MyMz

Geschichte

Spätes Gedenken an einen staatlichen Mord

Am 8. Mai vor 70Jahren wurde ein polnischer Zwangsarbeiter im Bayerischen Wald aufgehängt. Sein Vergehen: Er liebte eine Einheimische.
Von Florian Sendtner, MZ

Sie enthüllten den Gedenkstein: BR-Reporter Thomas Muggenthaler, Zeitzeugin Maria Engl, Pfarrer Helmut Meier und Bürgermeister Michael Dachs (von links). Foto: Jädicke

Zachenberg. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Nein, das ist keine lauschige Maiandacht, zu der sich die ganze Umgebung von Zachenberg versammelt hat, obwohl der Maiabend sehr dazu angetan wäre: Die Sonne geht gerade unter, die Schwalben zwitschern, im Garten nebenan schnattert eine Gans, die Luft ist erfüllt von Blütenduft. Pfarrer Helmut Meier nennt die Dinge umstandslos beim Namen: Schon als er vor Jahren in die Gemeinde Ruhmannsfelden (Landkreis Regen), zu der Zachenberg gehört, kam, hörte er von dem grausigen Geschehen, dessen 70. Jahrestag an diesem 8. Mai begangen wird: „Damals ham’s bei der Eisern‘ Bruck an Polen aufghängt“, erzählten die Leute. Sein Vergehen: eine Liebesbeziehung zu einer 16-jährigen Einheimischen.

Späte Enthüllung durch Reporter

Doch erst die Recherchen von Thomas Muggenthaler haben die Sache ans Licht gebracht. Der BR-Reporter machte Zeitzeugen ausfindig, die bereit waren, auszusagen, und er stieß im Staatsarchiv Amberg auf umfangreiche Akten, die belegen: Allein im Zeitraum von April 1941 bis April 1943 wurden in Niederbayern und der Oberpfalz 22 polnische Zwangsarbeiter wegen verbotener Beziehungen zu deutschen Frauen hingerichtet. In zahlreichen Rundfunksendungen und in dem 2010 erschienenen Buch „Verbrechen Liebe“ (Lichtung Verlag) hat Muggenthaler die Ergebnisse seiner Forschungen vorgelegt. Pfarrer Helmut Meier sagt ihm dafür jetzt ein „herzliches Vergelt’s Gott“: „Ich bin über die Maßen glücklich, dass wir heute, am siebzigsten Jahrestag dieses Verbrechens, eines unschuldigen Mannes gedenken können, den Hass und Bosheit zu Tode gebracht haben.“ Das sei in erster Linie Thomas Muggenthaler zu verdanken: „Was nur vom Hörensagen bekannt war, hat durch ihn Gesicht und Namen bekommen.“ Auf dem Faltblatt mit den Liedtexten zu dem Gedenkgottesdienst in der hoffnungslos überfüllten Zachenberger Kapelle steht der Name des Hingerichteten: Jozef Trzeciak, ein Passfoto zeigt einen jungen Mann im Trachtenjanker.

Im Gespräch wird Pfarrer Meier noch deutlicher: Als er das Verbrechen vor Jahren zur Sprache brachte, kamen auch Reaktionen wie diese: „Der wenn nicht aufhört mit seinem Scheiß, dann geh ich ihm nicht mehr in die Kirche!“ Und auch heute noch, erzählt Bürgermeister Michael Dachs, stoße es bei manchen auf Ablehnung, dass die verbrecherische Vergangenheit aufgerollt werde.

Doch der Gemeinderat hat sich im zweiten Anlauf entschlossen, einen Gedenkstein aufzustellen, unweit der Stelle, wo Jozef Trzeciak am 8. Mai 1942 erhängt wurde. Es ist ein großer Granitstein unter einer Linde, zu dem die Besucher des Gedenkgottesdienstes in der Abenddämmerung schweigend hinaufpilgern. Der Weg führt ein paar hundert Meter aus dem Dorf heraus – es ist der gleiche Weg, erklärt Pfarrer Helmut Meier, den die aus der Umgebung zusammengetriebenen Zwangsarbeiter damals gehen mussten; sie wurden gezwungen, der Hinrichtung beizuwohnen.

Als „Polenhure“ gebrandmarkt

Die wichtigste Person an diesem Abend siebzig Jahre später fehlt: Rosa Trettin. Sie ist aus der Liebesbeziehung zwischen Jozef Trzeciak und der jungen Frau hervorgegangen. Ihre Mutter wurde als „Polenhure“ gebrandmarkt und ins KZ Uckermark, ein Nebenlager des KZ Ravensbrück, deportiert, überlebte aber, zumindest physisch. Psychisch schleppte die Frau, die 2002 starb, das ihr aufgebrannte Schandmal zeitlebens mit sich herum. Ihre Tochter wuchs in Zachenberg auf, musste sich von anderen Kindern als „Polak“ beschimpfen lassen. Sie lebt schon lange in Nordrhein-Westfalen. Zu Thomas Muggenthaler sagte sie: „Der Bayerische Wald ist ja ganz schön, aber je weiter ich weg bin, desto besser geht es mir.“

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht