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Bilanz

Söders erstes Jahr als Landesvater

Der Ministerpräsident zieht eine selbstkritische Bilanz. Auf ihn wartet die Großbaustelle Stromversorgung.
Von Marco Hadem

Weltraumflug ohne Sicherheitsleine: Söder neben dem Foto des US-Astronauten Bruce McCandless Foto: Peter Kneffel/dpa
Weltraumflug ohne Sicherheitsleine: Söder neben dem Foto des US-Astronauten Bruce McCandless Foto: Peter Kneffel/dpa

München.In Markus Söders Büro in der Münchner Staatskanzlei hängt ein besonderes Bild: Es stammt aus dem Jahr 1984 und zeigt den US-Astronauten Bruce McCandless bei dessen Premierenflug im Weltraum ohne Sicherungsleine. Hinter ihm nur das tiefschwarze All und die leuchtend blaue Erde. Für den inzwischen auch zum CSU-Chef gewählten Söder hat das Bild Symbolkraft: ein Mann ohne jegliches Netz, zwischen Erde und Weite. Es stehe für Demut, sagt er. Aus dem Bild lässt sich aber noch mehr ablesen, und auch das passt zu Söder, der am 16. März seit einem Jahr bayerischer Ministerpräsident ist: Zwischen Himmel und Erde ist mehr möglich als viele denken. Und am Ende zahlen sich Ehrgeiz und Hartnäckigkeit für einige doch aus.

So lässt sich auch Söders Weg zum Regierungschef beschreiben. Immer wieder schien es, als sei Söders großes Karriereziel unendlich weit entfernt, schien der Plan seiner Kritiker aufzugehen: Söders Wahl zum Ministerpräsidenten zu verhindern. Gerade in den Monaten vor der Wahl musste der inzwischen 52-jährige Franke noch einmal viel Geduld aufbringen – bis heute nicht gerade eine seiner Stärken.

„Wir haben im letzten Jahr manches falsch gemacht.“

Markus Söder

Dies trifft aber für seine Anpassungsfähigkeit umso mehr zu. In seiner Karriere hat sich Söder immer wieder neu erfunden – so auch im ersten Jahr als Ministerpräsident. Sein Fazit fällt überraschend selbstkritisch aus: „Wir haben im letzten Jahr manches falsch gemacht“, sagte er jüngst beim politischen Aschermittwoch.

Verhältnis zur CDU

  • AKK:

    Zumindest eine Baustelle hat Markus Söder bereits abgearbeitet: Der ewige Streit mit der CDU, unter Horst Seehofer gehörte er zum guten Ton der CSU, ist passé. Gemeinsam mit Neu-CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer (Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa) hat Söder der Union einen ruhigen Kurs verordnet.

  • Kurs:

    Ob das reicht, um schwere Probleme zu überstehen, muss sich zeigen: etwa mögliche Unions-Pleiten bei den anstehenden Wahlen mitsamt dann drohenden Kursdebatten oder gar der Folge eines Bruchs der großen Koalition.

Reise nach Afrika

Was er genau meint, lässt er offen – aber der anfangs harte und mit der Asylfrage monothematische Landtagswahlkampf dürfte dazu ebenso zählen wie das Feuerwerk an millionenschweren Versprechen. Die selbstkritische Art passt auch ins Image, welches Söder sich seit der Wahl zugelegt hat: kein Haudrauf mehr, ruhiger, besonnener, ja gerne auch vermittelnder sein. Getreu seiner Ansage für die CSU nach dem Verlust der absoluten Mehrheit: „Wir haben verstanden, ein „Weiter so“ wird es nicht geben.“ Dazu passt auch, dass er in diesem Jahr als Ziel seiner ersten großen Auslandreise nicht eine Wirtschaftsmacht ausgesucht hat, sondern Afrika besuchen will.

Genau so führt er seit Herbst auch seine „Bayern-Koalition“ mit den Freien Wählern an – deren großer Regierungswille ist inmitten der historischen CSU-Wahlniederlage ein Glücksfall für Söder. Denn nur dank der Partei, die die CSU früher als „Fleisch aus unserem Fleische“ verunglimpfte, konnte Söder ein Bündnis mit den Grünen und damit wohl auch eine grundlegende Änderung des CSU-Kompasses verhindern.

Jede Menge Großbaustellen

Doch Söder wäre nicht Söder, würde er seine demütige Aussage nicht in eine kämpferische Ankündigung ummünzen: „Wir werden diese zweite Chance nutzen. Wir werden nicht nur durchschnaufen. Wir werden für Bayern und Deutschland durchstarten.“ Der Applaus, den Söder dafür in der CSU - und auch in der CDU - bekommt, gibt ihm augenscheinlich derzeit Recht oder zumindest jene Bestätigung, die er braucht. Denn, und auch das gehört zum Fazit nach Söders erstem Jahr als Ministerpräsident, über mangelnde Großbaustellen kann er sich nicht beklagen: Bayern droht perspektivisch ein echtes Energieproblem, die Konjunktur könnte sich schon bald eintrüben, und die Grünen treiben die CSU immer wieder vor sich her oder blockieren gar Söders Pläne - etwa bei den gescheiterten Verankerungen des Klimaschutzes und einer Amtszeitbegrenzung für Ministerpräsidenten.

Als reiche dies nicht aus, ist Söder seit Mitte Januar auch als CSU-Chef der Nachfolger von Seehofer und damit Erbe einer schweren Aufgabe: Die CSU nach Jahren der Wahlverlusten wieder fit machen für die Zukunft und gesellschaftlich wieder verankern in Bayern.

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