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Pfingsttreffen

Söders Garantie für die Sudetendeutschen

Regierungschef verspricht imaginären Platz am Kabinettstisch. Die Versöhnungsleistung der Volksgruppe sei nobelpreiswürdig.
Von Christine Schröpf

Ministerpräsident Markus Söder bei der Hauptkundgebung des Pfingsttreffens der Sudetendeutschen. Foto: Tino Lex.
Ministerpräsident Markus Söder bei der Hauptkundgebung des Pfingsttreffens der Sudetendeutschen. Foto: Tino Lex.

Regensburg.Ministerpräsident Markus Söder hat beim Pfingsttreffen der Sudetendeutschen die Verbundenheit des Freistaats mit den Vertriebenen und ihren Nachfolgegenerationen bekräftigt. Sie hätten an der Versöhnung mit Tschechien entscheidenden Anteil und in Fragen der Beziehungen zum Nachbarland auch weiter einen imaginären Platz am Kabinettstisch, versprach Söder am Sonntag bei der Hauptkundgebung in Regensburg. Die Volksgruppe habe seit den 1950er Jahren im Verhältnis zu Tschechien auf Optimismus und nicht auf Revanche gesetzt. Für diese Leistung hätten die Sudetendeutschen den Friedensnobelpreises verdient. Ein ähnlicher Geist wäre nach Worten Söders auch heute nötig, wo sich in Europa wieder das „Geschwür des Nationalismus“ ausbreite.„Ich mache mir Sorgen um Europa, weil immer mehr das Ego von Staaten wieder in den Vordergrund rückt und das gemeinsame Verstehen zerbröckelt.“

Ministerpräsident Markus Söder nannte die Sudetendeutschen wegen ihrer Versöhnungsbereitschaft nobelpreiswürdig. Foto: Tino Lex
Ministerpräsident Markus Söder nannte die Sudetendeutschen wegen ihrer Versöhnungsbereitschaft nobelpreiswürdig. Foto: Tino Lex

Ähnlich besorgt äußerte sich der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt. Im heutigen Europa gehe es nicht mehr um den Krümmungsgrad der Gurke, „sondern es geht um die Wurst“, sagte er. „Dieses Europa droht wieder auseinanderzufallen, in einen östlichen und einen westlichen Teil.“ Völkerverständigung sei nichts Süßliches, sie sei existenziell. Er verwies auf eine schlechte Rolle des Kreml, der nationalistische Gruppierungen von links und rechts finanziere, um Europa zu spalten. Der Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Jugend, Mario Hierhager, kritisierte scharf das Werk destruktiver Ewiggestriger in Europa und in Deutschland – und spielte dabei auch auf die AfD an. „Es ist unsere Zukunft, und die lassen wir uns nicht verbauen“, sagte er.

Hohe Politikerdichte

Fahnenabordnungen zogen bei der Hauptkundgebung am Sonntag an den Festgästen vorbei. Foto: Tino Lex
Fahnenabordnungen zogen bei der Hauptkundgebung am Sonntag an den Festgästen vorbei. Foto: Tino Lex

Die Hauptkundgebung setzte den Schlussakzent des dreitägigen Pfingsttreffens. Die Dichte an Politikprominenz war hoch. Auch der stellvertretende Ministerpräsident Hubert Aiwanger (Freie Wähler) war da – mit seiner Lebensgefährtin, der Regensburger Landrätin Tanja Schweiger. Die Vertriebenenbeauftragte der Staatsregierung, Sylvia Stierstorfer, und der Oberpfälzer Regierungspräsident Axel Bartelt waren ebenfalls gekommen – sie haben selbst sudetendeutsche Wurzeln. Der Finanzminister und Oberpfälzer CSU-Chef Albert Füracker wurde besonders herzlich begrüßt, weil er qua Amt den Bau des neuen Sudetendeutschen Museums in München mitfinanziert, das im nächsten Jahr eröffnet werden soll. „Herzlichen Dank für die Bereitschaft, das Museum finanziell abzusichern“, sagte der bayerische Landesobmann der Sudetendeutschen, Steffen Hörtler.

Bernd Posselts Europa-Ambitionen

  • Erwartung:

    Der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, von 1994 bis 2014 CSU-Abgeordneter in Brüssel, rechnet mit einer baldigen Rückkehr ins Europaparlament.

  • Voraussetzung:

    Dazu muss allerdings EU-Spitzenkandidat Manfred Weber zum EU-Kommissionspräsidenten aufsteigen und sein Mandat zurückgeben. Als Nachrücker auf der Liste wäre Posselt am Zug.

  • Chancen:

    Posselt schätzt Webers Chancen als „extrem hoch“ ein und widerspricht damit Skeptikern. Gegen die EVP als stärkste Fraktion werde kein Kommissionspräsident gekürt werden.

Bayern ist Schirmherr der Sudetendeutschen weltweit. Drei Millionen Angehörige der Volksgruppe waren nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Siedlungsgebieten in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien vertrieben worden – rund die Hälfte der Menschen fand im Freistaat eine zweite Heimat und half kräftig beim Wiederaufbau mit. Die Sudetendeutschen wurden deshalb neben den Altbayern, Franken und Schwaben zum „Vierten Stamm“ ernannt.

Die Halle war bei der Hauptkundgebung sehr gut besucht. Foto: Tino Lex
Die Halle war bei der Hauptkundgebung sehr gut besucht. Foto: Tino Lex

Das Verhältnis zwischen Bayern und Tschechien hat sich seit einer diplomatischen Offensive des damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Bundesinnenministers Horst Seehofers im Jahr 2010 entspannt. Er hatte damals als erster bayerischer Regierungschef nach dem Zweiten Weltkrieg offiziell Prag besucht. Wie beim Pfingsttreffen zu spüren war, erfordert die gemeinsame Geschichte aber trotzdem weiter große Behutsamkeit, damit Wunden nicht wieder aufreißen – die Tschechen hatten furchtbar unten dem Naziterror gelitten, die Sudetendeutschen waren brutal vertrieben worden.

„Ich bin felsenfest überzeugt. Es liegt eine gute gemeinsame Zukunft vor uns.“

Tomas Jan Podivinsky, tschechischer Botschafter in Deutschland

Mit Spannung erwartet wurde deshalb bei der Hauptkundgebung die Rede des tschechischen Botschafters in Deutschland, Tomas Jan Podivinsky. Er bezeichnete die heutigen Ministerpräsidenten von Bayern und Tschechien, Markus Söder und Andrej Babis, für das heutige Brückenbauen als genauso wichtig, wie es 2010 Horst Seehofer und Petr Necas gewesen seien. Er sprach von aufkeimender Freundschaft, trotz spitzer Stolpersteine. „Ich bin felsenfest überzeugt. Es liegt eine gute gemeinsame Zukunft vor uns.“

Der tschechische Botschafter in Deutschland, Tomas Jan Podivinsky, sieht die Beziehungen beider Länder auf einem guten Weg. Foto: Tino Lex
Der tschechische Botschafter in Deutschland, Tomas Jan Podivinsky, sieht die Beziehungen beider Länder auf einem guten Weg. Foto: Tino Lex

Der frühere tschechische Kulturminister Daniel Hermann hatte schon am Freitag, bei der Verleihung des Karlspreises an Charlotte Knobloch, die frühere Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, versöhnende Worte gefunden und Hass und Kollektivschuld abgelehnt. „Es gibt weder die Deutschen oder die Juden oder die Tschechen. Es sind immer konkrete Menschen mit eigener Verantwortung, die sich für ihr Leben und ihre Taten rechtfertigen müssen“, sagte er.

Pfingsttreffen

Seehofer verurteilt Antisemitismus

Bundesinnenminister spricht beim Sudetendeutschen Tag von Irrlichtern und Irregeführten, gegen die gemeinsam zu kämpfen sei.

Wie eng die Verbindungen zwischen Bayern und Tschechen verwoben sind, war an allen drei Tagen des Pfingsttreffens in sehr vielen Momenten zu spüren gewesen: Bei einem spontanen Geburtstagsständchen für eine junge Besucherin in der Messehalle am Samstag wechselten sich wie selbstverständlich deutsche und tschechische Liedzeilen ab. Die Kollekte der Pfingstmesse vom Sonntag geht an den Wallfahrtsort Maria Stock im Egerland. Als das Westböhmische Symphonieorchester Marienbad bei einem Festakt am Samstag als Schlusslied die Europahymne mit der Zeile „Alle Menschen werden Brüder“ anstimmte, sangen die versammelten Gäste mit. Natürlich war auch die kulinarische Versorgung stark böhmisch geprägt: In Liwanzenpfannen wurde die typische Mehlspeise frisch herausgebacken. Im Angebot waren auch Maultaschen und Zwetschenknödeln. Eine Volkstumsfest am Samstagabend zeigte die kulturellen Verbindungen auf.

Bischof Rudolf Voderholzer warnte vor den Folgen einer Spaltung der Kirche. Foto: Tino Lex
Bischof Rudolf Voderholzer warnte vor den Folgen einer Spaltung der Kirche. Foto: Tino Lex

Das Bekenntnis zu Europa und die konsequente Ablehnung jeder Form von Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus hatte sich wie ein roter Faden durch das Pfingsttreffen gezogen. Bundesinnenminister Seehofer bezeichnete die Heimatvertriebenen am Samstag als Verbündete im Kampf gegen „Irrlichter“ und „Irregeführte, die glauben, sie können in unseren Zeiten immer noch gegen andere Rassen, Völker oder die Juden zu Felde ziehen.“ Der Sprecher der Sudetenddeutschen Volksgruppe, der CSU-Europapolitiker Bernd Posselt erteilte jeder Form von Extremismus, ob von Rechts oder Links, eine klare Absage. Landesobmann Hörtler sagte: „Antisemitismus, aus welcher radikalen Ecke dieser auch herauskriecht, hat in Deutschland, hat auf dieser Welt, nichts verloren.“

„Der erste Brexit war der religiöse, die Kirchenspaltung im 16. Jahrhundert.“

Bischof Rudolf Voderholzer warnt vor den Folgen einer Spaltung des Christentums

Die katholische Kirche sei „die Nationalismus-Prophylaxe schlechthin“, sagte der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, der den Pfingstgottesdienst in diesem Jahr nicht im Dom, sondern beim Pfingsttreffen mit den Sudetendeutschen feierte. Seine Familie wurzelt ebenfalls in dieser Volksgruppe. In seiner Predigt am Sonntagvormittag bezeichnete Voderholzer die katholische Kirche als „vom ersten Tag ihres Bestehens an völkerumspannend.“ Sie sei die Kraft, die den einzelnen Völkern ihre kulturelle Prägung nicht nehme, aber in eine größere Einheit einfüge. Diese Klammer sei „etwas Wunderbares, aber auch etwas Gefährdetes“. Er warnte mit Verweis auf den britischen Brexit vor einer Spaltung des Christentums. „Der erste Brexit war der religiöse, die Kirchenspaltung im 16. Jahrhundert.“

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