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Brauchtum

Polit-Klone erstürmen den Nockherberg

Beim Derblecken bleibt keiner verschont. Die größten Steilvorlagen liefert der „Bavaria-Horst“ und seine CSU.
Von Christine Schröpf, MZ

  • Ein schlafwandelnder Horst Seehofer ringt Kanzlerin Angela Merkel (Antonia von Romatowski) nieder –und lässt sich auch von SPD-Mann Martin Schulz (Thomas Wenke) nicht stoppen. Fotos: dpa
  • Simon Pearce als Flüchtling, der die CSU rechts überholt. Da war selbst Markus Söder (Stephan Zinner) baff. Foto: dpa
  • „Ist Kanzler schwierig?“, fragt das Martin-Schulz-Double die Kanzlerin – beim Schmauchen einer Haschzigarette entdeckt man Gemeinsames. Foto: dpa

München.Ein schlafwandelnder Horst Seehofer würgt Angela Merkel, ringt sie zu Boden und stöhnt ihr ein „Obergrenze“ ins Ohr. Die Kanzlerin und der neue SPD-Heiland Martin Schulz schmauchen sich mit einem Hasch-Zigaretterl den Wahlkampf schön. CSU-Kronprinz Markus Söder gockelt über die Bühne – ganz gefühlter Nachfolger des Dschingis Khan – und trällert was über seine „narzisstische Persönlichkeitsstruktur“. Ein Flüchtling in Trachtenjanker verteidigt die „boarische Hausordnung“ so vehement, dass selbst die CSU erblasst, und à la CSU-General Andreas Scheuer über fußballspielende, ministrierende Senegalesen schwadroniert, die kaum mehr loszuwerden sind: Das Singspiel von Nockherberg-Regisseur Markus H. Rosenmüller hält wieder viel Bajuwarisch-Hinterfotziges parat. In seiner inzwischen fünften Inszenierung, inspiriert durch Stanley Kubricks Horrorfilm „Shining“, sorgen Wahlkampfklone und Fake-News für Abgründe.

Perfider Plan von Rot-Rot-Grün

Schauplatz ist das Foyer eines abgeschrappten Hotels. Das Bühnenbild erinnert an Gemälde des US-Künstlers Edward Hopper – nur in der verrückten Version. In der Rezeption sind Wärmflaschen an die Wand genagelt. In einer Glasvitrine lagern Baldrian und Doornkaat. Eine Leuchtreklame kündet von „Schöner Aussicht“, dabei ist nur ein dürrer Baum im Blick. Ein Interieur, in dem die CSU-Prominenz aufmarschiert: Seehofer samt Markus Söder und Ilse Aigner, flankiert vom neuen Kronprinz Nummer 1: Innenminister Joachim Herrmann.

Sie folgen einer Einladung zum Fest „60 Jahre SPD-Opposition in Bayern“, treffen auf ein Trio aus Rot-Rot-Grün, das allerdings perfide Pläne schmiedet. Bayerns Noch-SPD-Chef Florian Pronold, Grünen-Politiker Toni Hofreiter und Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht wollen per Spuk-Lift Klone der CSU produzieren, darauf programmiert, sich nach Strich und Faden zu blamieren. Aus Wagenknechts Sicht eine echte Herausforderung. „Sie sollten sich schon vom Original unterscheiden.“

Reaktionen

  • Seehofer: „Hintersinnig“

    Regierungschef Horst Seehofer begeisterte die Fastenpredigt („hintersinnig, feinsinnig“), das Singspiel brachte ihn ins Schwärmen. „Ich bin sicher, zum heutigen Abend wird es von keinem einzigen Politiker eine Beschwerde geben.“ Seehofer war trotz einer schweren Erkältung zum Starkbierfest gekommen. „Den Nockherberg streichen ist schlechterdings nicht vorstellbar. Ich wäre auch auf einer Liege gekommen. Gott sei Dank war es nicht notwendig.“

  • Rinderspacher: „Zahm“

    SPD-Landtagsfraktionschef Markus Rinderspacher fand die „Mama Bavaria“ dieses Mal viel zu zahm. „Sehr brav. Die CSU hat ihr mit der Kritik vom Vorjahr den Zahn gezogen.“ Das Singspiel bezeichnete er dagegen als „schlichtweg genial“.

  • Söder: „Steigerung“

    Finanzminister Markus Söder bescheinigte der Bavaria eine „100 prozentig Steigerung“ im Vergleich zu 2016. Auch Luise Kinsehers Spott über sein öffentliches Posen mit Hunden, nahm er mit Humor. Er möge Hunde, sie seien gute Menschenkenner.

  • Alternatives Derblecken

    Der Oberpfälzer CSU-Landtagsabgeordnete Harald Schwartz war am Mittwoch Mitorganisator eines alternativen Derbleckens im Maximilianeum, zu dem auch die Nockherberg-Boykotteure Barbara Stamm und Emilia Müller eingeladen waren. In die Rolle des Fastenpredigers Barnabas schlüpfte bei dieser Veranstaltung der Journalist Matthias Schöberl. Er mache das „sehr hinterfotzig à la Django Asül“, sagt Schwartz.

Der Plan geht gründlich schief, am Ende ist auch Rot-Rot-Grün geklont. Die Wagenknecht gibt’s gar in einer Triple-Version - wie im echten Leben politisch schwer einzuordnen. Der Söder-Klon wiederum weckt in CSU-Frau Aigner liebevollere Gefühle als das Original: Er ist kein Kraftprotz, sondern Zauderling, der zweifelt, die Seehofer-Nachfolge im Kreuz zu haben. „Ilse, tut mir leid, ich kann das nicht“, legt Singspiel-Autor Thomas Lienenlüke seinem Söder in den Mund.

Schön anzuschauen auch das Bühnen-Duell Merkel kontra Schulz. Der SPD-Mann präsentiert sich als Armenversteher und Tausendsassa. „Ich kann beides sein: Blume und Vase.“ Er hat beim Singspiel auch einen leisen Moment. „Frau Merkel, ist Kanzler eigentlich schwierig?“, fragt er seine Gegenspielerin. „Nicht schwieriger als rückwärts Einparken“, lautet Merkels Antwort. Dann gucken beide so, als ob sie dieser Fertigkeit nicht mächtig sind.

Sehen Sie das Singspiel in voller Länge:

Das Starkbierfest am Nockherberg hat Tradition. Die Wurzeln reichen bis 1891 zurück. Paulaner-Chef Andreas Steinfatt macht dafür dieses Jahr rund 500 000 Euro locker. Die Eintrittskarten sind begehrt. SPD-Kanzlerkandidat Schulz hätte dieses Jahr Platz nehmen können, kommt aber nicht. Stattdessen reist Umweltministerin Barbara Hendricks an, zuletzt wegen ihrer kecken Bauernregeln böse geschmäht. Die CSU ist mit Ministern aus Bund und Land vertreten. Zwei Frauen, die sonst immer da waren, fehlen allerdings: Sozialministerin Emilia Müller hatte sich 2016 durch die Fastenpredigt von „Mama Bavaria“ Luise Kinseher zu hart angepackt gefühlt. Sie wurde in der Asylpolitik mit einem blinden Huhn verglichen, das nicht weiß, wo das Korn hängt. Landtagspräsidentin Barbara Stamm, die sich mit Müller solidarisiert hatte und den Nockherberg als prinzipiell sehr männerlastig und besonders schroffes Gelände für Frauen bezeichnete, bleibt ebenfalls weg: Aus Ärger über Paulaner-Chef Steinfatt, der ihre Kritik zu lax beiseite gewischt habe.

Impressionen von der Kultveranstaltung finden Sie in unserer Bildergalerie:

Im Singspiel gibt’s dazu einen kurzen Schlenker zu nicht ausgesprochenen Einladungen, die sich schwer ausgeschlagen lassen. Auch „Mama Bavaria“ nimmt den Ball kurz auf, verweist auf den Weltfrauentag, der ausgerechnet am Mittwoch international gefeiert wird. „Sogar Frauen sind da“, ruft sie in den Saal, verlängert ihre Liste um den langhaarigen Grünen-Politiker Hofreiter, münzt am Ende allerdings alles allein auf sich selbst: „Bavaria First“. Kinseher verballhornt damit ganz nebenbei den aktuellen Wahlkampfslogan der CSU.

Sonst in ihrem Fokus: „Bavaria-Horst“ Seehofer, der wie US-Präsident Donald Trump auch mit 70 Jahren längst nicht im Rentenalter sein wird. „Haare hat er auch noch auf dem Kopf und was seine Gesundheit anbetrifft, da mache ich mir auch keine Sorgen: Dekrete unterschreiben kann man auch im Sitzen.“ Unvorsichtig nennt sie angesichts des langen Zwists mit der Kanzlerin Seehofers Angebot, Parteifreunde könnten ihn nach der Bundestagswahl köpfen, falls seine Politstrategien nicht aufgingen. „Da würde ich an Angela Merkels Stelle sagen: Danke Horst, das ist ein Angebot.“

Söders 92 Wahlversprechen

Die Bavaria spottet über den von Natur aus gemächlichen Innenminister Hermann, den sie als CSU-Spitzenkandidat nach Berlin abordnet. „Hallo. Da musst du dich jetzt schon bewegen. So ein Amt fällt nicht auf dich drauf.“ Süffisant kommentiert sie die bayerische Grenzsicherung. Die Polizei verhafte dort inzwischen mehr Verbrecher als Flüchtlinge. „Das sind Kollateralerfolge.“ Sie spießt das Hickhack ums achtstufige bayerische Gymnasium auf, das in homöopathischen Dosen abgeschafft werde, damit es nicht so auffällt. Nebenwirkungen: „Chaos, Verzweiflung, Lehrermangel.“

„Wir machen uns nicht lächerlich, wir sind so.“ Die „Mama Bavaria“ über Dobrindts Maut

Das Auf und Ab um die Maut von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt wird ebenso derbleckt. „Wir machen uns nicht lächerlich, wir sind so.“ Bayerns Justizminister Winfried Bausback bekommt wegen des Toilettenmangels im neuen Hochsicherheitsgerichtssaal in Stadelheim sein Fett weg. „17 Millionen wegen sechs Toiletten in den Sand setzen, das ist Stadelheim. 17 Millionen mit sechs Toiletten verdienen, das ist Sanifair.“

Natürlich nimmt sich die „Mama“ auch Söder zur Brust. Der Finanzminister ist auf dem Nockherberg so omnipräsent als wäre er schon Ministerpräsident. Die Vorbereitungen habe er abgeschlossen, sagt Kinseher. Grob gerechnet 92 Parteifreunden seien bereits Regierungsämter zugesagt. „Rein faktisch geht das natürlich nicht. Aber gefühlt, ginge da schon was.“

Der schärfste Spruch des Abends gilt jedoch der AfD. „Der Deifi huifd seine Leit“, sagt sie. „Aber hol’n duada’s a.“

Sehen Sie hier den Auftritt der Bavaria in voller Länge:

Auch die Netzgemeinde amüsierte sich prächtig, „Mama Bavaria“ war vielen aber zu harmlos:

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Politiker-Derblecken auf dem Nockherberg

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