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Tiere

Nationalpark nach Schüssen im Fadenkreuz

Experten sind sich einig: Die entlaufenen Raubtiere sind nicht gefährlich. Dennoch wurde jetzt der zweite Wolf getötet.
Von Wolfgang Ziegler, MZ

Von den sechs aus einem Gehege entkommenen Wölfen sind aktuell nur noch drei übrig: Gestern wurde wieder eines der geschützten Tiere erschossen. Foto: dpa
Von den sechs aus einem Gehege entkommenen Wölfen sind aktuell nur noch drei übrig: Gestern wurde wieder eines der geschützten Tiere erschossen. Foto: dpa

Grafenau.Nach dem Ausbruch von sechs Wölfen aus einem Gehege im Nationalpark Bayerischer Wald in der vergangenen Woche sieht sich die Nationalparkverwaltung massiver Kritik ausgesetzt. Hintergrund ist der Schießbefehl, der nach einer erfolglosen Suche zwei Tage später erlassen wurde. Daraufhin wurde ein Wolf bereits am Sonntag erlegt, ein zweiter gestern Vormittag, ein weiterer wurde von einer Regionalbahn erfasst und getötet. Die Wölfe könnten dem Menschen gefährlich werden, weil sie wenig Scheu zeigten, meinte Jörg Müller, stellvertretender Chef des Nationalparks gestern gegenüber der Mittelbayerischen. Zudem seien sie in freien Wildbahn nicht lange überlebensfähig und suchten sich „menschliche Futterquellen“ wie etwa Haustiere oder Müllplätze.

Der Screenshot aus einem Video vom 6. Oktober zeigt zwei Wölfe an einer Straße bei Lindberg im Bayerischen Wald (Bayern). Eine Familie hatte auf der Fahrt zum Kindergarten die Wölfe gesichtet und mit einem Mobiltelefon aus dem Auto gefilmt. Sechs Wölfe waren in der Nacht zum Freitag aus dem Gehege entlaufen. Foto: Anett Kalmar/dpa
Der Screenshot aus einem Video vom 6. Oktober zeigt zwei Wölfe an einer Straße bei Lindberg im Bayerischen Wald (Bayern). Eine Familie hatte auf der Fahrt zum Kindergarten die Wölfe gesichtet und mit einem Mobiltelefon aus dem Auto gefilmt. Sechs Wölfe waren in der Nacht zum Freitag aus dem Gehege entlaufen. Foto: Anett Kalmar/dpa

Deutsche Wildtier- und Wolfsexperten quittieren diese Aussagen Müllers mit Kopfschütteln. Ulrich Wotschikowsky aus Oberammergau etwa rät zu mehr Gelassenheit im Umgang mit den entlaufenen Wölfen. Der Wildbiologe, der selbst vier Jahre lang im Nationalpark für das Wildtier-Management zuständig war, sagte unserem Medienhaus: „Die Wölfe schauen die Menschen vielleicht neugierig an, weil sie das von ihrem Gehege gewöhnt sind, und werden schließlich davonrennen. Näher kommen werden sie jedenfalls nicht, und ein Angriff ist undenkbar.“ Eine Begegnung zwischen Gehege-Wolf und Mensch würde nach seiner Einschätzung „völlig unspektakulär verlaufen“.

Tiere nicht artgerecht gehalten

Wotschikowsky begründet seine Annahme damit, dass Gehege-Wölfe den Menschen zwar kennen würden, aber nicht an ihn gewöhnt seien. „Der Mensch wird von ihnen nicht als Futterquelle angesehen“, sagt er. Außerdem handle es sich bei den entkommenen Tieren um „naive, unerfahrene Wölfe“, die eine „erhebliche Toleranz gegenüber Menschen“ hätten. Sie hätten sie jeden Tag gesehen und keine schlechten Erfahrungen mit ihnen gemacht, würden sich also wohl eher neutral verhalten.

Ähnlich argumentiert Umweltpädagoge Jan F. Turner, der für die TU München als Referent für Marketing und Kommunikation arbeitet, und in seiner Freizeit für den Nationalpark als Waldführer tätig war – bis vor wenigen Tagen. Mit dem Abschuss des ersten Wolfs hat er seinen Freiwilligen-Dienst quittiert. „Ich bin kein Wolfsexperte“, sagte er im Gespräch mit unserer Zeitung. Aber das Wolf-Management des Nationalparks sei immer schwierig gewesen, trotz einer großen Auslaufzone seien die Tiere nicht artgerecht gehalten worden. Mit dem Ausbruch der Wölfe und dem Schießbefehl sei die Situation dann eskaliert. Dem Nationalpark gehe es nicht um die Tiere, er reagiere damit vielmehr auf die politische Forderung nach der bundesweiten Freigabe des Abschusses von Wölfen.

Von einem Risiko für den Menschen durch die streunenden Wölfe zu sprechen, hält Turner für völlig verfehlt. Nach seinen Worten gibt es in Deutschland keinen einzigen Präzedenzfall, nie habe es einen schweren Zusammenstoß zwischen Mensch und Wolf gegeben. Außerdem weist der Tierschützer darauf hin, dass es sich beim Wolf um eine geschützte Art handle.

Diskrepanzen in den Aussagen der Verantwortlichen des Nationalparks hat auch Brigitte Sommer vom Verein Wolfsschutz Deutschland e. V.  ausgemacht. Zum einen heiße es, die Gehege-Wölfe hätten ihre Scheu vor dem Menschen verloren, zum anderen werde darauf verwiesen, dass Betäubungsgewehre deshalb nicht eingesetzt werden könnten, weil man sich den Wölfen nicht hinreichend nähern könne.

Denken wie ein Wolf

Betäubungsspezialist Heino Krannich aus dem niedersächsischen Wittingen, der 2008 den in Osnabrück entkommenen Wolf Roy einfing, kennt jedenfalls viele andere Techniken, um Wölfe einzufangen. Fallen oder trassierte Korridore zum Beispiel. Bei der Wolfsjagd müsse man denken wie ein Wolf, sagt er. Krannich setze gerne einen seiner Hunde als Köder ein, der von den Wölfen als degenerierter Artgenosse angesehen werde. Den würden sie sich gerne aus der Nähe anschauen wollen. „Und dann – peng! – trifft der Pfeil aus dem Blasrohr!“

Heino Krannich fing 2008 den in Osnabrück entlaufenen Wolf Roy ein. Foto: dpa
Heino Krannich fing 2008 den in Osnabrück entlaufenen Wolf Roy ein. Foto: dpa

Alles Theorie, sagt Jörg Müller dazu. „Wir haben es mit dichtem Wald und uneinsehbarem Unterwuchs zu tun“, so der stellvertretende Nationalpark-Chef. Außerdem müssen wir vor Ort den Kopf hinhalten, wenn etwas passiert.

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