mz_logo

Bayern
Sonntag, 22. Juli 2018 24° 5

Medizin

Nachts, wenn der Arzt kommen muss

Bereitschaftsdienste sind bei Ärzten gefürchtet. Sie werden in Regensburg und Kelheim umorganisiert – wir erklären wie.
Von Bernhard Fleischmann

Diese Nummer gilt in ganz Deutschland. Unter 116117 ist der Bereitschaftsdienst rund um die Uhr erreichbar. Foto: Patrick Pleul/dpa
Diese Nummer gilt in ganz Deutschland. Unter 116117 ist der Bereitschaftsdienst rund um die Uhr erreichbar. Foto: Patrick Pleul/dpa

Regensburg.Dr. Gerhard Bawidamann ist gespannt auf Anfang Juni. Dann ist der Nittendorfer Allgemeinarzt zum ersten Mal für den neuen Bereitschaftsdienst eingeteilt. Gespannt ist er deshalb, weil die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) den Bereitschaftsdienst umorganisiert hat. Ab 24. April wird die Struktur im Kreis Regensburg und Kelheim verwirklicht – aus Bawidamanns Perspektive zum schlechteren. Denn sowohl die Ärzte als auch die Patienten auf dem Land müssen weitere Wege zurücklegen. Noch betreut Bawidamann einen Bezirk mit Sinzing, Deuerling, Nittendorf, Hemau, Beratzhausen und Laaber. Künftig erstreckt er sich auf den gesamten Landkreis Regensburg und Kelheim mit Abensberg, Neustadt und Riedenburg. „Das ist eine Verschlechterung“, ist er überzeugt.

Kollegen sehen die Reform weitaus positiver. Sie erkennen eine Entlastung der Ärzte, vor allem auf dem Land. Weil die Bereitschaftsbezirke größer werden und auch Poolärzte (freiwillige Nicht-Vertragsärzte) teilnehmen, steigt die Zahl der Ärzte und sinkt die Belastung des einzelnen. Nur so könne die Bereitschaftsversorgung in der Fläche, die selbst zum Patienten wurde, aufrechterhalten werden, sagt die KVB.

Ein riesiger Dienstbezirk

In den Landkreisen Schwandorf und Cham ist das neue System seit gut einem Jahr realisiert. Die ersten Erfahrungen waren gemischt. Anfangs schlug ein Arzt öffentlich Alarm, weil er die vielen Patienten, die in einer Nacht um Hilfe ersuchten, unmöglich alle besuchen konnte.

Ganz anders blickt Dr. Birgitt Weinhold auf ihre Bereitschaftsdienste zurück. Die ehedem einwöchigen Bereitschaften seien „furchtbar anstrengend“ gewesen. Jetzt könne sie die Dienste so einteilen lassen, dass sie nach einer Nachtschicht nicht gleich in der eigenen Praxis in Tiefenbach (Kreis Cham) weiterarbeiten muss. Auch Dr. Stephan Weber, Allgemeinarzt in Neustadt/Donau, freut sich. Nur noch insgesamt sieben bis acht Tage oder Nächte Bereitschaft werden für ihn im Jahr zusammenkommen. So sehe es der Dienstplan vor, der gerade aufgestellt werde. Bisher kam Weber auf sechs bis acht Wochen pro Jahr mit dem kompletten Wochenende ab Freitag 13 Uhr, allen Nächten dieser Woche und mittwochs bereits ab 13 Uhr. „Das war der Horror.“

So funktioniert es

  • Wo ruft man an?

    Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist unter der bundesweit gültigen Telefonnummer 116 117 rund um die Uhr erreichbar. Er stellt die Versorgung außerhalb der regulären Sprechstundenzeiten der Praxen sicher. Er steht für Erkrankungen zur Verfügung, für die der Patient normalerweise in die Praxis eines Arztes geht und deren Behandlung nicht bis zur nächsten Öffnung der Praxis warten kann. Die Notfallpraxen in den Krankenhäusern dagegen sind für schwere und lebensbedrohliche Erkrankungen zuständig. In solchen Fällen wählt man die 112.

  • Die Bereitschaftspraxen

    Die neue Bereitschaftsorganisation fußt auf zwei Kernelementen: dem Sitz- und dem Fahrdienst. Zentrale Bereitschaftspraxen sind für den Sitzdienst eingerichtet. Regensburger kennen das bereits. Eine solche Praxis befindet sich langem im Krankenhaus Barmherzige Brüder. Im Zuge der Reform kamen für den Bereich Regensburg/Kelheim weitere hinzu im Krankenhaus St. Josef und in der Goldbergklinik Kelheim. Weitere Praxen in der Region: Schwandorf, Cham, Oberviechtach, Straubing, Neumarkt. Patienten können die Praxis ihrer Wahl aufsuchen. Öffnungszeiten sind Montag, Dienstag, Donnerstag von 18-21 Uhr, Mittwoch, Freitag 13-21 Uhr, Wochenende und Feiertag 9-21 Uhr.

  • Der Hausbesuch

    Wer nicht mobil ist oder aufgrund seiner Erkrankung es nicht zu einer Praxis schafft, für den gibt es den ärztlichen Fahrdienst. Die Behandlung durch einen Bereitschaftsarzt in dessen Praxis entfällt. Der Arzt kommt zum Patienten nach Hause. Er bekommt zudem einen medizinisch ausgebildeten Fahrer, der ihn zum Patienten bringt. Der Arzt sitzt nicht mehr selbst am Steuer. Auch ein Aspekt der Maßnahme: Besonders Ärztinnen sind besser geschützt, wenn sie nachts unbekannte Menschen besuchen müssen.

  • Die Bezirke

    Die Bereitschaftsdienstbezirke wurden vergrößert. Die Bereitschaftsregion Regensburg/Kelheim umfasst über 440 000 Einwohner. Bis zu fünf Fahrzeuge werden hier gleichzeitig eingeteilt sein. Das hängt von Erfahrungswerten ab, zu welchen Tagen und Uhrzeiten wie viele Besuche anfallen. Bereits umgesetzt ist die Reform im Bereich Schwandorf/Cham mit bis zu drei Fahrzeugen/Ärzten für gut 260 000 Einwohner. Das Schlusslicht in der Nähe bei der Umsetzung ist Neumarkt/Amberg mit Stichtag 27. November 2018. Hier werden bis zu vier Fahrzeuge auf gut 280 000 Einwohner kommen. Die Bezirke sind nicht strikt getrennt. Bei Bedarf können sich die Ärzte an den Rändern auch gegenseitig aushelfen.

Hätte die KVB nichts unternommen, wäre die Situation auf dem Land noch prekärer geworden. Weil immer weniger Ärzte am Land tätig sind, verteilten sich die Bereitschaftsdienste auf eine schrumpfende Zahl von Medizinern. Sie mussten häufiger die anstrengenden Bereitschaftsdienste übernehmen. Diese Belastung gilt als ein Grund dafür, dass sich Ärzte lieber in Städten ansiedeln. Das bestätigt Weber: „In der Stadt ist das alles kein Problem. Aber es ist schon ein großer Druck auf dem Land, sich die Nächte um die Ohren schlagen zu müssen und dabei auch die eigene Praxis am Laufen zu halten.“

Lesen Sie außerdem: Zur Sprechstunde in die Klinik

Für die Ärzte wird es also eher leichter. Die Patienten müssen mit längeren Wartezeiten rechnen, nachdem sie die 116 117 gewählt haben. Zwei, drei Stunden sind bei einer starken Erkältung eher auszuhalten, als bei Schmerzen oder Atemnot. Bisher erreichte Wagner die Patienten nach seiner Aussage in der Regel binnen 20 oder 30 Minuten.

Am besten in die Bereitschaftspraxis

Die KVB räumt ein, dass die Ärzte länger brauchen, um zum Patienten zu gelangen. Sie verweist aber darauf, dass die Bereitschaftseinsätze nicht für Fälle gedacht sind, in denen akute Gefahr besteht. Ob das so ist, müssen die Mitarbeiter in der Leitstelle einschätzen, die die Anrufe entgegennehmen.

Wer mobil ist, soll die Bereitschaftspraxen aufsuchen. In Regensburg gibt es sie seit 2004 beim Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Rund 120 Patienten pro Tag werden versorgt, sagt Geschäftsführer Dr. Andreas Kestler. Im der Klinik schätzt man die Entlastung der Notaufnahme durch die Bereitschaftspraxis.

Lesen Sie zum Thema auch diesen Kommentar:

Kommentar

Eine Arznei gegen die Landflucht

Die Ärzte sind zum überwiegenden Teil glücklich mit der Reform des Bereitschaftsdienstes – zumindest, solange sie an ihr eigenes Wohlbefinden denken. Dieser...

Auf die Einschätzung der Patienten sei wenig Verlass: „Da kommen Schwerkranke zu Fuß und nur leicht Erkrankte mit dem Rettungssanitäter.“ Mit ein Ziel der Reform ist es, die Notaufnahmen zu erlösen von Menschen, die mit Husten, Heiserkeit oder Hexenschuss auftauchen oder einfach nur, weil sie beim Facharzt keinen nahen Termin erhalten haben. Das funktioniert, berichten Kestler und die KVB.

Weber war zunächst skeptisch. Inzwischen hat er seine Einschätzung geändert. Zwar hat auch er Bammel vor seinem ersten Fahrdienst, denn: „Der Dienstbezirk ist riesig.“ Er reicht von ihm aus dem südlichen Landkreis Kelheim bis hin nach Wörth an der Donau. Doch zumindest zu jenen Zeiten, die erfahrungsgemäß mehrere Hausbesuche gleichzeitig erfordern, sollen mehrere Ärzte über den Bezirk verteilt eingeteilt sein. Birgitt Weinhold war schon mal sechs Stunden am Stück im Auto unterwegs. Darin sieht sie kein Problem. Dank des neuen Fahrdienstes – ein medizinisch geschulter Fahrer chauffiert den Arzt zu den Patienten – konnte sie den Kranken von unterwegs schon telefonisch helfen. Die Patienten hätten stets geduldig reagiert.

Weitere Artikel aus Bayern lesen Sie hier!

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht