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Neumarkt.

Sexueller Missbrauch im Klosterinternat

Der Täter ist ein 71-jähriger Priester, der vom Papst aus seinen Ämtern entlassen wurde. Der Neumarkter Bernhard Rasche brachte die Übergriffe in der unterfränkischen Schule ans Licht.

Der Tatort: Das Missionshaus in Bad Neustadt, wo bis 1978 das Internat untergebracht war. Foto: Mainpost

Von Isolde stöcker-gietl, MZ

Die Erinnerungen hat Bernhard Rasche vergraben. Ganz tief in seinem Bewusstsein. 35 Jahre lang. Es war diese Angst, Angst, dass da etwas in ihm schlummerte, das ihn einmal kaputt machen würde, wenn es zum Vorschein kommt. Der Theologe aus Neumarkt wurde als Kind sexuell missbraucht, in einem katholischen Internat, von einem katholischen Priester. Im vergangenen September brachte er die Vorfälle im Missionshaus St. Kilian im unterfränkischen Bad Neustadt zur Anzeige. „Ich habe mich auf den Weg gemacht. Ich werde wohl nie mit diesen Dingen abschließen können, aber ich möchte lernen, damit umzugehen“, sagt Rasche.

Niemand weiß, wie viele pädophil veranlagte Priester es in den Reihen der katholischen Kirche gibt. Auch eine offizielle Zahl, wie viele Fälle in den vergangenen Jahren juristisch aufgearbeitet wurden, gibt es nicht. Es ist sicher nur ein Bruchteil dessen, was tatsächlich hinter den Kirchenmauern stattfindet, glaubt Rasche. Denn oft schweigen die Opfer, auch aus Scham, weiß er aus eigener Erfahrung. So war es seinerzeit auch im Fall des Pfarrers von Georgenberg (Lkr. Neustadt/Waldnaab). Erst als sich ein Junge seinen Eltern offenbarte, meldeten sich weitere Opfer aus ehemaligen Pfarreien des Geistlichen. Wegen Missbrauchs von zwölf Jungen und Veruntreuung von Kirchengeldern wurde er 2003 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Ein weiterer Fall sorgte 2007 im Bistum Regensburg für Empörung: Der Pfarrer von Riekofen (Lkr. Regensburg) hatte sich an einem Ministranten vergangen. Er war bereits einschlägig wegen seiner pädophilen Neigungen vorbestraft. Das Urteil 2008: drei Jahre Haft.

Taten sind seit 1980 verjährt

Der Priester, der sich zwischen 1966und 1978 an Schülern des Internats St.

Kilian in Neustadt-Lebenhan verging, muss sich für seine Taten nicht mehr vor einem Gericht verantworten. Die Fälle liegen alle über 30Jahre zurück. Die Staatsanwaltschaft Schweinfurt teilte Rasche im April dieses Jahres mit, dass bereits 1980 eine Verjährung eingetreten sei. Dass Außenstehende sich fragen, warum er nach so langer Zeit die Vorfälle überhaupt öffentlich gemacht hat, ist Rasche bewusst. Es sei ein persönlicher Prozess gewesen, sagt er. Er habe erkannt, dass seine Probleme, etwa zu Menschen Vertrauen zu fassen, mit den Vorfällen in dem Internat zusammenhängen könnten. Was genau ihm der Priester damals angetan hat, darüber kann Rasche bis heute nicht sprechen. Zu stark kommen dann die jahrzehntelang verdrängten Gefühle in ihm hoch. Aber er weiß aus Gesprächen mit anderen Betroffenen, dass Missbrauch in seiner ganzen schrecklichen Bandbreite stattfand. Und es gab auch Kinder, die versucht haben, damals die Geschehnisse ihren Eltern anzuvertrauen. „In einem Fall haben sich die Eltern beim Priester mit einer Flasche Wein für die Lügen des Kindes entschuldigt.“

Für den 49-Jährigen, der heute in der Software-Entwicklung arbeitet, ist die Bestrafung des Mannes, der das Vertrauen der Schüler so schamlos ausgenutzt hat, nur noch zweitrangig. „Es geht darum, die Sache aufzuarbeiten und zwar lückenlos. Mein Ziel ist eine kirchliche Untersuchungskommission.“ Denn Rasche glaubt, dass in dem Fall bislang nur die Spitze des Eisberges bekannt ist.

Zwölf Opfer des 71-jährigen Priesters haben sich beim zuständigen Orden der Missionare von der Heiligen Familie gemeldet. Der Geistliche selbst hatte nach Rasches Anzeige im vergangenen Jahr 16 Schüler benannt, an denen er sich vergangen hatte. „Diese Zahl ist ein Witz“, sagt der 49-Jährige. „Allein in meiner Klasse waren sechs Schüler betroffen, von denen ich weiß.“ Pro Schuljahr zählte das Internat, das 1978 geschlossen wurde, etwa 90Schüler.

Priesterliche Rechte entzogen

Dem Geistlichen wurden in der vergangenen Woche alle Rechte und Pflichten des Priesteramtes entzogen. Der Papst hatte damit einem Bittgesuch des Mannes entsprochen. Der 71-Jährige bleibt aber weiter im Orden der Missionare der heiligen Familie, wo er von einer externen Person auch kontrolliert wird, teilte der Provinzvikar, Pater Michael Baumbach, gestern auf MZ-Nachfrage mit. Sollte der Ordensmann gegen Auflagen verstoßen, sei auch jederzeit noch ein Ausschlussverfahren möglich, sagte er.

Kritik von Bernhard Rasche, wonach der Orden bis heute nicht die Verantwortung übernehmen wolle, obwohl er seiner Meinung nach von den Taten gewusst habe, widerspricht der Provinzvikar. „Davon war uns damals nichts bekannt.“ Es seien die Taten eines Einzelnen, von denen sich der Orden aber deutlich distanziert habe. „Wir haben gegenüber den Opfern und deren Eltern unser tiefstes Bedauern zum Ausdruck gebracht. Eine Entschuldigung des ganzen Ordens würde bedeuten, dass alle im Orden Schuld daran tragen, das stimmt so einfach nicht.“ Rasche berichtet dagegen, dass es 1978 einen Schüler gab, der sich einem im Kloster beschäftigten Bauarbeiter anvertraute. Dieser habe der Internatsleitung von den Andeutungen des Kindes erzählt. „Der Orden vertuscht und verleugnet“, ist sich der Neumarkter heute sicher.

Dass Bernhard Rasche trotz der Erlebnisse in dem katholischen Internat später Theologie studierte und sogar in Erwägung zog, als Priester zu arbeiten, erklärt er sich mit dem starken Glauben in seiner Familie. Doch nach den vergangenen Monaten, in denen er die Macht der katholischen Kirche mit all ihrer Härte erfahren habe, zweifelt er zunehmend an dieser Institution. „Das ist einfach nicht mehr meine Kirche.“ Statt den Opfern zu helfen, setze man darauf, dass diese sich nicht wehren. „Ich trage mich mit dem Gedanken, aus dieser Gemeinschaft auszutreten.“

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