MyMz

Migration

So meisterte Bayern die Flüchtlingskrise

Nach 1945 kamen auf jeden Bayern viel mehr Flüchtlinge als heute: vertriebene Deutsche. Die Integrationsprobleme waren enorm.
von Carsten Hoefer, dpa

Flüchtlingskrise anno dazumal: Ein Flüchtlingszug mit Sudentendeutschen trifft im Oberpfälzer Durchgangslager Wiesau ein
Flüchtlingskrise anno dazumal: Ein Flüchtlingszug mit Sudentendeutschen trifft im Oberpfälzer Durchgangslager Wiesau ein Foto: dpa

München.Ein nicht enden wollender Strom von Flüchtlingen, Angst vor wachsender Kriminalität, Fremdenfeindlichkeit. „Die Flüchtlinge müssen hinausgeworfen werden, und die Bauern müssen dabei tatkräftig mithelfen“, sagt ein Redner bei einer aufgeheizten Kundgebung.

Eine Pegida-Demonstration im Herbst 2015? Mitnichten. Diese Sätze fallen am Osterfeiertag 1947 auf dem Bauerntag in Traunstein, mit großem Presseecho. Der Redner ist Jakob Fischbacher, Mitgründer der Bayernpartei und des Bayerischen Bauernverbands. Ihn treiben der Hass und die Angst vor Überfremdung: Er schimpft über „Blutschande“. Gemeint sind Heiraten zwischen bayerischen Bauernburschen und zugewanderten Frauen – „diese geschminkten Weibsen mit lackierten Fingernägeln“. Das findet den Weg in die Hamburger Redaktion des „Spiegel“, der ausführlich berichtet.

Politiker forderte „Pogrome“

Flüchtlingskrise anno dazumal: Ein Flüchtlingszug mit Sudentendeutschen trifft im Oberpfälzer Durchgangslager Wiesau ein
Flüchtlingskrise anno dazumal: Ein Flüchtlingszug mit Sudentendeutschen trifft im Oberpfälzer Durchgangslager Wiesau ein Foto: dpa

Es bedienten sich so viele Fremde an den bayerischen Futterkrippen, klagt einige Monate später Fischbachers Parteifreund Andreas Schachner in einem Brief, „dass Pogrome nötig wären, um die Gerechtigkeit wiederherzustellen.“

Die Massenflucht vor der Roten Armee und die anschließende Vertreibung der Deutschen aus Mittel- und Osteuropa brachte 1944 und 1945 knapp 700 000 Flüchtlinge nach Bayern, 1946 folgten etwa 800 000 Menschen. Insgesamt nahm Bayern bis 1950 1,8 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene auf; ein Bevölkerungszuwachs um knapp 30 Prozent und Vielfaches der heutigen Flüchtlingszahlen. Zum Vergleich: 2014 wurden knapp 26 000 Asylbewerber in Bayern untergebracht, heuer waren es bis Ende September etwa 110 000.

Und anders als heute waren Massenflucht und Vertreibung für die einheimische Bevölkerung mit schweren Belastungen und Einschnitten verbunden. „Größere und viele kleinere Städte waren schwer zerstört, die Wirtschaft lag darnieder, und die Versorgung in den städtischen Zentren war zusammengebrochen“, sagt der Historiker Thomas Schlemmer, Spezialist für die bayerische Nachkriegsgeschichte am Münchner Institut für Zeitgeschichte. „Der Alltag war geprägt von allgegenwärtigem Mangel. Da kam es natürlich zu Verteilungskämpfen.“

Dicht gedrängt leben die Menschen im bayerischen Flüchtlingslager Allach. In dem Lager leben oft 30 bis 40 Heimatvertriebene – alt und jung, Männer und Frauen – dicht gedrängt in Gemeinschaftsräumen. Die menschenunwürdigen Unterkünfte wurden in der Öffentlichkeit heftig kritisiert.
Dicht gedrängt leben die Menschen im bayerischen Flüchtlingslager Allach. In dem Lager leben oft 30 bis 40 Heimatvertriebene – alt und jung, Männer und Frauen – dicht gedrängt in Gemeinschaftsräumen. Die menschenunwürdigen Unterkünfte wurden in der Öffentlichkeit heftig kritisiert. Foto: dpa

Denn für die Flüchtlinge gab es nicht genug Platz. „Wohnungsbeschlagnahme, Einquartierung und andere Zwangsmaßnahmen führten zu schweren Verwerfungen“, sagt Schlemmer. Verhasst bei vielen Einheimischen war der „Lastenausgleich“: Die Vertriebenen erhielten Wiedergutmachung für ihr verlorenes Eigentum im Osten – widerwillig bezahlt von der einheimischen Bevölkerung, die oft selbst schwere wirtschaftliche Verluste erlitten hatte. Die Zahler mussten die Hälfte ihres Vermögens abgeben, gestreckt über dreißig Jahre.

Heute ist vergessen, wie schwer die Integration fiel

Vertriebene aus der Tschechoslowakei nach ihrer Ankunft auf dem Gebiet der Bundesrepublik. Obwohl die Aussiedlung von Deutschen aus den im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten laut Potsdamer Abkommen „in geordneter und humaner Weise“ organisiert werden sollte, glich sie in vielen Fällen einer überstürzten Vertreibung mit oft katastrophalen Folgen für die Vertriebenen.
Vertriebene aus der Tschechoslowakei nach ihrer Ankunft auf dem Gebiet der Bundesrepublik. Obwohl die Aussiedlung von Deutschen aus den im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten laut Potsdamer Abkommen „in geordneter und humaner Weise“ organisiert werden sollte, glich sie in vielen Fällen einer überstürzten Vertreibung mit oft katastrophalen Folgen für die Vertriebenen. Foto: dpa

Nach siebzig Jahren ist weitgehend in Vergessenheit geraten, wie ungeheuer schwierig die Integration der Vertriebenen war. Auf die heutige Bevölkerungszahl umgerechnet, würde dies bedeuten, dass 3,8 Millionen deutschsprachige Neubürger zwangsweise nach Bayern umsiedeln müssten, und die Kosten durch eine fünfzigprozentige Vermögensabgabe den Einheimischen aufgebürdet. Möglicherweise würde dann sogar die CSU einmal eine Landtagswahl verlieren.

Zudem war die bayerische Bevölkerung damals Fremde noch nicht gewohnt. Die Sudetendeutschen standen den Bayern vergleichsweise nah, nicht jedoch Ostpreußen, Schlesier oder die deutschen Minderheiten vom Balkan. Die beiden großen christlichen Konfessionen einte nicht die Ökumene, sondern trennte eine tiefe Kluft. „Es kamen bewusste Protestanten in fast hundertprozentig katholische Gegenden“, sagt Schlemmer. „Eine evangelisch-lutherische Frau zu heiraten, konnte dazu führen, dass zwei Familien gesprengt wurden.“

Doch trotz der katastrophalen Voraussetzungen gelang die Integration – sehr viel besser, als notleidende Bürger und Politiker das in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu hoffen wagten.

Das Wirtschaftswunder als Konfliktlöser

Frauen bereiten 1948 an einem Tisch im bayerischen Flüchtlingslager Allach Mahlzeiten zu.
Frauen bereiten 1948 an einem Tisch im bayerischen Flüchtlingslager Allach Mahlzeiten zu. Foto: dpa

Ein ganz wesentliches Element war naturgemäß, dass die damaligen Flüchtlinge und Vertriebenen ungeachtet aller Anfeindungen und Diskriminierung Deutsche waren und über ein vergleichbares, in vielen Fällen sogar höheres Bildungsniveau verfügten als die Einheimischen. Ein weiterer Faktor: Zwang. Weder Bürger noch bayerische Behörden hatten ein Mittel des Widerstands gegen die Anordnungen des Alliierten Kontrollrats.

Und der Boom der 1950er-Jahre erleichterte die Integration ganz ungemein: „Die Bedeutung des Wirtschaftswunders ist dabei überhaupt nicht zu überschätzen“, sagt Historiker Schlemmer. „Auch die Sozialpolitik hat eine Rolle gespielt. Durch Umverteilung von Vermögen wurde es den Vertriebenen ermöglicht, eine neue Existenz aufzubauen.“ Es habe jedoch viele gegeben, „die vom Verlust der Heimat sowie von Flucht und Vertreibung traumatisiert waren und nie wieder auf die Füße gekommen sind“.

Und heute? Als Muster für die aktuelle Situation taugen die aus der Not geborenen Zwangsmaßnahmen der Nachkriegsgeschichte sicher nicht. Wohnungsbeschlagnahmen und fünfzigprozentige Vermögensabgabe sind undenkbar. Doch sind die Ausgangsvoraussetzungen heute um ein Vielfaches günstiger als 1945. Und die erfolgreiche Integration der Vertriebenen zeigt zumindest, dass auch zunächst ganz unmöglich erscheinende Aufgaben gemeistert werden können.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht