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Justiz

Rockerprozess bringt Pannen ans Licht

Tag sechs im Rockerprozess: NPD-Mann Roßmüller spricht über sein Leben – die „NPD“ kommt ihm dabei nicht über die Lippen.

Der Angeklagte Sascha Roßmüller, Vorstandsmitglied der bayerischen NPD (re), muss sich vor dem Landgericht Regensburg mit vier weiteren Angeklagten wegen einer Messerstecherei verantworten. Foto: dpa

Regensburg.Am Anfang des sechsten Tags im Rockerprozess vor dem Regensburger Landgericht verläuft zunächst alles wie gehabt: Die Zeugen haben Erinnerungslücken, Rechtsanwalt Helmut Mörtl gibt den Ton an, die angeklagten Bandidos, die Weihnachten 2010 die befeindeten Rocker vom Gremium MC überfallen haben sollen, schweigen. Doch NPD-Mann Sascha Roßmüller wird an diesem Tag noch reden – und die Kriminalpolizei mit neuen Pannen auffallen.

Die Verhandlung beginnt mit einem Etappensieg für Helmut Mörtl. Das Gericht erlässt eine Verfügung, dass ihm die Staatsanwaltschaft weitere Bilder vom Tatort zu überlassen hat. Und nachdem der erste Zeuge sich partout an nichts zu diesem Vorfall erinnern kann, will der Vorsitzende Richter Georg Kimmerl die Zeit für persönliche Angaben der Angeklagten nutzen – und dann spricht der erste Angeklagte doch: Sascha Roßmüller , verheiratet, ein Kind. Er erzählt, wie er nach seinem Abitur eine Berufsausbildung im Garten- und Landschaftsbau zwar anfing, aber nicht abschloss, weil er später auf den Sicherheitsbereich umsattelte. Hier baute er später seine eigene Firma auf, ehe ihm die Behörden die Lizenz dafür entzog. Dafür sei auch dieses Verfahren verantwortlich, wie sein damaliger Kompagnon und heutiger Verteidiger Bernd Weishäupl ausführt.

Rechtsextrem und erfolglos

Sein politisches Engagement verschweigt er nicht, nur die drei Buchstaben „NPD“ sagt er erst laut, als Richter Kimmerl ausdrücklich nachfragt. Ab 2004 war sei in Sachsen gemeldet gewesen; er war dort parlamentarischer Berater der „einer“ Landtagsfraktion; bis die Partei 2013 an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte. Anschließend habe er versucht, publizistisch tätig zu werden. Wieder ohne Erfolg. Viele Details nennt er nicht, weil ihm die Presse immer wieder Steine in den Weg legen würde und seine Zukunft auch vom Ausgang dieses Prozesses abhänge. Momentan sei er arbeitslos, habe Schulden und bekäme nur ein geringes Arbeitslosengeld.

Der 42-Jährige soll den Überfall auf die Straubinger Gremium-Rocker angezettelt haben, so steht es in der Anklageschrift. Doch schon an den Vortagen bröckelte der Straftabestand des gemeinschaftlichen schweren Landfriedensbruchs.

Und auch am Donnerstag fördern die Zeugen und die Ermittler immer mehr Zweifel zutage: „Ich muss einen Widerspruch erheben“, sagt Rechtsanwalt Mörtl, nach dem eben fast eine Stunde eine Kripo-Beamter aus Straubing ausgesagt hat, der für die Spurensicherung verantwortlich war. Mörtl fordert, dass dessen Aussagen nicht verwertet werden. Der Polizist sprach über ein Messer, das am Tatort gefunden wurde, und an dem sich Spuren von Mörtls Mandanten Stephan H. gefunden haben sollen. Mit diesem soll H. den Anführer der Straubinger Rocker schwer verletzt haben. „Dieses Beweismittel ist von den Ermittlungsbehörden vernichtet worden und nicht mehr vorhanden.“ Da die Verteidigung nun keine eigenen Ermittlungen mehr anstellen könne, widerspreche das dem Grundsatz der Waffengleichheit. Einen fast wortgleichen Widerspruch wiederholt er später, nachdem ein Sachverständiger vom Bayerischen Landeskriminalamt ausgesagt hat.

Beschlagnahme bei der Kripo?

Der Experte räumte außerdem ein, diese Spur hätte auch „sekundär“ übertragen werden können. Durch Nachfragen der Verteidiger wird deutlich: Die Möglichkeiten einer Übertragung von Spuren auf ein Messer sind äußerst vielfältig - und da das Messer in der Nähe des blutverschmierten Kneipeneingangs gefunden wurde, könnte die DNA des Bandidos H. auch anders auf den Griff gelangt sein. Roßmüllers DNA fand sich hingegen zweifelsfrei an einem Messer, das bei einer Razzia im Blackout, der Gremium-Kneipe entdeckt wurde. Näher wird darauf nicht eingegangen, der NPD-Mann schweigt.

Fast drei Stunden zieht sich die Aussage des Sachverständigen hin, teils werden akribisch Gutachten- und Spurennummern abgeglichen. Und so wird später klar: Die Polizei hat nicht alle DNA-Gutachten an die Verteidiger übermittelt. Mörtl ist empört und sieht daher den Grundsatz der Aktenvollständigkeit verletzt – er wirft den Ermittlern vor, nur selektive Ergebnisse weitergegeben zu haben. Oberstaatsanwalt Klaus-Dieter Fiedler weiß nicht so recht, wie er das rechtfertigen oder erklären soll. Anwalt Mörtl regt eine Beschlagnahme sämtlichen Materials zu diesem Fall bei der Kripo in Straubing an. Richter Kimmerl will darüber nachdenken. Die Verhandlung wird erst Ende September fortgesetzt.

Ein Protokoll des ersten Verhandlungstages finden Sie hier. Am zweiten Prozesstag packte der ehemalige Präsident des Bandidos-Chapters Regensburg als Kronzeuge aus. Später wurde eine Verlängerung des Prozesses beschlossen. Weitere Gerichtsberichte aus der Oberpfalz finden Sie hier.

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