MyMz

Kurzfilmwoche

Neuer Blick auf alte Märchen

Künstler aus aller Welt interpretieren Oberpfälzer Erzählungen neu. So trifft Schönwerths Sammlung auf digitale Kunst.
Von Katharina Kellner

Im Film „In the Jaws of the Merman“ zieht sich eine Meerjungfrau die Fischhaut vom Körper und wird zum Menschenmann. Foto: Leo Kuelbs/Kurzfilmwoche
Im Film „In the Jaws of the Merman“ zieht sich eine Meerjungfrau die Fischhaut vom Körper und wird zum Menschenmann. Foto: Leo Kuelbs/Kurzfilmwoche

Regensburg.Wenn Erika Eichenseer zu erzählen beginnt, ganz gleich, ob von verwunschenen Wasserfrauen, einem Königssohn im fliegenden Kästchen oder von Prinz Roßzwifel, geraten Zuhörer sofort in den Bann ihrer Geschichte. „Eine Märchentante im positiven Sinn“, nennt Dr. Nicole Litzel sie. Eichenseer verschwindet beim Erzählen nicht etwa hinter einem Märchenbuch. Sie hält es vielmehr mit der mündlichen Erzählkultur.

Nun haben Eichenseer und Litzel, die Organisatorin der Regensburger Stummfilmwoche ist, zusammengefunden. Das kommt der Regensburger Kurzfilmwoche zugute. Durch Litzels Vermittlung landeten 14 Kurzfilme im Festivalprogramm, die zugleich international und regional bedeutend sind: Die oberpfälzischen Märchen aus der Sammlung von Franz Xaver von Schönwerth (1810-1886) inspirierten Video- und Tonkünstler aus aller Welt zu Bearbeitungen. Unter dem Label „Digital Fairy Tales“ entstanden experimentelle Kurzfilme. Darin treffen sich 19. und 21. Jahrhundert, internationale Digitalkunst und Oberpfälzer mündliche Erzähltradition.

„Ich habe das Programm bei einer Veranstaltung des Historischen Vereins gesehen und mir gedacht: Das muss auf die Kurzfilmwoche!“, erzählt Litzel. Was ihr an den Filmen besonders gefällt: Das „Erdige“ der Oberpfalz komme zum Ausdruck. „Diese Märchen sind roh, steinig und unverfälscht. Es kommen auch Prinzen vor, aber eher so dunkle Sachen.“ Die Filme setzten sich weniger mit der Handlung der Märchen als mit den darin vermittelten Stimmungen auseinander.

Dass Schönwerths Sammlung in rund 20 Sprachen übersetzt und damit weltweit bekannt wurde, ist das Verdienst Erika Eichenseers. Die pensionierte Deutschlehrerin interessiert sich für regionale Erzählkultur. Mit Schülern habe sie Theateraufführungen gemacht, erzählt sie beim Gespräch im Café. Irgendwann stieß sie auf einige Märchen, die der Oberpfälzer Volkskundler, Sprachforscher, Sagen- und Märchensammler Schönwerth aufgeschrieben hatte. Sie forschte weiter und hob 1990 im Archiv des Historischen Vereins im Regensburger Runtingerhaus einen Schatz: 500 bis dahin unbekannte Märchen, Sagen und Legenden, die mehr als hundert Jahre lang vergessen waren.

Schönwerth war Kabinettschef und ab 1852 Ministerialrat des bayerischen Königs Max II. in München. Er ließ sich die Geschichten von Oberpfälzer Großmüttern, Mägden oder Köchinnen erzählen. Der gebürtige Amberger schrieb auf, was er hörte.

Warum der Tod so mager ist

„Schönwerth hat gesehen, dass da ein Kulturgut von unschätzbarem Wert verloren zu gehen droht“, sagt Eichenseer. Für sie liegt das Besondere der Sammlung darin, dass Schönwerth den Märchen nichts Künstliches hinzufügte. Er goss die manchmal bruchstückhaften Geschichten zwar in einen fließenden Text, versuchte aber nicht, sie durch Bearbeitungen geschmeidiger für den Leser zu machen. Im Gegensatz zu den Brüdern Grimm, wie Eichenseer betont. Die verniedlichten ihre Texte von Auflage zu Auflage.

Das Programm „Digital Fairy Tales“

  • Die Kuratoren Leo Kuelbs

    aus New York und Sandra Ratkovic aus Berlin spannten Bild- und Tonkünstler aus aller Welt zusammen. Dabei entstanden 14 experimentelle digitale Kurzfilme, die meisten ohne Text. Premiere hatte das Programm 2016 an der Brooklyn Bridge in New York. Kurz darauf war es beim Regensburger Historischen Verein zu sehen.

  • Leo Kuelbs konzipierte

    über hundert Video- und Sound-Art-Projekte, die er auf unabhängigen Plattformen präsentiert. So vernetzt er Künstler über Grenzen hinweg.

  • Bei der Internationalen Kurzfilmwoche

    in Regensburg sind die „Digital Fairy Tales“ am Dienstag, 20. März, 20 Uhr, im W1-Theatersaal zu sehen. Die Kuratoren sind anwesend. Erika Eichenseer erzählt von Schönwerths Märchen. Das Programm läuft etwa 100 Minuten. Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt. (kk)

Damit reagierten sie auf Kritik, die Märchen seien nicht „kindgerecht“. Schönwerths Überlieferungen seien überhaupt nicht für Kinder geeignet, sagt Eichenseer. In seinen archaisch anmutenden Geschichten geht es aus ihrer Sicht eher um die Pubertät. Jene Lebensphase, in der Menschen auf der Suche sind – und Versuchungen ausgeliefert. In den Märchen tun sich allerhand tiefe Brunnen, dunkle Wälder oder unheilvolle Gewässer auf, die die Figuren verschlingen wollen. Wasserfrauen ziehen junge Menschenmänner in die Tiefe, weil sie nur durch ihre Liebe erlöst werden können.

Besonders eindrucksvoll ist die Geschichte vom Anfang der Welt. Damals herrschte laut Schönwerths Überlieferung der Tod über die Welt. Sonne und Mond versuchten, ihn unter die Erde zu vertreiben. Zu diesem Machtkampf haben Anton Marini und Danielle Ezzo einen stimmungsvollen Kurzfilm gemacht: „Throwing Shadows“. Zu sehen sind abstrakte dreidimensionale Gebilde, unterlegt mit sphärischen Klängen. Bei Schönwerth tobt der Kampf zwischen Tod und Gestirnen so wild, dass davon beinahe die Welt untergeht. Am Ende reißen Riesen dem dickleibigen Tod das Fleisch von den Rippen:. „Seitdem ist er so mager.“ Endlich erbarmte sich die Sonne: Sie warf dem Tod ihren dunklen Schleier zu, damit er sich vor den Riesen verstecken konnte. „Seitdem aber trägt der Tod den Schleier der Sonne und wirft die Sonne dunkle Schatten.“

Milch und schmutzige Füße

Der Laptop auf dem Cafétisch spielt als Kostprobe ein weiteres digitales Märchen ab: „Milk Mountain“ von Keegan Luttrell und Justin King. Zu sehen ist eine junge Frau, die stumm, barfuß und im langen weißen Kleid eine märchenhafte Landschaft durchschreitet. Von Zeit zu Zeit gießt sie etwas Milch auf die Wiese, den Waldboden, in einen Bergsee. Sie läuft über Stock und Stein, Erde und Schlamm an Kleid und Füßen. Erika Eichenseer erzählt dazu mit leiser, eindringlicher Stimme Schönwerths Märchen: „Milk Mountain“ greift den alten Mythos auf, mit Hilfe von Milch „die Landschaft zu heilen. Es geht darum, der Natur für ihre Schätze zu danken“, sagt Eichenseer.

Dass Schönwerths Märchen das Interesse internationaler Künstler geweckt haben, empfindet die Vizepräsidentin der Schönwerth-Gesellschaft als Glücksfall. Schönwerth werde im Ausland interessierter aufgenommen als hierzulande, obwohl es „die beste volkskundliche Sammlung Deutschlands“ sei. Auslöser von Schönwerths internationaler Karriere war ein Zeitungsartikel des englischen „Guardian“ von 2012: „500 neue Märchen in Deutschland entdeckt“, hieß es da. Volkskundler aus den USA befassten sich mit Schönwerth – und Kurator Leo Kuelbs aus New York. Den beschreibt Nicole Litzel als „großen Vernetzer“. Zusammen mit der Berlinerin Sandra Ratkovic habe er „den Filmemacher aus Brasilien mit der Musikerin aus Ungarn zusammengespannt“.

Beim Programm „Digital Fairy Tales“ sprechen Kuelbs und Ratkovic über ihr Projekt. Erika Eichenseer hat den Part der „Märchentante“. Sie weiht das Publikum in die geheimnisvolle Welt von Schönwerths Märchen ein.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht