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Paul Adairs Einsatz in der Oberpfalz

Die großen Schlagzeilen Ostbayerns: In Eschenfelden gerät 1970 ein Gasspeicher in Brand. Der berühmteste Feuerwehrmann der Welt löscht.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

  • Ohne ausreichende Schutzausrüstung versuchten rund 400 Feuerwehrmänner tagelang den Gasbrand in den Griff zu bekommen – zunächst vergeblich.Fotos: Bildstelle Berufsfeuerwehr Nürnberg (2), dpa (1), Stöcker-Gietl (2)
  • Mit einer Schwerspat-Mischung wurde das Feuer totgepumpt.
  • Feuerwehrmann Karl Hiltl war bei dem Großeinsatz dabei.
  • Paul „Red“ Adair wurde aus Texas in die Oberpfalz eingeflogen.

Eschenfelden.Sie nannten ihn „Feuerteufel“ und „Höllenkämpfer“. Paul „Red“ Adair war bis zu seinem Tod 2004 der berühmteste Feuerwehrmann der Welt. Der texanische Brandexperte löschte 117 brennende Ölquellen im Golfkrieg, da war er schon 76 Jahre alt. Er bekämpfte ein verheerendes Großfeuer auf der Ölplattform Piper Alpha in der Nordsee, bei dem 167 Arbeiter starben. Wenn Feuerwehren am Ende ihrer Möglichkeiten waren, dann holten sie Paul Adair. Im September 1970 kam er auch zu einem Einsatz in die Oberpfalz. Der Gasspeicherbrand in Eschenfelden (Lkr. Amberg-Sulzbach) gilt bis heute als der schwerste Gasbrand in der Geschichte der Bundesrepublik.

Eine 30 Meter hohe Rauchsäule

An jenem 19. September 1970 zur Mittagszeit war der damals 18-jährige Karl Hiltl gerade mit seinem Bulldog auf dem Feld. Hinter dem Wald sah er eine riesige Rauchwolke aufsteigen. „Ich habe sofort geahnt, dass das das Bohrloch ist“, erzählt Hiltl im Gespräch mit der MZ. Zehn Ortsfeuerwehren rückten aus, auch Hiltl war dabei. Doch schnell war klar, dass dieser Brand mit den sonst üblichen Mitteln nicht zu bekämpfen war. Die Feuerwehren Sulzbach-Rosenberg und Amberg brachten besseres Gerät und weitere Dutzende Feuerwehrmänner an den Unfallort. Wenig später wurden auch die Flughafen-Feuerwehren aus Nürnberg und Frankfurt alarmiert. Erst versuchte man es mit Wasser, dann mit einem Schaumgemisch, doch nichts war von Erfolg gekrönt. „Wir befürchteten, dass es monatelang oder sogar jahrelang in Eschenfelden brennen könnte“, erinnert sich Hiltl.

Was war an dem Bohrloch passiert? Bei routinemäßigen Wartungsarbeiten an einem 700 Meter tief gelegenen Gasspeicher wurde mit dem Kran ein Leck verursacht. Mit 40 bar Druck schoss daraus das Gas und entzündete sich sofort durch die Luftreibung. Die Flamme ragte 30 Meter in den Himmel und wurde von dem ständig weiter ausströmenden Gas aus dem mit 170 Millionen Kubikmeter befüllten Speicher gespeist. Durch die Hitze – es herrschten 1500 Grad – war bereits nach wenigen Stunden der Förderturm abgeknickt und umgefallen. Die Löscharbeiten wurden dadurch erschwert, dass die Feuerwehrmänner keine hitzefesten Schutzanzüge zur Verfügung hatten. „Wir haben ohne Gesichtsschutz, unter einem Wasser-Sprühstrahl gearbeitet und wurden alle zwei bis drei Stunden ausgetauscht“, erzählt Hiltl von dem anstrengenden Einsatz. Denn nicht nur die Hitze, auch der Geräuschpegel zerrte an den Nerven der Helfer. „Ein total lautes Zischen“ kam aus dem Bohrloch, erinnert sich Hiltl.

Alles auf eine Karte gesetzt

Weil das Wasser nicht ausreichte, mussten in mehreren Kilometern Entfernung Bäche angezapft werden. Die inzwischen auf über 400 Leute angewachsene Einsatztruppe legte Rohre. Auch der Sonntag verging, ohne dass das Feuer gelöscht werden konnte. Die Firma Ruhrgas, in deren Besitz der Gasspeicher damals war, setzte schließlich alles auf eine Karte. Der berühmte Feuerwehrmann Paul „Red“ Adair hatte seine Hilfe angeboten. Nach einigem Hin und Her ließ man ihn einfliegen, heißt es in den Zeitungsartikeln von damals. Bereits von Houston aus gab er Anweisungen, wie an der Unglücksstelle zu verfahren sei. Es wurde damit begonnen eine Schwerspatlösung abzumischen, um das Feuer „totzupumpen“. Zunächst noch ohne Erfolg.

Adair bezog am Mittwoch ein Zimmer im Gasthof „Zum Wilden Mann“ in Königstein, genehmigte sich ein Bier und eine Portion Schinken mit Ei. Erst danach ließ er sich zum Gasspeicher bringen und übernahm mit seinem Team die Einsatzleitung. Mit einem Gemisch aus Wasser, Schwerspat und den Quellstoffen Magogell und Spergene – so kann man im Feuerwehrmuseum in Nürnberg nachlesen – wurde ein zweiter Totpumpversuch unternommen. Die Masse wurde durch eine 200 Meter lange Leitung mit einem Druck von 70 bar in die Gasleitung gepresst.

Längst hatte sich herumgesprochen, was sich in dem beschaulichen Ort abspielte. „Überall standen die Schaulustigen und verfolgten die Löschversuche“, erzählt Hiltl. Felder waren zugeparkt mit den Fahrzeugen der Katastrophentouristen. Eine Brauerei baute sogar einen Bierstand auf und machte damit ein gutes Geschäft.

Am Freitag, 142 Stunden nach Ausbruch des Feuers, gelang es Paul Adair, den spektakulären Gasbrand zu löschen. Die Ruhrgas AG soll sich bei ihm mit einem knallroten Sportwagen aus deutscher Produktion bedankt haben.

Die Ortsfeuerwehren erhielten in Folge eine bessere Ausrüstung und absolvierten von da an regelmäßig Katastrophenschutzübungen zum Brennstoff Gas. Die Gasspeicher von Eschenfelden gehören heute dem Konzern E.ON und sind Teil einer Gasleitung, die von der Ukraine bis nach Frankreich reicht.

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