mz_logo

Bayern
Samstag, 26. Mai 2018 28° 2

Musik

Newcomer bangen um Sprungbrett

Neuer Tarifvertrag: Jugendzentren klagen über die zusätzliche Belastung – die GEMA bezeichnet die Novellierung als gerecht.
von Benedikt Dietsch

Phil Handl, Sänger der Band „Coast Down“, in Aktion. Auftritte in Jugendzentren sind für junge Bands oft sehr wichtig, um wertvolle Erfahrung zu sammeln. Foto: Anna-Lena Helfrich

Regensburg.Allein im März fünf Konzerte in Deutschland und den Niederlanden: Die Regensburger Nachwuchsband „Coast Down“ geht auf Tour. Beim Besuch ihrer Facebook-Seite finden sich Fotos von Konzerten, aufwendig produzierte Videos, Bandshirts, kurzum: „Coast Down“ sind eine aufstrebende junge Band. Die ersten Erfolge, welche die Band jetzt hat, verdankt sie auch ihrer frühen Förderung: „Einen unserer ersten Auftritte hatten wir im Jugendzentrum Kontrast“, sagt Sänger Phil Handl. „Die Übung war sehr wichtig für weitere Auftritte. Das ,Kontrast‘ war für uns eine Art Sprungbrett.“ Auf ein solches Sprungbrett können in Zukunft möglicherweise viele Nachwuchsbands nicht mehr steigen.

Grund dafür ist der neue Tarifvertrag „WR-KJA“, der zwischen der Bundesarbeitsgemeinschaft für Offene Kinder- und Jugendeinrichtungen (BAG OKJE) und der GEMA geschlossen wurde, der Gesellschaft für die musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte. Nach seinem Inkrafttreten Anfang dieses Jahres haben mehrere Jugendzentren in Bayern angekündigt, in Zukunft weniger Nachwuchsbands auftreten zu lassen. Als Grund führen sie den gestiegenen Verwaltungsaufwand durch den neuen Tarifvertrag an.

Belastung für Jugendzentren


In Erding will man es anders machen. Das Jugendzentrum Sonic will versuchen, auch weiterhin so vielen Nachwuchsbands wie möglich eine Bühne zu bieten. Doch die Konsequenzen des neuen Vertrags machen sich auch in der oberbayerischen Kreisstadt bemerkbar: Als „völlig unfair“ bezeichnet Ulrich Hofstaller, Leiter des Jugendzentrums, den neuen Tarif . „Wir rechnen nun mit deutlich höheren Kosten“, lamentiert Hofstaller, „ich versuche immer jeder Band eine Chance zu geben, doch durch die zusätzliche Belastung kann ich dem Anspruch, den ich für Jugendkultur habe, einfach nicht mehr gerecht werden“. Für ihn sieht Gerechtigkeit anders aus. Dass die GEMA bisher durch die Pauschalvergütung sozialen Einrichtungen eine Sonderbehandlung zukommen ließ, sei notwendig und richtig gewesen, um die wichtige Arbeit der Jugendzentren zu unterstützen.

Ist in der aktuellen Debatte Wortführer der Jugendzentren: Bernd Schweinar vom Verband für Popkultur Bayern. Foto: Koch

Wortführer der Einrichtungen in der öffentlichen Diskussion ist Bernd Schweinar vom Verband für Popkultur in Bayern (VPBy). Laut ihm liegt das zentrale Problem des neuen Vertrags darin, dass nun auch „Non-GEMA-Repertoire“ vorab gemeldet werden müsse. Sprich: Die Jugendzentren müssen vorab beweisen, dass Nachwuchskünstler keine Songs spielen, für die gezahlt werden muss. Das bringe einen großen Verwaltungsaufwand mit sich.

„Die Vergünstigungen sind nicht mehr als politisch-kosmetische Formulierungen im Vertrag“

Bernhard Schweinar, Verband für Popkultur.

Zu dem enormen Zeitaufwand komme noch ein Vielfaches an Kosten. Eine Berechnung des VPBy kam zu dem Schluss, dass eine Einrichtung mit 30 Veranstaltungen im Jahr statt wie bislang 187,50 Euro nun circa 850 Euro an die GEMA überweisen muss – mehr als das Vierfache wie bisher. Laut eigener Angabe sei diese Kalkulation sogar noch „eher konservativ“ gehalten. Die Vergünstigungen, die im neuen Vertrag aufgeführt sind, können daran laut Schweinar nicht mehr viel ändern: „Es gibt im Vertrag einen vergünstigten Tarif für Jugendkonzerte, bei dem man anstatt 5,75 Prozent der Konzerteinnahmen nur 4,5 Prozent zahlen muss. Bedenkt man allerdings, dass zu diesen Konzerten erfahrungsgemäß nur wenige Leute kommen, so ist es das kaum wert. Für ein paar Euro hat man eine Stunde Aufwand.“ Vergünstigungen dieser Art seien für ihn nicht mehr als „politisch-kosmetische Formulierungen“ im Vertragswerk und „in der Praxis schwer anwendbar.“

GEMA weist Kritik zurück

Die Kritik stößt bei der GEMA auf wenig Verständnis, Schweinars Äußerungen seien, so Schilcher, „sachlich nicht gerechtfertigt“. Auch bisher „mussten Einrichtungen Setlisten für sämtliche Live-Darbietungen bei der GEMA einreichen. Es ist nun lediglich eine zusätzliche vorherige Anmeldung der Veranstaltungen notwendig, die auch ohne großen Aufwand online erfolgen kann.“ Auch für Konzerte von Nachwuchsbands habe diese Regelung bereits zuvor gegolten.

Vor vier Jahren schloss die GEMA einen neuen Tarifvertrag mit den Diskotheken — auch damals gab es Kritik.

Auch den Vorwurf, der neue Tarifvertrag bringe erhebliche Kosten mit sich, entbehre ihrer Meinung nach jeder Grundlage. Durch die verschiedenen Vergünstigungen bleibe „unter dem Strich nicht viel zu zahlen. Alles in allem sprechen wir hier nicht von großen Summen.“ Der neue Tarif sei darauf ausgelegt, dass bedarfsgerecht abgerechnet werde. Das bedeute, dass kleine Einrichtungen mit wenigen oder gar keinen Veranstaltungen vermutlich weniger zahlen werden als bisher, während Einrichtungen mit sehr vielen Veranstaltungen deutlich mehr bezahlen werden. Das sei dann aber auch gerechtfertigt, schließlich verwende man geistiges Eigentum, für das man die Urheber entlohnen müsse.

Erst einmal abwarten

In Regensburg spürt man von den Auswirkungen, ob nun positiv oder negativ, bislang wenig. Laut der Leiterin des Amtes für kommunale Jugendarbeit in Regensburg, Annerose Raith, seien die Jugendzentren vor Ort bislang nicht eingeschränkt. „Was genau der neue Vertrag mit sich bringt“, spricht sie stellvertretend für die Einrichtungen, „wird sich erst im Laufe des Jahres zeigen.“

Annerose Raith, Leiterin der kommunalen Jugendarbeit in Regensburg, will vorerst abwarten, wie sich der neue Vertrag auswirken wird. Foto: Stefan Effenhauser

Eine Ansicht, die auch die BAG OKJE teilt. „Generell lässt sich schwer sagen, wie sich unter dem Strich die Kosten für Einrichtungen entwickeln“, meint der Vorsitzende Ingo-Felix Meier. Klar sei nur, „für manche werden die Kosten gleich bleiben und für andere werden sie leider steigen.“

„Ich gehe von einem wahnsinnigen Verwaltungsaufwand aus“

Annerose Raith, Leiterin des Amtes für Jugendarbeit Regensburg.

Ab Oktober will man sich mit der Gema wieder zusammensetzen, die Erfahrungen austauschen und den Vertrag unter Umständen optimieren. Erst einmal abwarten lautet also die Devise.

Doch nicht zuletzt auch durch die lauten Töne Schweinars bleibt ein fader Beigeschmack beim Blick in die Zukunft. „Ich gehe von einem wahnsinnigen Verwaltungsaufwand aus“, so lautet die Prognose Raiths. Ob dadurch jungen Bands die Bühne genommen wird, bleibt offen.

Weitere Nachrichten aus aller Welt lesen Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht