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Schwester Doris: Der Himmel und das Bier

Die Klosterschwester ist nicht nur Braumeisterin und bekannt wie ein bunter Hund. Sie ist auch ein Freigeist. Ein Porträt.
Von Angelika Sauerer, MZ

  • Schwester Doris verteilt den Treber auf dem Anhänger. Der nährstoffreiche Rückstand aus der Maische wird später als Tierfutter auf dem Klosterbauernhof verwendet. Fotos: Sabine Franzl
  • Klappern gehört zum Handwerk. Schwester Doris unterhält eine Besuchergruppe.
  • Zupacken muss man auch können.
  • Ihr Platz im Sudhaus
  • Die Braumeisterprüfung absolvierte sie als Beste ihres Jahrgangs. Halbe Sachen sind schließlich nicht ihr Bier.
  • „Sauber“ muss ihr naturtrübes Bier schmecken, dann ist Schwester Doris zufrieden.

Mallersdorf.Was ihr Bier anbelangt, macht Schwester Doris weder Kompromisse, noch viel Aufhebens. Sauber muss es schmecken, dann ist es ihr Bier, sagt sie und steigt zwei Stockwerke die Treppe hoch zum Kühlschiff. Da oben in der großen, flachen Kupferpfanne ist Sauberkeit besonders wichtig. Die Würze ist empfindlich wie ein kleines Kind: Auf keinen Fall darf sie sich infizieren, während sie dort langsam abkühlt und sich Eiweiß und Hopfenreste als hellbrauncremiger Schaum absetzen. Mit Teleskopschaber, Wurzelbürste und starkem Wasserstrahl rückt die Braumeisterin aus dem Kloster Mallersdorf den Rückständen zu Leibe.

Ihr Gesicht und die Kirchtürme schmücken das Etikett

Erst als das Kupfer trocken und matt glänzt, Siebe und Abfluss blinken, legt die Nonne das Putzzeug beiseite, wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn, streicht die kurze, graublaue Kittelschürze glatt und stemmt die Hände in die Hüften. Durchs Fenster geht der Blick hinüber zum imposanten Kloster und zur Kirche, deren beide Türme das Etikett der Mallersdorfer Klosterbiere schmücken. Oben am Bügelverschluss der Flaschen schaut einem die Braumeisterin entgegen: im schwarzen Ornat mit grünem Schurz und einem Bierkrug in der Hand, der Blick freundlich und offen, die Haltung gerade und stolz. Über ihre Vorgängerin, die Schwester Lisana, wird berichtet, sie sei wie eine Erbhofbäuerin gewesen, die die Oberen geachtet, sich aber nie gebeugt hat. Und von der Schwester Doris heißt es, sie sei auf dem besten Weg dazu, ihr darin immer ähnlicher zu werden.

Wahrscheinlich hat es mit ihrem Produkt, dem Bier, zu tun. Ein Brauer ohne Standvermögen und Persönlichkeit ist eigentlich undenkbar. Wer es mit dem Gerstensaft aufnimmt, muss nicht nur was vom Mälzen, Schroten, Maischen, Läutern, Würzen und Gären verstehen, sondern vor allem was vom Leben. Doris Engelhard stand 1966 als 16-Jährige vor Schwester Lisana, die eine Mitarbeiterin und Nachfolgerin suchte. Und die erkannte sofort, dass das gar nicht schüchterne Mädchen aus Herrieden im Altmühltal (Mittelfranken) das Zeug dazu hatte. „Freiheit“, sagt Schwester Doris, sei das Wichtigste, das ihr und ihren sechs Geschwistern von den Eltern mitgegeben worden sei. „Meine Freiheit endet, wo die meiner Mitmenschen beginnt“, das habe man gerade in einer Gegend gelernt, die überwiegend andersgläubig, also evangelisch war. Aber nach innen sei ihre Freiheit unendlich.

Doris Engelhard, seit 1962 Internatsschülerin in Mallersdorf und später Novizin, wollte schon als Kind Klosterschwester werden. „Komischerweise hat sich das gehalten.“ Vom Wunsch, Krankenschwester oder Landwirtin zu werden, verabschiedete sie sich aber. Sie ging in die Brauerlehre und beendete 1975 ihre Ausbildung mit dem Meisterbrief als Jahrgangsbeste. Bis dahin hat sie selbst kein Bier getrunken. Aber der Abschluss musste gefeiert werden. „Ich bin am Morgen in voller Montur im Bett aufgewacht. Da wusste ich, dass da was war“, erzählt sie lachend.

Heute ist sie um halb vier aufgestanden und hat den Brauvorgang vorbereitet. Sudtage dauern lang. An ihnen bezieht sie Stellung zwischen Läuterbottich und Maischwürzepfanne auf einem einfachen Holzstuhl, vor sich auf dem Tischchen ein Bildschirm, von dem aus sie die Anlage steuert, neben sich an der Wand ein großes Kruzifix und über sich den Himmel – ein Deckengemälde mit Wolken und Ästen: der Himmel überm Bier. „Da kommst amal nei“, sagte eine Mitschwester zur Schwester Doris. Manchmal schaut sie hoch. Aber meistens füllt sie in den Pausen zwischen den einzelnen Arbeitsschritten Fässer ab, liest oder erledigt Bürokram. Der Himmel kann noch warten.

In der Brauerei arbeiten sie zu dritt: Schwester Regelind verkauft und der Angestellte Mladen Mirjanovic hilft beim Brauen und Abfüllen. Schwester Doris macht alles und noch viel mehr: Sie ist ja nicht nur Braumeisterin, sondern auch Aushängeschild und Managerin des Klosterbetriebs, der jährlich 3000 Hektoliter naturtrübes Bier und 800 Hektoliter Limonaden zum Teil mit Rohstoffen aus Eigenanbau herstellt. Ein Drittel ist für den Klosterbedarf bestimmt. Zu jeder Mahlzeit, außer Frühstück, gibt es Bier – freilich in Maßen. Kaufen kann man es vor Ort und bei einigen Getränkemärkten in der Umgebung und in Regensburg.

Das Bier taktet ihre Tage und Gott trifft sie nicht nur in der Kirche

Das Bier bestimmt seit fast 50 Jahren ihren Rhythmus, mehr als das Klosterleben. Schwester Doris wohnt nicht im Konvent der Armen Franziskanerinnen, sondern direkt neben der Brauerei. Sie sagt: „Im Grunde lebe ich allein.“ Man könnte auch sagen, sie ist nicht nur mit Gott, sondern auch mit dem Bier verheiratet. Das Bier taktet ihre Tage und Gott trifft sie nicht nur in der Kirche, ihrem Rückzugsort, an dem sie vorm Handyklingeln sicher ist. „Gott ist überall“, sie deutet neben sich auf die Bank ihres mit einem herrlichen Durcheinander möblierten Freisitzes. „Er hockt da neben mir und hört uns zu. Er braucht mich nicht, aber ich brauch’ ihn.“

Die Braumeisterin ist auch die Mallersdorfer Schwester, die am längsten hier ist und doch die wenigsten Mitschwestern kennt. Umgekehrt ist sie selbst bekannt wie ein „bunter Hund“, nicht nur im Kloster. Die bierbrauende Nonne ist eine Attraktion, Reporter und Fernsehteams geben sich die Klinke in die Hand. „Manchmal möcht’ ich einfach meine Ruh’ haben“, sagt sie. Aber das geht nicht, Klappern gehört zum Handwerk. Sie weiß es nicht nur, sie beherrscht es auch. Bierbrauen sei ursprünglich Frauensache gewesen, erklärt sie zum Beispiel einer Besuchergruppe. Denn früher habe alles, was dem leiblichen Wohl diente, zu den weiblichen Aufgaben gehört. Das Kaffeekränzchen sei einst ein Bierkränzchen gewesen und Luthers Frau eine exzellente Brauerin. Da staunen nicht nur die Männer. Gelacht wird, als sie bekräftigt, Bier sei ein Diätmittel. „Na ja, wenn man nichts isst und über den Tag verteilt eine Maß trinkt, nimmt man ab.“

Ein Glas wird sie nachher trinken, zur Brotzeit dazu. Und wenn sie dann heimgeht in ihr kleines Reich, sich mal wieder denken: „Ich würde alles noch einmal ganz genau so machen.“

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