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Kultur

Probesitzen im neuen Museum

Wie Bayern demokratisch wurde und in die Wirtschaftswunderjahre brauste: Ein Kernstück des neuen Hauses ist fertig.
Von Marianne Sperb

  • Richard Loibl (links) und Kunstminister Bernd Sibler vor dem Rednerpult und dem Teppich des Landtags: 1948 startete der Freistaat in dieser Ausstattung in die Demokratie.Foto: Uwe Moosburger/altrofoto.de

Regensburg.„Hier am Pult hielt ich 1999 meine erste Rede im Landtag“, sagt Bernd Sibler am Mittwoch im Bayern-Museum. Der Kunstminister packt ein paar Erinnerungen an den Plenarsaal aus, in dem Journalisten probesitzen. Dort war der Freistaat 1948, nach der dunklen NS-Zeit, in die Demokratie gestartet. Die Original-Einrichtung ist jetzt ein Glanzstück im neuen Haus am Donaumarkt, aber die Worte des Ministers sind schwer zu verstehen. Im Saal nebenan schnauft und quietscht eine hydraulische Maschine, mit deren Hilfe noch Geschichtsbühnen und einige der insgesamt 1000 Ausstellungsstücke platziert werden. Endspurt: In 42 Tagen öffnet der rund 8o Millionen Euro teuere Komplex, der Regensburg zur Adresse für eines der Top-Museen Europas macht.

Bayerische Kultautos im neuen Museum

„Dass hier bis zum letzten Tag gearbeitet wird, gehört zur Dramaturgie“, spielt Sibler auf das Quietschen an. Dr. Richard Loibl vom Haus der bayerischen Geschichte, der das Museumskonzept entwickelt hat, lächelt etwas schief: „Etwas weniger Dramaturgie wäre uns auch recht gewesen.“ Das Mittelstück der 2500 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche ist fertig eingerichtet, andere Teile zu 90 oder 80 Prozent. Am Beginn des Rundgangs, auf dem Besucher ab 5. Juni 200 Jahren bayerischer Geschichte folgen, „da wird die Schlacht geschlagen, ob wir tatsächlich rechtzeitig fertig werden“.

Wie Bayern demokratisch wurde, das erleben Besucher künftig ganz direkt. Dreiminütige Einspieler blenden auf Debatten im Landtag zurück, zeigen, wie um Rauchverbot (2009) oder Kruzifix (1995) gerungen und gestritten wurde. Die Gäste stimmen selbst ab und vergleichen ihr Votum danach mit dem der Volksvertreter.

Im „Spatz“ über den Brenner

Geschichte direkt, aus Sicht des Bürgers: Das Konzept zieht sich durchs ganze Haus. Bernd Sibler Loibl erzählt, wie abenteuerlich die 18 Original-Stühle in einer Scheune im Chiemgau aufgespürt wurden, und zeigt nach oben, zum Dach. Es kragt über dem sieben Meter hohen Wandteppich weit aus. Wie ein Handschuh zur Hand passt die Architektur von Wörner Traxler Richter zum Inhalt. Das Bonner Haus der Geschichte könne von so einem maßgeschneiderten Gebäude nur träumen, genau wie Museen in Berlin oder London.

Der Wandteppich aus dem Plenarsaal der blutjungen Demokratie verweist übrigens wieder zurück auf alte Nazi-Ideologie: Hermann Kaspar, der das monumentale Stück entworfen hat, ist eine umstrittene Figur; er war auch für das braune Regime tätig.

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Das Bayern-Museum: Besser als sein Ruf

Das neue Haus ist in Regensburg umstritten. Aber neben den lauten Kritikern gibt es auch die leisen Freunde.

Nach dem Krieg rappelte sich Bayern hoch, erst langsam, dann immer schneller, in fröhlich lackierten Autos, die einem in SUV-Zeiten so putzig erscheinen, dass die Journalisten am Mittwoch unwillkürlich lächeln beim Abschreiten und Abfotografieren der glänzenden Schätzchen. Der illustre Autokorso parkt vor einem idyllischem Urlaubspanorama mit Sehnsuchtsorten der 1950er wie Lago di Garda, Rimini und Rom. Im Janus von Zündapp aus dem Jahr 1958, im knallroten „Spatz“ der Victoria Werke, Baujahr 1956, oder in der legendären Isetta, gebaut 1955, bretterten die Bayern über den Brenner ins Land der Zitronen. Die Auto-Ikonen machen zweierlei sichtbar: wie Bayern in die Wirtschaftswunderjahre brauste und wie der Freistaat durch seine Autoindustrie zur Weltmarke wurde. Der „Barockengel“ fuhr den BMW-Konzern allerdings zuvor beinahe an die Wand. Die Staatslimousine mit der üppig gerundeten Karosserie war ein Ladenhüter und nur im letzten Moment schreckten die Münchner Aktionäre damals vor einer Übergabe der Motorenwerke an Daimler zurück. Die Rettung brachte ein Regensburger Exportschlager, der Messerschmitt-Kabinenroller, von dem ein dottergelbes Exemplar im Museum steht, und den Durchbruch schließlich der BMW 1500, hier in Petrolgrün vertreten.

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Der Löwe im Museum ist gezähmt

Das Wappentier macht in Regensburg den Grüß-Gott-Onkel. Ab 5. Juni ist das Bayern-Museum für Besucher offen.

Richard Loibls „absolutes Lieblingsstück“ und „das beste je in Bayern gebaute Automobil aller Zeiten“ ist ein Goggo von Glas in Niederbayern. Besucher dürfen in dem unverwüstlichen Kleinstwagen Platz nehmen und 1950er-Jahre-Feeling tanken. Am Mittwoch faltet sich erst mal der Kunstminister ein bisschen zusammen und zwängt sich hinter das Goggo-Lenkrad. Über die Windschutzscheibe flimmern Eindrücke einer Fahrt in den Süden, dazu ertönen Schlager von damals.

Einen Monat freier Eintritt

  • Name:

    Regensburger wundern sich: Über dem Eingang des Bayern-Museums steht „Haus der Bayerischen Geschichte“. Der Name steht für die Dachmarke, das Haus der Bayerischen Geschichte.

  • Eintritt:

    Von 5. bis 30. Juni ist der Eintritt frei. Ab 2. Juli werden fünf Euro fällig (ermäßigt: vier Euro). Kinder, Jugendliche, Schulklassen und Studierende bis 30 Jahre zahlen nichts. Ab 27. September gibt es ein Kombiticket für das Museum und die Landesausstellung „100 Schätze aus 1000 Jahren“.

„Es gibt ja Eltern, die sagen ihren Kindern: Wennst nicht brav bist, gehen wir ins Museum“, sagt Bernd Sibler. Am Donaumarkt wäre das eine leere Drohung. Der Minister schwärmt natürlich vom herausragenden museumspädagogischen Angebot, vom niedrigschwelligen Zugang zu Geschichte, von Regensburg als idealem Ort für das Museum, und vom Team des Hauses der Bayerischen Geschichte. „Ich bin überzeugt, das Museum wird ein großartiger Erfolg“, sagt er, „und für viele viele Menschen ein Anziehungspunkt.“

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