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Demokratie

Politik-Experiment mit Lerneffekt

Jung contra Alt? Das „Parlament der Generationen“ deckt auf, wie der demografische Wandel Entscheidungsprozesse prägt.
Von Christine Schröpf, MZ

Alt und Jung in Harmonie. Um ein gutes Miteinander geht es auch beim Planspiel im Landtag, bei dem das Älterwerden der Gesellschaft das zentrale Thema ist.
Alt und Jung in Harmonie. Um ein gutes Miteinander geht es auch beim Planspiel im Landtag, bei dem das Älterwerden der Gesellschaft das zentrale Thema ist. Foto: dpa/Archiv

München.Es ist ein Politik-Experiment mit Lerneffekt: Wie beeinflusst das Älterwerden der Gesellschaft politische Entscheidungen? Wo entstehen Schieflagen? Nehmen die Interessenkonflikte zwischen den Generationen zu? Regieren am Ende nur noch Egoismen oder setzt sich das Allgemeinwohl durch? Ursula Münch, die Direktorin der Politischen Akademie in Tutzing, hat dazu am Donnerstag zwei „Parlamente der Generationen“ einberufen. Die eine Gruppe ist nach den gesellschaftlichen Verhältnissen des Jahres 2016 zusammengesetzt, die anderen repräsentiert nach Alter, Geschlecht und Migrationshintergrund die Strukturen des Jahres 2050. Die Laien-Parlamentarier haben zwei Tage Zeit, Konzepte zur Bildungspolitik oder zur regionalen Entwicklung zu verabschieden. Auf der Suche nach Mehrheiten müssen sich Alt und Jung verbünden. Sonst geht nichts voran. „Wir wollen deutlich machen, wie politische Entscheidungsprozess funktionieren und wie mühsam sie sind“, sagt Münch. Sie rechnet auch mit der Erkenntnis, das ein Miteinander am Ende allen Seiten nützt. Beispiel: sichere Rente. Von hohen staatlichen Investitionen in den Bildungssektor zugunsten aller gesellschaftlichen Schichten, profitiert zunächst die Jugend. Hohe Einkommen von gut Ausgebildeten, die tendenziell weniger von Arbeitslosigkeit betroffen sind, stabilisieren mit den Staatsfinanzen aber auch die Altersversorgung.

Kommentar

Denkanstöße

Das Experiment der Politischen Akademie ist aus vielerlei Gründen beachtlich. Es lenkt den Blick nicht allein auf Folgen des demografischen Wandels. In...

Fiktiv ist die Idee eines „Parlaments der Generationen“, real aber ist der Arbeitsplatz der Kurzzeit-Abgeordneten. Landtagspräsidentin Barbara Stamm hat das Maximilianeum zur Verfügung gestellt. Die erste Sitzung findet am Donnerstagvormittag im Plenarsaal statt – dort wo CSU und Opposition gut 20 Stunden zuvor noch heftige Wortgefechte zum Integrationsgesetz und zum bayerischen Betreuungsgeld geliefert haben. Stamm lässt durchblicken, dass sie dem „Parlament der Generationen“ eine bessere Gesprächskultur wünscht. „Wir werden im Landtag sehr viel danach gefragt, wie wir miteinander diskutieren“, sagt sie.

„Wir können die Rentenprobleme abfedern, in dem wir Menschen, die jetzt zu uns kommen, voll integrieren.“

Hermann Kucharski, Teilnehmer des Laien-Parlaments

Zumindest an Leidenschaft lassen es die Kurzzeit-Politiker aber nicht fehlen. In Sitzungspausen wird auf den Fluren des Landtags in Grüppchen hitzig debattiert. „Kinderbetreuung“, „Rente“, „Hausärzteversorgung“ und „Pflege“ dringen als Wortfetzen aus den Gesprächen. Unter den insgesamt 138 Laien-Abgeordneten sind Vertreter aus Ostbayern: Hermann Kucharski, 69 Jahre, ist aus aus Kastl (Lkr. Amberg-Sulzbach) angereist. In seinem Heimatort leitet er die Ortsgruppe des Sozialverbandes VdK und die Ortsgruppe der Arbeiterwohlfahrt. Ehrenamtlich gibt er einer kurdischen Flüchtlingsfamilie Deutschunterricht, bis der offizielle Sprachkurs bewilligt ist.

Bildung ist für den 69-jährigen Hermann Kucharski (69) ein Schlüsselfaktor.
Bildung ist für den 69-jährigen Hermann Kucharski (69) ein Schlüsselfaktor. Foto: Schröpf

Im „Parlament der Generationen“ arbeitet er an einem Bildungspaket mit. „Ohne Bildung können Sie alles andere vergessen“, sagt er. Er denkt dabei nicht nur den Unterricht in Schulen oder die Berufsausbildung, sondern auch an das Erkunden anderer Kulturen. Er habe selbst Migrationshintergrund, betont er selbstbewusst. Die Wurzeln reichten mütterlicherseits nach Lettland und die russische Stadt Saratow, väterlicherseits nach Ostpreußen. „Ich habe selbst immer geschaut: wo kann ich von anderen etwas lernen.“ Er mahnt Offenheit gegenüber Flüchtlingen an, Deutschland werde davon am Ende auch finanziell Vorteile haben. „Wir können die Rentenprobleme abfedern, in dem wir Menschen, die jetzt zu uns kommen, voll integrieren.“

Marine Oganisjan (21) ist aus der Ukraine nach Bayern geflüchtet. Als Kurzzeit-Abgeordnete kämpft sie für das, was sie sich auch für sich selbst wünscht: eine gute Ausbildung, um bald finanziell auf eigenen Füßen zu stehen.
Marine Oganisjan (21) ist aus der Ukraine nach Bayern geflüchtet. Als Kurzzeit-Abgeordnete kämpft sie für das, was sie sich auch für sich selbst wünscht: eine gute Ausbildung, um bald finanziell auf eigenen Füßen zu stehen. Foto: Schröpf

Marine Oganisjan (21) aus Weiden könnte von dieser Linie profitieren. Die Armenierin war im August 2014 mit ihren Eltern und dem kleinen Bruder aus der Ukraine geflohen. „Sehr interessant“, findet sie ihren Mini-Ausflug in die Politik. „Auch wenn ich nicht alles ganz verstehe.“ Dabei ist ihr Deutsch schon ziemlich gut. Aktuell besucht sie an einer Berufsschule einen Sprach-Integrationskurs. Ihr Ziel ist eine Ausbildung, dann ein Arbeitsplatz. Im „Parlament der Generationen“ tüftelt sie wie Kucharski am Bildungskonzept. „Bildung ist sehr wichtig, weil ich eine gute Zukunft haben will.“ Sie wolle nicht auf Sozialleistungen angewiesen sein.

2050 wird mehr als ein Drittel der Bevölkerung über 67 Jahre alt sein, aktuell sind es noch etwa 21 Prozent. Die Zahl der 15- bis 30-Jährigen schrumpft dann auf 17 Prozent. Was das bedeutet, beschäftigt jenseits von Politik-Experimenten immer stärker auch die gewählten Volksvertreter. Der Chamer CSU-Landtagsabgeordnete Gerhard Hopp, mit 35 Jahren einer der Jungen im Parlament, kämpft in seiner Fraktion für einen Demografie-Faktor, der bei allen politischen Entscheidungen mitgedacht werden soll. „Das gibt einen anderen Blick.“ Ein Blick, der im Politikalltag noch selten sei.

Laien-Abgeordnete im echten Parlament: Landtagspräsidentin Barbara Stamm hatte den Weg dafür frei gemacht.
Laien-Abgeordnete im echten Parlament: Landtagspräsidentin Barbara Stamm hatte den Weg dafür frei gemacht. Foto: Landtag

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