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Kunst

Seine Haut ist wie ein Bilderbuch

Raimund Traunspurger war einer der Ersten in Niederbayern, der sich tätowieren ließ. Jetzt managt er Tattoo-Conventions.
Von Michaela Schabel

Bunte Erscheinungen: Mit Partnerin Friederike Bälder organisierte Raimund Traunspurger die „Tattoo Convention 2019“ in Eggenfelden. Foto: Raimund Traunspurger
Bunte Erscheinungen: Mit Partnerin Friederike Bälder organisierte Raimund Traunspurger die „Tattoo Convention 2019“ in Eggenfelden. Foto: Raimund Traunspurger

Simbach.Der Siegeszug der Tätowierung hält an. Rund 24 Prozent der 16- bis 29-Jährigen entscheiden sich laut einer Umfrage des Allensbach-Instituts für eine Tätowierung. Rainmund Traunspurger gehört zur frühen Generation, die sich schon in den 1970er Jahren tätowieren ließ.

Herr Traunspurger, Sie sind am ganzen Körper tätowiert. Was fasziniert Sie so an Tattoos?

So richtig erklären kann ich das gar nicht. Als ich mir 1976 die erste „Bravo“ kaufte, hat mir das Blitz-Tattoo des Sängers von AC/DC so gefallen, dass ich auch eines wollte. Tattoos verändern optisch, aber nicht charakterlich. Andere haben Klamotten, ich meine Tattoos. Das ist eine reine private Vorliebe. Mein erstes Tattoo habe ich selbst gestochen. Meine Mutter war Näherin. Ich stibitzte mir ein paar Stecknadeln und kaufte mir Tusche. So fing das an. Ich will mit meinen Tattoos nicht auffallen oder irgendwelche Aussagen treffen. Sie sind ein Teil von mir. Wenn sich meine Haut ändert, dürfen sich meine Tattoos auch verändern. Ich will sie nicht überstechen und auch nicht wegmachen.

Wie schafften Sie es, vom Tätowieren leben zu können?

Raimund Traunspurger hat 20 Jahre Erfahrung als Tätowierer in Simbach gesammelt.  Foto: Raimund Traunspurger
Raimund Traunspurger hat 20 Jahre Erfahrung als Tätowierer in Simbach gesammelt. Foto: Raimund Traunspurger

Mich interessierte dieser Bereich sehr. Ich wollte mehr wissen, assistierte jahrelang bei anderen, um zu lernen. Dann mietete ich mir ein Zimmer und begann, Tattoos selbst zu stechen. Ich konnte es noch nicht, wollte üben, weshalb ich keine Gage verlangte. Tätowieren kann man nicht auf Kunsthaut üben, nur direkt am Kunden. Ich merkte schnell, dass es nicht so ganz leicht ist. Man kennt den Kunden nicht, die Haut nicht, weiß nicht, wie der Kunde reagiert, wie schmerzempfindlich er ist. Oft musste ich improvisieren. Es gab damals auch noch kein Internet, um sich schnell informieren zu können. Ich lernte durch die Praxis und sammelte wichtige Erfahrungen, wie man die Maschine am besten einstellt, wie man am besten sticht, damit man die zweite Hautschicht, wo die Tätowierungen platziert werden, nicht durchsticht. 1999 fühlte ich mich sicher genug, um mein eigenes Tattoo-Studio zu eröffnen. Jetzt habe ich 20 Jahre Erfahrung.

Seit 16 Jahren managen Sie auch Tattoo-Kongresse. Was hat sich in dieser Zeit geändert?

Früher mietete man eine Halle und hat ein paar Leute angeschrieben. Das war’s auch schon. Jetzt ist alles viel bürokratischer und wesentlich größer. Damals gab es nur einzelne einfache Motive für markante Körperstellen. Es waren filigrane Motive. Jetzt wünscht der Kunde ganze Themenkomplexe wie z. B. „Dschungel“, „Reiseerinnerungen“, die „Familienstory“, wobei Körperteile großflächig, aber weniger differenziert tätowiert werden. Die Mainstreamtattoos nehmen zu, die künstlerischen Fähigkeiten der Tattookünstler gehen unter.

Wird jeder Tätowierer zu den Conventions zugelassen?

Im Prinzip kann jeder professionelle Tätowierer zugelassen werden. Ausschlaggebend ist die Qualität seiner Arbeit, die Einhaltung der Hygienebestimmungen und dass der Bewerber keiner kriminellen oder rechtsradikalen Organisation angehört. Politische Gründe sind Gott sei Dank selten für einen Ausschluss.

Sind Sie von Tattoos, die Sie sehen, zuweilen auch geschockt?

Vom Motiv ist mir das eigentlich egal, weil wir selbst abgesehen von politischen auch viele Motive anbieten. Was mich schockt, sind schlechte Tattoos. Wenn die schwarzen Linien sehr wacklig sind, dann hat der Tätowierer keine Erfahrung oder er hat Erfahrung, aber kein Interesse an Weiterentwicklung.

Welche Entwicklungen sehen Sie kritisch?

Ich sehe die Entwicklung insgesamt sehr kritisch. Tattoos sind nur noch Mode. Der Zwang, sich tätowieren zu lassen, ist groß und negativ. Schnell will man etwas Neues. Man wechselt Tattoos wie T-Shirts. Wegmachen ist vielen zu teuer und zu schmerzhaft. Viele lassen sich upcovern. Doch mit jedem neuen Tattoo werden die Farben überstochen und dunkler. Danach ist das Entsetzen groß, weil man eigentlich nichts Dunkleres wollte. Aufhellen geht nur durch Lasern. Irgendwann geht gar nichts mehr. Die Haut ist kaputt. Wer mit dem Altern ein Problem hat, bekommt auch mit den Tattoos Probleme. Man sollte schon reflektieren, worauf man sich einlässt.

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