MyMz

Soziales

Reich und Arm feiern im Fürstenhaus

Seit 100 Jahren verköstigt Thurn und Taxis Bedürftige. Zum Jubiläum kamen alle zusammen. Söder brachte Grüße von Charles mit.
Von Marianne Sperb

  • Gloria von Thurn und Taxis macht ein Selfie mit einem jungen Mann: Im Kreuzgang feiern Promis und Gäste der Notstandsküche das 100-Jährige der Einrichtung.Fotos: Uwe Moosburger/altrofoto.de
  • Albert von Thurn und Taxis, mit seiner Schwester Elisabeth: Er führt die Tradition von Fürst Albert I. weiter. Foto: Uwe Moosburger

Regensburg.Sandra Ettl ist am Samstag aufgeregt. Als die 48-Jährige gegen 11 Uhr auf die Basilika St. Emmeram zustrebt, ist ihr die Nervosität anzumerken. 100 Jahre Notstandsküche – das Jubiläum geht sie schließlich ganz persönlich an. Die alleinerziehende Mutter holt regelmäßig Mahlzeiten in der Armenküche und das Fest mit den vielen schönen und bedeutenden Menschen dreht sich deshalb auch ein bisschen um sie. „Dass es diese Einrichtung gibt, finde ich wunderbar“, sagt sie nachher in die Kamera der Mittelbayerischen. „Und ich bin sehr dankbar!“

Prälat Wilheim Imkamp: Der Hausgeistliche der Fürstenfamilie nannte die Notstandsküche ein Beispiel für gelebte Nachhaltigkeit. Foto: Uwe Moosburger/altrofoto.de
Prälat Wilheim Imkamp: Der Hausgeistliche der Fürstenfamilie nannte die Notstandsküche ein Beispiel für gelebte Nachhaltigkeit. Foto: Uwe Moosburger/altrofoto.de

Wie steht es um unsere Dankbarkeit? Wilhelm Imkamp spricht beim Gottesdienst eindringlich auf die mehreren Hundert Gäste ein. Erst ziehen die Fahnenabordnungen in voller Pracht ein. Sonne dringt durch den Weihrauch und lässt das Gold auf den barocken Stuckkringeln glänzen. Dann bringt der Hausgeistliche von Thurn und Taxis zum Strahlen, was an der Notstandsküche so modern ist: ihre Nachhaltigkeit, ein Wert, den heute alle Welt feiert und alle Welt gleichzeitig mit Füßen tritt. Der Prälat spricht über das Prinzip „Eigentum verpflichtet, das bei Thurn und Taxis schon so lange funktioniert“, verliert am Tag von Kirchenstreik und „Maria 2.0“ ein, zwei Sätze auf liberale Kreise, von denen er sich abgrenzt, und rühmt die „quality time“, wertvoll gelebte Zeit. Die Gäste der Armenküche könnten sie jeden Mittag erleben, im Austausch mit anderen Menschen – und gern auch öfter bei einem Gebet in der Basilika, gibt Imkamp den Zuhörern auf den Weg.

„Dass ich nach 100 Jahren in seine Fußstapfen treten darf, ist für mich eine große Ehre, weil es bedeutet, Nächstenliebe weiter zu geben.“

Albert von Thurn und Taxis

Ähnlich ist der Tenor der Reden im Refektorium. Unter dem Deckenfresko im alten Benediktiner-Speisesaal läuft erst ein kurzer Film, in dem man erfährt, wie Koch Helmut Seitz aus 2,80 Euro Budget pro Mahlzeit gute Hausmannskost zaubert, und sieht, wie sich Gloria von Thurn und Taxis und Sandra Ettl herzlich in die Arme nehmen – eine Szene, die ganz unverstellt wirkt und gar nicht so süßlich, wie man erwarten müsste. Dann tritt Fürst Albert ans Pult. Der 35-Jährige spricht nur ein paar Minuten, bekommt aber langen Applaus. Der Erbe, dessen Vermögen auf Milliardenhöhe geschätzt wird und der seine Doktorarbeit über den Philosophen Thomas von Aquin schreibt, erinnert an seinen Ugroßvater Albert I. „Dass ich nach 100 Jahren in seine Fußstapfen treten darf, ist für mich eine große Ehre, weil es bedeutet, Nächstenliebe weiter zu geben.“

Reich und Arm feiern im Fürstenhaus

Die Notstandsküche stehe für ein katholisch-bayerisches Lebensgefühl und nicht nur für Mahlzeiten, sondern auch für Gemeinschaft, Gemütlichkeit und dafür, Sorgen eine Stunde vergessen zu dürfen. Die Familie wolle weiter Augen und Hände für Menschen haben, die Hilfe brauchen, sagt Albert. Er tritt am Samstag ganz offiziell als Chef des Hauses auf. Später sagt er auf Nachfrage, es werde ja nun „gar nicht mehr so lange dauern“, bis ihn Regensburg wieder hat. Auf eine Frage nach der klugen Pia aus Paris, die die Regenbogenpresse zuletzt als seine „heimliche Liebe“ geoutet hatten, winkt er ab; dazu gebe es nichts weiter zu schreiben. Dafür taut er auf beim Thema Rallye-Europa-Meisterschaft. Ende Mai startet der Rennfahrer in Lettland bei der ERC. Das werde eine ziemliche Herausforderung.

Albert von Thurn und Taxis mit seiner Schwester Elisabeth Foto: Uwe Moosburger/altrofoto.de
Albert von Thurn und Taxis mit seiner Schwester Elisabeth Foto: Uwe Moosburger/altrofoto.de

Fürstin Gloria überlasst ihrem Sohn am Samstag die Hauptrolle und wirkt damit hochfrieden, ihre Tochter Elisabeth sowieso. Die 37-jährige Journalistin, die gerade mit ihren Freundinnen ein Modelabel gegründet hat, führt lieber selber Interviews als sie zu geben.

100 Jahre fürstliche Notstandsküche

„Ich beschließe hier meine royale Woche“, flachst Ministerpräsident Markus Söder. „Erst Charles und Camilla, jetzt Albert und Gloria.“ Er sei jetzt „richtig drin“ im Adelsmodus. Söder, den die Minister Albert Füracker und Kerstin Schreyer begleiten, richtet der Fürstin schöne Grüße vom britischen Thronfolger aus: „Er hat sich ausdrücklich nach Ihnen erkundigt. Ich sagte ihm, Sie sind wie immer. Das hat ihm gefallen.“ Im Refektorium lacht alles. Bayerns Regierungschef zieht Parallelen von den Royals zu den Fürstens. „Sie tun mehr als Ihre Pflicht und Sie zeigen: Auch wenn man auf der glücklichen Seite steht, darf man die anderen nicht vergessen.“

Ministerpräsident Markus Söder (rechts) im Gespräch bei der Feier im Kreuzgang: Er richtete Gloria von Thurn und Taxis schöne Grüße von Prinz Charles aus. Foto: Uwe Moosburger/altrofoto.de
Ministerpräsident Markus Söder (rechts) im Gespräch bei der Feier im Kreuzgang: Er richtete Gloria von Thurn und Taxis schöne Grüße von Prinz Charles aus. Foto: Uwe Moosburger/altrofoto.de

Obwohl es Bayern gut geht – Söder verweist auf das aktuell prognostizierte Steuergeld-Plus – „gibt es unglaublich viele Menschen, denen es nicht gut geht“. Um die Lage zu bessern, müssten beide handeln, der Staat und die Gesellschaft. Söder wirbt für das christliche Menschenbild, das hinter dem sozialen Engagement des Fürstenhauses steht. „Mir persönlich gibt der Glaube Kompass und Kraft“, sagt er. „Und ich würde mir wünschen, dass wir wieder mehr für den Glauben eintreten.“

Zu Besuch in der Fürstlichen Notstandsküche

Die Josef Menzl Blaskapelle, die zuvor das Dankamt begleitet hat, spielt noch ein paar Stückln, wunderbar weich und sehr sehr sauber intoniert, bevor die acht Mann den Rausschmeißer anstimmen, Titel: „Heit gibt’s a Rehragout!“ Drüben im Kreuzgang gibt’s dann aber nicht Rehragout, sondern bayerische Kleinigkeiten und Kartoffelsuppe und als Entree eine Einlage, bei der sämtliche Gäste dahinschmelzen.

„Mir persönlich gibt der Glaube Kompass und Kraft. Ich würde mir wünschen, dass wir wieder mehr für den Glauben eintreten.“

Markus Söder

17 Knirpse vom Kindergarten St. Emmeram haben sich als Mini-Köche mit Schürze, Kochmütze, Pfannenwender, Kochlöffel und Sieb ausstaffiert und bringen ihren Dank für die täglichen Essenslieferungen aus der Notstandsküche vor. „Leckere Nudeln gibt es hier, auch von Knödeln schwärmen wir“, singen sie aus vollem Hals und beim Wort Knödel machen sie den Mund weit auf. Die kleine Küchenbrigade sieht so drollig aus, dass die Kameras klicken und klicken und klicken.

Jubiläum

Am Mittagstisch im Fürstenhaus

Seit 100 Jahren versorgt Thurn und Taxis Menschen am Rand der Gesellschaft. Das Jubiläum wird am Samstag zünftig gefeiert.

Fürst Albert kniet eine Weile bei den Drei- bis Sechsjährigen, die alles Mögliche von ihm wissen wollen, und freut sich über ein Panorama, das sie mit Kindergartenleiterin Maria Grabmann gestaltet haben. Das Tableau zeigt Koch und Küchenhilfe, die Fürstin mit Krönchen, Brille und Perlen und Albert mit Rennauto und in Rennmontur.

Die kleine Küchenbrigade aus dem Kindergarten St. Emmeram mit Promis, vorn: Elisabeth von Thurn und Taxis fragt eins der Kinder, wie alt es ist. „Fünf!“ zeigt es mit den Fingern an. Foto: Uwe Moosburger/altrofoto.de
Die kleine Küchenbrigade aus dem Kindergarten St. Emmeram mit Promis, vorn: Elisabeth von Thurn und Taxis fragt eins der Kinder, wie alt es ist. „Fünf!“ zeigt es mit den Fingern an. Foto: Uwe Moosburger/altrofoto.de

Reich und Arm sollte das Jubiläumsfest versammeln, die Prominenten mit Gästen wie Sandra Ettl, die sonst in der Notstandsküche essen, zusammenbringen. Anfangs bleiben die Gruppen weitgehend unter sich, die Bedürftigen an Bierbänken und die übrigen Geladenen an Stehtischen. Später ändert sich das. Ein Mann steht von der Bank auf, gibt der Fürsin sein Handy und bekommt ein Selfie mit der Schlossherrin, andere Gäste tun es ihm nach, die Gruppen mischen sich. Da ist der Eindruck von heiler Welt perfekt.

Hier geht es zum Bayern-Teil.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht