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Umwelt

Ohne gesunden Boden ist alles krank

Pflanzen, Tiere, Menschen sind auf einen intakten Boden angewiesen. Eine Regensburger Initiative will bundesweit helfen.
Von Bernhard Fleischmann

Wie bestellt die Landwirtschaft ihre Felder? Das ist eine entscheidende Frage für die Ökologie. Foto: Jens Büttner/dpa
Wie bestellt die Landwirtschaft ihre Felder? Das ist eine entscheidende Frage für die Ökologie. Foto: Jens Büttner/dpa

Neunburg vorm Wald.Franz Rösl nennt sich einen „leidenschaftlichen Kompostierer“. Der Regensburger Unternehmer – er betreibt ein Tontagebau- und Erdenwerk – beschäftigt sich intensiv mit dem Boden. Als „Wunder des Lebens“ erscheint ihm die Erde unter unseren Füßen. Vor drei Jahren hat er die Interessengemeinschaft Gesunder Boden initiiert und die Chefrolle übernommen. Gestern konnte er erfahren, was er aus dem Boden gestampft hat: Einen Verein, der 500 Landwirte, Wissenschaftler und weitere Interessenten nach Neunburg vorm Wald gelockt hat, um sich am „Bodentag“ über die neuesten Erkenntnisse rund um Landwirtschaft und Ernährung zu informieren.

Wissenschaft

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Der Verein sieht sich als breit aufgestellte Plattform, um einen Beitrag für gesunde Böden und damit gesunde Pflanzen, Tiere, Lebensmittel, Menschen zu fördern. Rund zwei Drittel der Teilnehmer waren Landwirte, davon wiederum die deutliche Mehrheit konventionell wirtschaftende Betriebe. Es soll keine Mauer zwischen Bio- und Nicht-Bio-Bauern geben. „Bei uns sind nicht die einen die Guten und die anderen die Bösen“, stellte Rösl klar. Vielmehr will man Lerneffekte auf allen Seiten erzielen. Die Expertenvorträge drehten sich um Bodenfruchtbarkeit und -schonung, etwa durch neue Geräte, die vermeiden, dass der Landwirt mit immer schwererem Gerät die Erde verdichtet. An anderer Stelle ging es um die Futterqualität für Tiere.

Das ökologische Desaster

Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker: Der bekannte Wissenschaftler ist Ehrenpräsident des Club of Rome. Foto: Bernhard Fleischmann
Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker: Der bekannte Wissenschaftler ist Ehrenpräsident des Club of Rome. Foto: Bernhard Fleischmann

Rösls Initiative lockte namhafte Experten. Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker nimmt zwar keineswegs für sich in Anspruch, Bodenspezialist zu sein, aber zu Ökologie und Gesellschaft hat er viel zu sagen. Er spricht ein Grundproblem an: den Bevölkerungszuwachs. Seit 1950 ist die Zahl der Menschen von 2,5 auf bald acht Milliarden gewachsen. Technologie hat die Ernährungs- und Gesundheitssituation massiv verbessert – aber nur für die Menschen. Ökologisch hat diese Entwicklung ein Desaster angerichtet. Nun bräuchten wir dringend eine „regenerative Denke, die Nachhaltigkeit wirklich ernst nimmt“. Andernfalls sollten wir uns nicht wundern, wenn uns unsere Enkel noch schlimmer als Umweltvernichter beschimpfen, als „wir es mit der Nazigeneration getan haben“.

Jeder Mensch beeinflusst den Boden, bemerkte Rösl in einem Pressegespräch – etwa durch seinen Energieverbrauch oder die Auswahl der Waren, die er einkauft. Dabei greift es zu kurz, wenn die Menschen glaubten, sie hielten sich gesund, wenn sie Bio-Lebensmittel essen.

Dr. Felix Prinz zu Löwenstein: Er ist Bundesvorsitzender des Bunds Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Foto: Bernhard Fleischmann
Dr. Felix Prinz zu Löwenstein: Er ist Bundesvorsitzender des Bunds Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Foto: Bernhard Fleischmann

„Das eigentliche Thema ist die gesamte Landwirtschaft“, machte Dr. Felix Prinz zu Löwenstein klar. Der Vorsitzende des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft mahnt: „Wir können nicht erwarten, uns gesund zu halten in einer Umwelt, die wir krank machen.“ Das tue der Mensch ohne Unterlass. Nahezu immer greife er ein, ohne die Folgen abschätzen zu können. Das Öko-System sei viel zu komplex, um Wirkungen vorzuhersagen. Deshalb müsse sich ökologische Landwirtschaft so nah wie möglich am natürlichen System bleiben, um nur geringen Schaden anzurichten, lautet Löwensteins Formel.

Auch Wasser wird angebaut

Dr. Ursula Hudson: Die Bundesvorsitzende von Slowfood beschäftigt sich mit dem Kulturthema Essen. Foto: Bernhard Fleischmann
Dr. Ursula Hudson: Die Bundesvorsitzende von Slowfood beschäftigt sich mit dem Kulturthema Essen. Foto: Bernhard Fleischmann

So sieht das auch die Bundesvorsitzende von Slowfood Deutschland, Dr. Ursula Hudson. Ursprüngliche, regionale Lebensmittel sind ihr Anliegen. Slowfood ist Mitglied der IG.

Zum System Boden gehört auch das Wasser, es sei ein Produkt dessen, sagt Dr. Franz Ehrnsperger. Der ehemalige Chef der Neumarkter Lammsbräu, bekannt zunächst für Öko-Bier, später für eine ganze Reihe von Bio-Getränken, wirkt als Fachbeirat der IG und Vorsitzender der Qualitätsgemeinschaft Bio-Mineralwasser. Seine Formel: „Auch Wasser wird angebaut und geerntet.“ Und: „Wenn der Boden gesund ist, dann ist alles andere auch gesund.“

Dr. Franz Ehrnsperger: Der Ex- Lammsbräu-Chef leitet die Qualitätsgemeinschaft Bio-Mineralwasser. Foto: Bernhard Fleischmann
Dr. Franz Ehrnsperger: Der Ex- Lammsbräu-Chef leitet die Qualitätsgemeinschaft Bio-Mineralwasser. Foto: Bernhard Fleischmann

Solche Erkenntnisse muten selbstverständlich an, gerade bei Landwirten. Doch so einfach ist es offenbar nicht, wie ein Blick auf die Großdemo der Bauern in Berlin am Vortag zeige. „Um Lösungen zu finden, muss man das Problem anerkennen“, so Löwenstein und Weizsäcker. Davon sei in Berlin aber nichts zu hören gewesen. Landwirte müssten erkennen, „dass die Esser ihre Kunden sind“, so Löwenstein. In keiner anderen Branche schimpften Anbieter so über ihre Kunden, wenn diese etwa Zweifel am Wert der Milch in ihrer jetzigen Erzeugungsweise äußerten. Um positive Beispiele zu würdigen, ehrte die IG drei „Botschafter gesunder Boden 2019“: Michael Simml (Landwirt Gemüse- und Obstbau, Kreis Cham), Franz Kriechenbauer (Landwirt, Milchviehbetrieb mit Futter- und Marktfruchtbau, Kreis Neustadt/WN) und Manfred Gilch (Landwirt, Milchviehbetrieb mit Futterbau, Kreis Roth). Sie alle hätten sich um gesunden, humusreichen Boden verdient gemacht.

Damit die Veranstaltung ökologisch verträglich ist, wird der von ihr ausgelöste CO2-Verbrauch durch Pflanzaktionen kompensiert, versprachen die Verantwortlichen. Die angebotenen Lebensmittel waren samt und sonders regional und weitgehend unverpackt geliefert worden.

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