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Verkehr

Spürbare Nebenwirkungen auf der A 3

Nach mehreren Unfällen herrschte am Mittwoch Verkehrschaos rund um Regensburg. Das schadet auch der Gesundheit der Pendler.
Von Isolde Stöcker-Gietl

Ein inzwischen täglicher Anblick: Auf der A 3 staut sich der Verkehr. Das Chaos bricht aus, wenn es zu Unfällen im Bereich der Baustelle kommt.Foto: Lex
Ein inzwischen täglicher Anblick: Auf der A 3 staut sich der Verkehr. Das Chaos bricht aus, wenn es zu Unfällen im Bereich der Baustelle kommt.Foto: Lex

Regensburg.Landrätin Tanja Schweiger hat den Mittwochmorgen wie viele Pendler aus dem westlichen Landkreis verbracht – wieder einmal im Stau. Nach einem Unfall im Baustellenbereich auf der A 3 ging es im Berufsverkehr nur noch schleppend vorwärts. So waren auch entsprechend schnell alle Ausweichrouten dicht. „Das ist ja inzwischen fast schon normal, dass man ein- bis zweimal in der Woche im Stau steht“, sagte Schweiger. Tatsächlich krachte es gestern noch einige weitere Male: Zwischen Regensburg-Ost und Burgweinting, am Mittag dann ein Unfall mit mehreren Fahrzeugen zwischen dem Kreuz Regensburg und Universität und ein weiterer Unfall bei Sinzing. Die Auswirkungen spürte man auch auf der A93. Der Pfaffensteiner Tunnel wurde gesperrt, am Lappersdorfer Kreisel herrschte deshalb am frühen Nachmittag ebenfalls Verkehrschaos. Die Baustelle zum sechsspurigen Ausbau der A 3 zeigt ihre gefürchteten Begleiterscheinungen.

Reden und Lösungen suchen

„Wir müssen reden und wir müssen Lösungen suchen“, sagt Schweiger und bringt eine nicht ganz neue Idee ins Spiel, um am Nadelöhr Pfaffensteiner Tunnel für Entlastung zu sorgen. Eine zweite Abbiegespur auf die A 93 am Einfallstor zu Regensburg würde für die Pendler aus dem westlichen Landkreis laut Schweiger eine deutliche Entlastung bringen. Die Strecke auf der ehemaligen B 8 ist Ausweichroute, wenn auf der A3 Richtung Passau nichts mehr geht. Doch Josef Seebacher, Pressesprecher der Autobahndirektion Süd, macht wenig Hoffnung, dass diese Maßnahme das Problem rasch lösen könnte. „Das lässt sich nicht auf die Schnelle umsetzen.“ Eine zweite Linksabbiegerspur würde die Versetzung einer Stützmauer bedeuten, was ökologisch enorme Auswirkungen hätte. „Ohne ein Planfeststellungsverfahren könnte die Stadt Regensburg nicht bauen“, so Seebacher zur MZ und ergänzt: „Alle Lösungen, die in Vorbereitung auf den sechsspurigen Ausbau rasch umgesetzt werden konnten, wurden auch umgesetzt.“

„Täglich eine Stunde Stau ist nicht gut für die Gesundheit.“: Dr. Volker Busch Leiter Psychosoziale Stress- und Schmerzforschung, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Regensburg
„Täglich eine Stunde Stau ist nicht gut für die Gesundheit.“: Dr. Volker Busch Leiter Psychosoziale Stress- und Schmerzforschung, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Regensburg

Für die Pendler dürfte das wenig tröstlich sein. Privatdozent Dr. Volker Busch, Leiter der Psychosozialen Stress- und Schmerzforschung an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg, rät deshalb zu einer Umstellung der Lebensgewohnheiten. „Nicht der Stau als solches macht uns Stress, sondern seine Bewertung.“ In der Praxis bedeutet das: Wer früher losfährt, der gerät nicht unter Zeitdruck und damit auch nicht so sehr unter Stress. Das sollten Pendler unbedingt beherzigen, denn langfristig kann ständiges Im-Stau-Stehen tatsächlich krank machen. Durch den Stress verspannt sich die Muskulatur, was zu Kopf- und Nackenschmerzen führen kann, der Herzschlag beschleunigt sich, der Blutdruck steigt. Gefäße verengen sich und sogar die Blutgerinnung nimmt zu. „Ein biologischer Atavismus“, sagt Busch, der uns noch von unseren Vorfahren in den Genen steckt. Denn früher war Stress auch Gefahr. Zu den körperlichen Belastungen kommen heute die seelischen. Negative Gefühle, die wiederum ein verstärktes impulsives Handeln nach sich ziehen. „Chronisch anhaltender Stress führt zu einer ungünstigeren Lebensweise, wir greifen etwa vermehrt zu Schokolade oder zur Zigarette.“ In der Folge kann dies zu Volkskrankheiten wie Diabetes führen. „Wenn sich also jemand jeden Tag eine Stunde im Stau ärgert, ist das nicht gut für die Gesundheit“, warnt Busch.

Vorsicht Baustelle: Doch immer wieder kracht es ausgerechnet dort, wo es eh schon eng zugeht. Foto: dpa
Vorsicht Baustelle: Doch immer wieder kracht es ausgerechnet dort, wo es eh schon eng zugeht. Foto: dpa

Derzeit pendeln (Stand 2017) nach der Statistik der Bundesagentur für Arbeit mehr als 78 000 Menschen täglich nach Regensburg an ihren Arbeitsplatz. 25 000 Menschen mehr, als im Jahr 1995. In der gleichen Zeit ist der Lkw-Verkehr ebenfalls stark angewachsen. Im Jahr 2016 wurden 3,6 Milliarden Tonnen Güter in Deutschland transportiert, hinzu kommt noch der Schwerlastverkehr aus dem Ausland, der ebenfalls häufig über die wichtige Ost-West-Achse A 3 verläuft.

Jedes Nadelöhr macht sich in den Terminplanungen bemerkbar. Wenn Lastwagen nicht vorwärts kommen, dann verzögern sich auch Produktionsabläufe. Somit dürfte der sechsspurige Ausbau der A 3 auch für die Wirtschaft spürbare Auswirkungen haben. Auf wissenschaftlicher Basis messbar ist das allerdings nicht, sagt Prof. Dr. Jürgen Jerger, Leiter des Lehrstuhls für Internationale und Monetäre Ökonomik an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Regensburg. „Die Auswirkungen durch Verkehrsprobleme sind schwer zu erfassen. Wenn jemand genervt ist durch den Stau, lässt sich das nicht objektiv in Euro ausdrücken.“ Zudem, so Jerger, gebe es auch Profiteure in dieser Situation. Der Wirtschaftswissenschaftler nennt etwa die Vermieter von Wohnungen in der Nähe großer Arbeitgeber oder Fahrradhändler, die möglicherweise mehr Umsatz machen, weil mehr Menschen auf das Rad umsteigen.

Bei BMW läuft noch alles glatt

Die großen Firmen im Raum Regensburg demonstrieren derzeit noch Gelassenheit. „Nein, wir haben keine Auswirkungen auf unsere Produktionsabläufe zu verzeichnen. Durch die entsprechenden Vorplanungen konnten störende Einflüsse verhindert werden. Dies gilt auch für den individuellen An- und Abreiseverkehr der Kollegen zum Schichtbeginn bzw. -ende“, teilte Andreas Sauer, Pressesprecher im BMW Group Werk Regensburg auf Anfrage mit.

„Die Menschen spüren jetzt, was die Baustelle bedeutet.“ Landrätin Tanja Schweiger
„Die Menschen spüren jetzt, was die Baustelle bedeutet.“ Landrätin Tanja Schweiger

„Die Menschen spüren jetzt, was die A 3-Baustelle bedeutet.“ Für Landrätin Tanja Schweiger steht deshalb außer Frage, dass man die Pendler in den kommenden Jahren nicht mit dieser Situation alleine lassen darf – „auch wenn bislang noch niemand im Landratsamt seinem Ärger über die Verkehrssituation Luft gemacht hat“. Wo immer es geht, rät Schweiger zum Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel. Die Bahnhöfe Undorf, Etterzhausen und Sinzing sollen Anlaufstellen für Pendler werden. Gespräche mit Agilis über mehr Kapazitäten in den Zügen wurde bereits geführt. Derzeit würden die Auslastungen beobachtet, sagt Pressesprecher Wolfgang Oeser. Schnelle Verbesserungen sind aber auch auf der Schiene nicht zu erwarten. „Frühestens zum Fahrplanwechsel 2019“, heißt es.

Einen Vorteil haben die Zugpendler aber schon jetzt: Sie müssen sich nicht über die Unfallfahrer ärgern, die das Chaos ausgelöst haben. Eine rechtliche Handhabe gegen die Verursacher gibt es übrigens nicht. Selbst dann nicht, wenn Pendler im Stau „aufregungsbedingte“ Gesundheitsschäden erleiden.

Lesen Sie hier unser Special zum Ausbau der A3 mit vielen Bildern, Videos und Beiträgen rund um das Großbauprojekt.

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