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Jubiläum

Nach WAA-Kampf reif für den Landtag

25 Jahre Grüne im Maximilianeum. Zu den Vorreitern zählte der Oberpfälzer Armin Weiß. Er schrieb ein wichtiges Kapitel der bunten Parteigeschichte.
Von Christine Schröpf, MZ

  • 1086: Rudi Sommer (unten) am WAA-Zaun im Griff der Polizei – er war irrtümlich festgenommen worden.
  • Auch das ist Geschichte: Das Plakat aus den 1980er Jahren prangert eine Million Arbeitslose an, die leichtbekleidete Dame aus den 1990er Jahren kämpft für Gleichberechtigung. Landtagsabgeordnete Maria Scharfenberg und der Chef der Regensburger Stadtratsfraktion Jürgen Mistol haben beides aus dem Fundus geborgen. Foto: altrofoto.de
  • Grüne Rauten, statt weiß-blaue: Plakat zur Landtagswahl 2003.
  • Frauenpower: 2003 zersägte Marie Scharfenberg (l.) Chefsessel.
  • Bahnprotest 2001: Scharfenberg (M.) als „wandelndes“ Plakat
  • Der erste Oberpfälzer Grünen-Abgeordnete: Chemie-Professor Armin Weiß trotzte der CSU.

Regensburg. Der Einzug der Grünen vor 25 Jahren in den Landtag ist eng mit der Oberpfalz verknüpft. Am Bauzaun der geplanten atomaren Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) Wackersdorf formierte sich die Ökopartei zum großen Widerstand. Eine zentrale Figur: Der aus Stefling (Lkr. Schwandorf) stammende Münchner Chemie-Professor Armin Weiß, damals schon 59 Jahre alt. Der Ärger der Demonstranten über die CSU spülte 1986 die Grünen erstmals ins bayerische Parlament – Weiß zählte zu den Männern und Frauen der ersten Stunde.

Der heutige Grüne Schwandorfer Kreisrat Rudi Sommer erinnert sich gut an den historischen Moment, der den Beginn des Marsches durch die Institutionen markiert. „Ich fühlte eine unbändige Freude, dass wir im Landtag sind. Wir Grünen konnten Anträge einbringen und unsere alternative Politik öffentlich machen.“

Nach erstem Erfolg: Ernüchterung

Weiß war eine Symbolfigur. „Man hat ihn alles fragen können, er hat alles gewusst“, sagt Sommer. Die Grüne Landtagsfraktion hat dem ersten Oberpfälzer Abgeordneten als Hommage einen Film gewidmet. Kurz vor seinem Tod am 7. Dezember 2010 kommt er darin noch einmal selbst zu Wort. Sein Gastspiel im Landtag hatte nur eine Legislaturperiode gedauert. Nach dem endgültigen Aus für die WAA wechselte der Professor mit Leib und Seele wieder zurück an die Universität. Der CSU schrieb er ins Stammbuch: „Sie müssen sich überlegen, warum uns ein so großer Vertrauenszuwachs zugekommen ist.“

Nach dem Landtagseinzug 1986 folgte für die Ökopartei allerdings eine Phase der Ernüchterung. Der Einfluss der Grünen auf der Oppositionsbank war gerade am Anfang begrenzt, die Übermacht der CSU groß. Ernüchterung spürte auch Kreisrat Sommer. Er hatte zu den Kämpfern gegen die WAA in Wackersdorf gezählt. Das Aus für das Projekt vor Ort war für ihn nur ein Teilerfolg, es blieb ein bitterer Nachgeschmack. „Die Wiederaufarbeitung findet ja nach wie vor statt – in Frankreich und in England. Man muss immer global denken.“

Sommer hat selbst ein Stück grüner Oberpfälzer Parteigeschichte geschrieben. Unvergessen ist das Bild aus dem März 1986, das ihn im Klammergriff der bayerischen Polizei zeigt. Beim Sonntagsspaziergang am WAA-Zaun war der damals 30-Jährige von hinten gepackt worden. „Sie haben mich ohne Erklärung weggeschleppt.“ Sommer wehrte sich mit Händen und Füßen. Ältere Frauen seien ihm zu Hilfe geeilt, mit Regenschirmen bewaffnet. Sommer wurde nach Amberg gebracht. „Ich wurde in einem Keller verhört. Auch meine Fingerabdrücke wurden genommen.“ Wie sich später herausgestellt habe, sei er mit einem anderen Mann verwechselt worden. Dieser wurde von der Polizei gesucht, weil er angeblich ein Funkgerät der Beamten gestohlen habe.

2011 auf Welle der Sympathie

Sommer wurde trotzdem angeklagt: Wegen Widerstands gegen Polizeibeamte, Körperverletzung und Sachbeschädigung. Doch der Richter sprach ihn frei. Der WAA-Kämpfer konnte „putative Notwehr“ für sich geltend machen. „Den Begriff habe ich damals das erste Mal gehört.“ Die Polizisten hatten sich vor ihrem Zugriff nicht offiziell zu erkennen gegeben.

Der WAA-Kampf war die prägende Zeit für die ersten Oberpfälzer Grünen, mit vielen frustrierenden Begegnungen mit der Staatsgewalt. „Das größte Ohnmachtsgefühl am WAA-Zaun war, wenn die die Hubschrauber über uns gekreist sind“, so Sommer.

25 Jahre später hat sich die Lage für die Grünen fundamental gewandelt. Seit der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima sind sie von Atomkraftgegnern umzingelt – sogar die CSU setzt jetzt auf erneuerbare Energie. Für die Grünen aber, die von Anfang an vor atomaren Gefahren gewarnt haben, zahlt sich die Beharrlichkeit nicht nur in hohen Glaubwürdigkeitswerten aus. Nach aktuellen Umfragen ist bei der Landtagswahl 2013 ein Regierungswechsel möglich – vorausgesetzt SPD, Grüne und Freie Wähler schmieden ein alternatives Koalitionsbündnis. „Am besten unter grüner Führung. Landtagsfraktionschefin Margarete Bause wäre als Ministerpräsidentin sehr gut geeignet“, sagt Sommer. Seine Wunsch-Ministerpräsidentin kommt am Samstag erst einmal in die Oberpfalz.

Die Grünen feiern ihr Landtagsjubiläum mit einer Regionaltour, die am heutigen Samstag in Weiden Station macht. Gefeiert wird im Café Mitte im Kreis der Partei. Zuvor gibt’s am Nachmittag am Infostand Geburtstagskuchen für alle, solange der Vorrat reicht. Der große Ansturm dürfte gewiss sein. Das war nicht immer so. Die Landtagsabgeordnete Maria Scharfenberg aus Laaber (Lkr. Regensburg) erinnert sich an die Anfangsjahre, als die Grünen noch als Schmuddelkinder galten: Als „Kommunistin“ sei sie an Infoständen beschimpft worden. Unfreundlich auch die Empfehlung, besser gleich in die DDR überzusiedeln. Der Regensburger Grünen-Stadtratsfraktionsvorsitzende Jürgen Mistol fühlt sich dadurch bis heute für die politische Arbeit gestählt. „Es ist gut, auch gegen Widerstände gearbeitet zu haben.“

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