MyMz

MZ-Serie

Neue Tradition beim Hochzeitsladen

Christa Riel hat sich in eine männerdominierte Zunft gesungen. In unserer Video-Porträtreihe erzählt sie, wie wichtig Brauchtum für sie ist.
Von Andrea Fiedler, MZ

Sie singt, moderiert, löst Probleme: Am Hochzeitstag behält Christa Riel für das Brautpaar den Überblick. Foto: dgmedia

Neumarkt.„Wir parken gleich da!“ Die weiße Limousine fährt vor, obwohl kaum Platz vor der Wallfahrtskirche am Mariahilfberg ist. Es ist ein warmer Sommertag mitten im Juni – der perfekte Tag zum Heiraten. Und während sich Gratulanten um ein gerade getrautes Paar drängen, bahnt Christa Riel ihrer Braut und ihrem Bräutigam den Weg: „Geht’s ihr a weng auf’d Seiten?“ Riel schiebt sich durch die Menge, gestikuliert wild in der Luft, und lotst das Brautauto routiniert bis zum Kirchentor.

Christa Riel ist Profi. Für sie ist es nicht die erste Trauung in diesem Jahr. „Es gibt in Bayern 175 Hochzeitslader – und zwei Frauen“, sagt sie. Die Neumarkterin ist eine davon, darauf ist sie stolz. Schwiegermütter, Trauzeugen oder das Brautpaar selbst rufen bei ihr an. Christa Riel organisiert für sie, wer die Blumen in der Kirche streut oder hütet während der Trauung den Nachwuchs. Die 35-Jährige schreibt außerdem schon Wochen vorher Lieder und Gedichte für das Paar: „Mir ist wichtig, dass eine Hochzeit amüsant und tiefsinnig ist“, erklärt sie.

Beobachterin im Hintergrund

Christa Riel hat sich allein in eine der hinteren Kirchenbänke gesetzt. Sie braucht nicht den besten Blick auf das Paar. Den überlässt sie anderen. Neben ihr der traditionelle Hochzeitslader-Stecken, auf dessen bunten Satinbändern die Namen aller von ihr begleiteten Brautpaare stehen.

Vor dem Altar sitzen an diesem Junitag Sabine und Josef aus Seubersdorf. Die Braut hat den cremefarbenen Rock um den Stuhl drapiert, über ihren Rücken fällt der weiße Schleier. Als eine Sängerin das „Ave Maria“ singt, laufen Tränen über Sabines Wangen. Christa Riel lächelt. Dann sucht sie nach einem Taschentuch.

„Ich bin nicht die erste Frau auf dieser Hochzeit“, sagt die 35-Jährige gern, wenn sie ihre Aufgabe beschreibt. Die Laderin hat Schuheinlagen und Tempos dabei. Sie hat Tücher griffbereit, um Flecken aus dem Brautkleid zu tupfen. Christa Riel hat jeden Augenblick des Tages durchdacht. „Ein Hochzeitslader macht’s ja öfter. Ein Brautpaar nur einmal.“ Im Schatten neben der Kirche stehen ihre Taschen. Die Gitarre und die Teufelsgeige. Daneben ein goldlackierter Rahmen für die Erinnerungsfotos der Gäste.

„Darf ich dir ein kleines Tierchen aus dem Schleier fangen?“ Christa Riel befreit einen schwarzen Käfer und zupft den Tüll an Sabines Hinterkopf zurecht. Die Gäste stehen vor der Kirche in einem Halbkreis um das Brautpaar und hören zu, als Christa Riel ihren ersten Auftritt hat. Sie spielt auf der Gitarre. Als sie über die ewige Liebe, über Vertrauen und Treue singt, küsst der Bräutigam seine Sabine und drückt sie fest an sich.

Seit der Kindheit gehört das Singen zu Christa Riels Leben. Sie verfasst Gedichte, spielt Theater und schrieb sogar vor ein paar Jahren ihren Schauspielkollegen eine bayerische Komödie auf den Leib. Als sie vor drei Jahren einen Fernsehbeitrag über die Tradition des Hochzeitsladens sieht, ist sie begeistert. Was die machen, könne sie auch, habe sie damals gedacht.

Vor der Videokamera erzählt Christa Riel von dem Abend, an dem sie sich in die Zunft gesungen hat. Als Aufnahmeprüfung sang sie extra freche Gstanzln: „Die Einladung war ja nur für Männer“, sagt Riel und lacht. Einem ihrer Kollegen passte der Auftritt damals zwar nicht, er wehrte sich gegen ihre Aufnahme. Verhindern konnte er sie aber nicht.

Christa Riel ist eine Frau, die perfekt ins Dirndl passt. Um ihre Schultern hat sie ein rotes Tuch gebunden, an dem feine Fransen hängen. Die hellbraunen langen Haare sind ordentlich aus dem Gesicht gekämmt. Im Alltag arbeitet die 35-Jährige als Bankenprüferin. Sie hat viel mit Zahlen zu tun. „Aber auch mit Menschen“, meint sie. Das habe ihr Beruf mit dem Hochzeitsladen gemeinsam. Für die Neumarkterin gehören klar Strukturiertes und Kreativität zusammen. „In der Mitte liegt der Ausgleich.“

Riel ist selbst verheiratet

Vor eineinhalb Jahren hat Christa Riel selbst geheiratet. „Jeder weiß um die Scheidungsquoten, aber man hofft, dass es trotzdem klappt“, sagt sie. Ihre eigene Hochzeit war eine standesamtliche Trauung, eine kleine Feier mit der Familie. „Freunde haben ein Gstanzl für uns gesungen“, sagt sie. Für sie und ihren Mann Christian. „Das war sehr schön.“

In Riels Leben treffen Tradition und Moderne täglich aufeinander. „Ich denke, dass man aus der Vergangenheit Schönes nutzen kann“, sagt die 35-Jährige. Trotzdem wehrt sie sich gegen eingefahrene Rituale, die Frauen benachteiligen. Auf der Hochzeit von Sabine und Josef hat Christa Riel das Brautpaar auch die Suppe salzen lassen. Früher – und bei manchem männlichen Kollegen noch heute – machen das die Frauen. Symbolisch übernehmen sie das Küchen-Zepter. Bei Christa Riel ist es anders, hier bekommt auch der Bräutigam den Streuer.

„Jede Hochzeit hat was Besonderes.“ Riels Lieblingsmoment kommt, wenn das Brautpaar am Abend zum ersten Mal auf der Tanzfläche steht. Dieser Moment berühre sie. In den nächsten Jahren will die Hochzeitsladerin auch kirchlich heiraten. Noch will sie warten, bis ihr kleiner Sohn laufen kann. Vielleicht kommt dann auch ein Hochzeitslader-Kollege, vielleicht gibt es eine Einlage. Am Ende zählt für Christa Riel aber das, was für alle Paare gilt: „Wichtig ist, dass der Tag meinem Mann und mir gefällt!“

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht