MyMz

Geschichte

Nächtliche Kontrolle im „Hurenwinkel“

Früher hatten Nachtwächter eine wichtige Funktion. Heute geben ihre verkleideten Pendants pikante Details von damals preis.
Von Philipp Demling

Alexander Wahl, Nachtwächter in Bamberg, führt im mittelalterlichen Gewand und mit der Hellebarde durch die Altstadt. Foto: Daniel Karmann/dpa
Alexander Wahl, Nachtwächter in Bamberg, führt im mittelalterlichen Gewand und mit der Hellebarde durch die Altstadt. Foto: Daniel Karmann/dpa

Bamberg.Alexander Wahl bläst in sein Horn. „Hört, Ihr Leut‘ und lasst Euch sagen: Uns’re Uhr hat Neun geschlagen“, stimmt er das Nachtwächterlied an. In der Abenddämmerung setzt sich die etwa 30-köpfige Gruppe zu ihrem Rundgang durch die Bamberger Altstadt in Bewegung. Von der Tourist-Info geht es durch die engen, verwinkelten Gassen der oberfränkischen Weltkulturerbestadt bis zum Dom und von dort in die Sandstraße unterhalb des Dombergs.

Der Nachwächter ist leicht zu erkennen: Auf dem Kopf trägt er einen Dreispitz, um den Hals sein Horn. In der linken Hand hält er eine Laterne, in der rechten eine Hellebarde, eine Art Speer mit axtförmiger Klinge und scharfer Spitze. Wahl bietet seine Touren am liebsten als Nachtwächter verkleidet in der Dämmerung an. Seit etwa acht oder zehn Jahren macht er das schon, genau weiß er es nicht.

Ein unehrlicher Beruf

„Die Nachtwächter hatten einen schlechten Ruf“, erzählt der 51-Jährige, ein bärtiger Mann mit kräftiger Stimme. „Es galt als unehrlicher Beruf, weil man dafür keine Ausbildung gebraucht hat.“ Die deutsche Sprache verdanke dieser ausgestorbenen Berufsgruppe einige Redensarten, wie „von Tuten und Blasen keine Ahnung haben“ und „jemandem den Garaus machen“.

Denn zu den Aufgaben des Nachtwächters gehörte es, so Wahl, die Sperrstunde zu kontrollieren. Wenn es soweit war, klopfte der Mann mit Laterne und Hellebarde an die Türen oder Fenster der Wirtshäuser und rief: „Der Tag ist gar aus!“

Die Lampe hat der Bamberger Nachtwächter immer dabei. Während der Führung durch die Altstadt leuchtet sie vom Pflaster aus. Foto: Daniel Karmann/dpa
Die Lampe hat der Bamberger Nachtwächter immer dabei. Während der Führung durch die Altstadt leuchtet sie vom Pflaster aus. Foto: Daniel Karmann/dpa

Der Beruf des Nachtwächters kam im Mittelalter auf, als viele größere Städte entstanden. Vor allem hatte der Wächter darauf zu achten, dass sich „nachts keiner auf der Straße herumtreibt, der da nicht hingehört“, erzählt Wahl. Sie überprüften, ob die Türen und Fenster der Häuser verriegelt waren, und schlugen Alarm, wenn Feuer ausbrach. Und, so berichtet Wahl den ungläubigen Zuhörern, sie kontrollierten nach Hochzeiten mit Blicken durch Tür oder Fenster, ob das Paar in der Hochzeitsnacht ordnungsgemäß die Ehe vollzog.

Als Hilfspolizisten im Einsatz

Als vor etwa 150 Jahren die ersten Straßenlaternen aufkamen, ging der Zunft mehr und mehr die Arbeit aus. Manche Nachtwächter hätten danach als Hilfspolizisten eine Anstellung gefunden, sagt Wahl. Im Umgang mit Waffen waren sie ja geübt. Andere wurden arbeitslos.

„Es galt als unehrlicher Beruf, weil man dafür keine Ausbildung gebraucht hat.“

Alexander Wahl

Nachtwächterführungen gibt es in zahlreichen bayerischen Städten – von München bis Würzburg, von Kaufbeuren bis Kulmbach, von Rothenburg ob der Tauber bis Rosenheim. Mancherorts, zum Beispiel in Nürnberg und Gunzenhausen, ist es eine Frau, die die Besucher in historischem Gewand durch die dämmerige Altstadt führt. Organisiert werden die Führungen teils von privaten Vereinen oder Unternehmen, in einigen Städten werden sie ganzjährig mehrmals pro Woche angeboten.

Nachtwächter Alexander Wahl Foto: Daniel Karmann/dpa
Nachtwächter Alexander Wahl Foto: Daniel Karmann/dpa

In Bamberg gibt es diese Rundgänge seit 2003. Warum ist diese Art von Stadtführung bei Touristen, aber auch bei vielen Einheimischen so beliebt? „Ich glaube, wir bieten eine gute Mischung aus Information und Unterhaltung“, sagt Ekkehard Arnetzl, der die Bamberger Nachtwächterführungen organisiert. „Wir texten die Leute nicht mit Zahlen und Fakten zu, aber wir achten auf Qualität.“

Nie zweimal denselben Weg

Eine wichtige Inspirationsquelle für die Touren sei die Bamberger Nachtwächterordnung von 1789, sagt Arnetzl. In dieser stehe allerhand Kurioses: Zum Beispiel gebiete sie den Nachtwächtern, nie zweimal denselben Weg abzulaufen, um für Gauner unberechenbar zu bleiben. Oder sie verpflichte die Wächter, die „Hurenwinkel“ zu kontrollieren – wie sie das zu tun hatten, darüber schweigt sich das Dokument aus.

Nach eineinviertel Stunden voller teils derber Anekdoten über die als fromm und bierselig geltenden Bamberger ist dann auch der abendliche Stadtrundgang von Wahl vorbei. Er nimmt seinen Dreispitz ab, fast alle Touristen werfen eine Münze oder einen Schein hinein.

Nachtwächter Alexander Wahl mag vor allem eines an dem Job: „Es ist schön zu beobachten, wie sich die Stadt im Laufe der Jahreszeiten verändert“, sagt er. „Das Licht, die verschiedenen Stimmen – das alles ist zu jeder Jahreszeit anders. Ich habe bestimmt schon Hunderte Nachtwächterführungen gemacht, aber es bleibt immer reizvoll.“

Weitere Themen aus Bayern finden Sie hier.

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über WhatsApp direkt auf das Smartphone: www.mittelbayerische.de/whatsapp

Feuer und Diebe

  • Aufgabe:

    Der Nachtwächter musste früher nachts durch die Straßen und Gassen der Stadt gehen und für Ruhe und Ordnung sorgen. Er warnte die schlafenden Bürger vor Feuern, Feinden und Dieben. Auch das ordnungsgemäße Verschließen der Haustüren überwachte er.

  • Recht:

    Er hatte das Recht, verdächtige Personen anzuhalten, zu befragen und festzunehmen.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht