallateur wurde er 1985 zum Wehrdienst einberufen. Er kam in die Grenzlandkaserne Oberviechtach.

Das Mittel, um menschlich zu bleiben

Hösl war bei der gepanzerten Infanterie und zuletzt als Oberfeldwebel stellvertretender Zugführer. Mit seinem starken Glauben sei er nicht die absolute Ausnahme gewesen. „Ich habe versucht, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen.“ Außerdem habe ihm der Glaube in dieser Zeit auch geholfen. Als Ausbilder müsse man ja hart durchgreifen. Dabei sei der Glaube sein Mittel gewesen, um bei aller Härte noch menschlich bleiben zu können. Im Kampfeinsatz war Hösl nie. Nur an Übungen der Nato und in Kanada nahm er teil. „Das Härteste, was ich in meinem Leben erlebt habe, war der Einzelkämpferlehrgang. “

Seit September 2013 Diakon

Nach seiner Zeit als Soldat holte Hösl 1995 sein Abitur nach und studierte Philosophie, Soziologie und Philosophie der Naturwissenschaften an der Gustav-Siewerth-Akademie im Schwarzwald. Es folgten sechs Semester an der Uni Regensburg, wo er 2002 als Doktor der Philosophie abschloss. Danach arbeitete er sieben Jahre bei dem christlichen Radiosender Radio Horeb, ehe er 2009 ins Priesterseminar eintrat. Seit September 2013 ist er als Diakon in der Pfarrei St. Georg in Amberg. „Doktor Hösl ist jemand, der genau arbeiten möchte und eine gewisse Zeit der Planung braucht“, sagt Stadtpfarrer Markus Brunner. Er ist Hösls Praktikumspfarrer. „Als Mitbewohner ist er sehr angenehm. Er hat einen sehr ehrlichen Charakter.“

Außerdem kennt er sich aus. Hösl zitiert gerne Mutter Teresa, Papst Johannes Paul II. oder das neue Oberhaupt der Kirche, Papst Franziskus. Hösl ist dagegen, das Zölibat abzuschaffen („Das hat seinen Sinn“) und nicht dafür, Verhütungsmittel zu erlauben. „Damit wird der Weg zum Glück versperrt“, sagt er. „Aber ich kann nachvollziehen, warum viele Leute nicht verstehen, dass die Kirche das nicht freigibt.“ Die größte Herausforderung, vor der er die Kirche sieht, ist die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. „Das muss aktiv angegangen werden. Es müssen Organe geschaffen werden, damit das nie mehr passiert.“

Nicht als typischer Soldat gesehen

Seine Zeit bei der Bundeswehr hat für Thomas Hösl heute keine großen Auswirkungen mehr. „Ich werde hier nicht als typischer Soldat wahrgenommen, dafür aber als lebenserfahrener Mensch.“ Ähnlich sieht das auch sein Praktikumspfarrer. „Ich weiß nicht, ob das noch so präsent ist“, sagt Markus Brunner. „Es ist aber schon zu erkennen, dass er sehr strukturiert arbeitet und geregelte Verhältnisse braucht.“

Im Juni wird Hösl nun zum Priester geweiht. Damit beginnt seine Zeit als Kaplan, ehe er seine eigene Gemeinde bekommt. Bei diesem Thema beugt er sich mal wieder begeistert vor. Vier bis sieben Jahre dauere das in der Regel. Ist es soweit, will Hösl „ganz nah am Menschen sein und vor allem junge Familien ansprechen“. Allerdings nicht mit „moralischem Zeigefinger, nach dem Motto: Ihr seid noch nicht verheiratet“ sondern „nach dem Motto: Auch ich bin für euch da“. Für diese Zeit hat auch Markus Brunner noch einen Ratschlag für ihn: „Man muss zwar, wie Diakon Hösl, grundsätzlich das Positive sehen, aber auch mit dem Gegenteil rechnen. Auch er wird die pastoralen Erfahrungen machen, dort noch genauer hinzusehen. Allerdings ist das eine Lebensaufgabe für jeden.“

Gegen das fünfte Gebot?

Und wie ist es nun zu vereinbaren, als gläubiger Katholik einen Menschen zu töten? Schließlich spricht das fünfte Gebot („Du sollst nicht töten“) eigentlich eine deutliche Sprache. Dieses Gebot verbiete, jemanden willentlich zu töten, erklärt Hösl. „In einem Staatswesen haben die zuständigen Organe dafür zu sorgen, dass Leib und Leben aller Bürger geschützt werden“, sagt er. So ergebe sich die Pflicht für Politiker, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um kriegerische Handlungen zu verhindern – selbst im Verteidigungsfall müsse abgewogen werden, ob eine Verteidigung des Landes noch sinnvoll sei oder lediglich „aus falschem Stolz heraus“ versucht werde.

Als Katholik einen Menschen töten?

Ein Soldat müsse dem Staat vertrauen können. Dies war bei ihm der Fall. Zum Thema Krieg hat er am Ende noch ein Zitat parat – aus dem zweiten Vatikanischen Konzil: „Solange die Gefahr von Krieg besteht und es noch keine zuständige internationale Autorität gibt, die mit entsprechenden Mitteln ausgestattet ist, kann man, wenn alle Möglichkeiten einer friedlichen Regelung erschöpft sind, einer Regierung das Recht auf sittlich erlaubte Verteidigung nicht absprechen.“

Der gläubige Katholik Hösl fand für sich also eine eindeutige Antwort. „Die Tötung der Angreifer hätte ich nur billigend in Kauf genommen, wenn ich auf keine andere Weise meine Mitbürger hätte schützen können.“ Und auf diese Weise gleich zweimal richtig gedient: quasi mit Gott für Kirche und Vaterland.

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