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Asyl

Pflegeeltern nehmen junge Flüchtlinge auf

2014 kamen 3400 Flüchtlinge im Kinder- oder Jugendalter nach Bayern. Einige wurden inzwischen an Pflegeeltern vermittelt.
Von Klaus Tscharnke, dpa

Die Messlatte bei Pflegefamilien für Flüchtlinge liegt hoch: Die Familien müssten bereit sein, sich voll und ganz auf die kulturellen Besonderheiten der Flüchtlinge einzulassen.
Die Messlatte bei Pflegefamilien für Flüchtlinge liegt hoch: Die Familien müssten bereit sein, sich voll und ganz auf die kulturellen Besonderheiten der Flüchtlinge einzulassen. Foto: dpa

Nürnberg.Für den 16 Jahre alten Somali war es von Anfang an eine klare Sache: Vor die Alternative „Wohngruppe oder Pflegefamilie“ gestellt, entschied sich der junge Flüchtling sofort für das Ersatz-Zuhause im familiären Rahmen. „Da bin ich gezwungen, Deutsch zu sprechen und lerne das Leben in Deutschland viel besser kennen“, ist der junge Asylbewerber überzeugt. Seine monatelange Flucht hatte den jungen Mann im vergangenen Sommer nach Nürnberg verschlagen.

Im Moment bemühen sich Diakonie-Mitarbeiter der Rummelsberger Dienste um eine Pflegefamilie für ihn. Die Aussichten dafür stehen gut. Denn Berichte über die wachsende Zahl elternloser junger Flüchtlinge hat das Interesse an einer sogenannten Pflegschaft in den vergangenen Monaten stark wachsen lassen, berichtet der Leiter des Pflegekinderdienstes in Nürnberg, Benno Schlag.

Motivation: Nicht immer nur reden, sondern konkret etwas tun

Bei einem Infoabend im vergangenen Herbst kamen statt der erwarteten 20 bis 30 Leute 80 Interessierte. Bei zwei weiteren Veranstaltungen waren es zusammen fast 120. Als ernsthafte und geeignete Bewerber blieben am Ende 20 bis 25 Paare übrig. „Viele sagen, sie wollten nicht immer nur reden, sondern auch konkret etwas tun“, beschreibt Schlag eines der Hauptmotive der Bewerber.

Auch unterschieden sich Paare, die sich für die Aufnahme von jungen Flüchtlingen interessierten, oft deutlich von jenen, die sich um ein deutsches Pflegekind bewerben, hat Schlag beobachtet. Paare die sich für ein deutsches Kind interessierten, seien meist junge kinderlose Ehepaare. „Diejenigen, die junge Flüchtlinge aufnehmen wollen, sind dagegen meist schon Anfang bis Mitte 50. Ihre eigenen Kinder sind oft schon erwachsen und aus dem Haus“, berichtet Schlag.

In Nürnberg sind nach Angaben des städtischen Sozialreferat seit Oktober vier junge Flüchtlinge bei Pflegefamilien untergekommen. „Das ist bisher ganz gut gelaufen“, sagt Christine Hofmann von der städtischen Fachstelle Vollzeitpflege. Bei 20 Familien laufe die aufwendige Überprüfung derzeit noch oder stehe kurz vor dem Abschluss. Nach Schlags Informationen warten derzeit einige junge Flüchtlinge in Nürnberg auf die Unterbringung in einer Pflegefamilie.

Traumatische Erlebnisse der Kinder können Pflegefamilien leicht überfordern

Bei einem ähnlich starken Zustrom wie bisher könnte ihre Zahl rasch steigen. Denn gerade die motiviertesten unter den jungen Flüchtlingen erhofften sich in Pflegefamilien bessere Startchancen als in einer Wohngruppe. Andere zögen ein Jugendheim oder eine Wohngruppe dennoch vor, weiß Schlag. „Manche schätzen den Kontakt zu Gleichgesinnten.“ Auch die Aussicht, in einer Familie fernab der Großstadt zu leben, schrecke manche ab.

Zurückhaltend sieht das Diakonische Werk Bayern die Unterbringung junger Flüchtlinge in Pflegefamilien. „Wir freuen uns über jede Initiative in diese Richtung“, sagt Diakoniesprecher Daniel Wagner. Wegen der traumatischen Erfahrung vieler Kinder und Jugendlicher könnten Pflegefamilien aber leicht überfordert sein. „Wenn es zu traumatischen Ausbrüchen kommt, muss damit adäquat umgegangen werden. Das geht nicht ohne ordentliche Ausbildung. Das ist etwas für Fachleute.“

Messlatte bei Pflegefamilien für Flüchtlinge besonders hoch

Ähnlich sieht das derzeit auch das Jugendamt in Rosenheim und verzichtet erst einmal auf die Vermittlung von Pflegefamilien. Derzeit sind dort die ausländischen Jugendlichen in Wohngruppen untergebracht, wo eine entsprechende Betreuung der häufig traumatisierten Flüchtlinge gewährleistet sei.

Um die Probleme weiß auch Schlag vom Pflegekinderdienst der Rummelsberger Dienste. Er legt deshalb die Messlatte bei Pflegefamilien für Flüchtlinge besonders hoch. Die Familien müssten neben den üblichen Voraussetzungen bereit sein, sich voll und ganz auf die kulturellen Besonderheiten der Flüchtlinge einzulassen. Während der Pflegschaft würden sie begleitet und fortgebildet. Viele junge Flüchtlinge seien durch die Fluchterfahrung allerdings sehr selbstständig. „Sie brauchen oft gar keine Eltern. Es geht mehr um eine Partnerschaft oder eine Art Coaching.“ (dpa)

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