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Strauß war „weder Heiliger noch Dämon“

Biografie: Zum 100. Geburtstag hat der Historiker Horst Möller dem Ober-Bayern ein mildes Charakterbild gewidmet.
Von Harald Raab, MZ

Das Archivbild von 1987 zeigt den früheren bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU). Zu seinem 100. Geburtstag im September ist eine neue Biografie erschienen.
Das Archivbild von 1987 zeigt den früheren bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU). Zu seinem 100. Geburtstag im September ist eine neue Biografie erschienen. Foto: dpa

München.„De mortuis nihil nisi bene.“ Der 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß im September wirft seine Schatten voraus. Im Zusammenhang mit dem gelernten Latein-Lehrer darf ein entsprechendes Zitat nicht fehlen, zumal der Kraftmensch und Metzgerssohn aus München-Schwabing gern mit diversen Sprüchen nicht nur die Lufthoheit über den deutschen und speziell bayerischen Stammtischen beherrscht hat, sondern auch seine altphilologischen Kenntnisse gern zur Schau stellte. „Über Tote nichts Schlechtes“, nach diesem menschlich verständlichen Motto hat der Historiker Horst Möller seine termingerecht erschienene Biografie des Ausnahmepolitikers verfasst. Umfang- und detailreich, mit sehr viel Zitaten und Protokollauszügen, ist das Werk ausgefallen. Die Familie Strauß und die CSU haben bereitwillig ihre Archive zur Verfügung gestellt. Der Titel, der übrigens von Willy Brandt geborgt ist: „Franz Josef Strauß – Herrscher und Rebell“, erschienen im Piper Verlag.

Es fehlt (fast) nichts

Von Möller, dem Ex-Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München konnte keine Gefahr ausgehen. Es fehlt trotzdem (fast) nichts: weder die diversen Skandale und Affären um Schützenpanzer, Starfighter, Fibag oder Spiegel, noch sind seine Amouren mit einer 17-jährigen Schülerin und seiner ständigen Begleiterin im hohen Alter ausgespart. Die wirklich ungewöhnliche Karriere vom Weltkrieg-II-Oberleutnant zum Landrat, Dauerparteivorsitzenden, viermaligen Bonner Minister, geradezu monarchisch regierenden bayerischen Ministerpräsidenten und zum glücklosen Kanzlerkandidaten.

Doch über allem liegt ein Weichzeichner. Gebührend herausgestrichen wird der große Staatsmann, der stets am Gemeinwohl orientierte Politiker aus Leidenschaft. Das gipfelt in der Behauptung, ein großer „Intellektueller“ sei da von den bösen Linken als Watschenmann instrumentalisiert worden. Wiedergutmachung sei aus historischer Redlichkeit angebracht, so Möller. Zu diesem Behuf begegnet uns FJS bei ihm auch als Mann des Ausgleichs, des politischen Weitblicks und als stets sachbezogen agierender „Friedenspolitiker“.

Das Leben von Franz Josef Strauß

Nun ja, da ist auch etwas Wahres dran. Kein anderer als er taugte so gut als Feindbild. Und dabei ist ihm auch so manches Unrecht geschehen. Spiegel und Stern müssen FJS dankbar sein für die Daueraufreger, die er geliefert hat. Richtig ist auch, dass kein Gerichtsverfahren, kein Untersuchungsausschuss die ehrenrührigen Behauptungen in den Medien bestätigt hat: Keine krummen Geschäfte, keine Bestechlichkeit und kein auf dubiosen Wegen zusammengerafftes Vermögen in Höhe von 300 Millionen Euro.

Man muss nicht Rudolf Augstein und Henri Nannen zur Zeugenschaft bemühen, um der multiplen Persönlichkeit des Ober-Bayern näher kommen zu können. Ein Zeuge, dessen Urteil bestimmt nicht von ideologischer Gegnerschaft getrübt ist, kommt aus dem unmittelbaren Umfeld des bayerischen Ministerpräsidenten. Der liberal-konservative Hans Maier, 16 Jahre lang Kultusminister in Bayern, macht in seinen Memoiren „Böse Tage, gute Tage“ kein Hehl daraus, dass die Zeit mit Strauß nicht zu den glücklichen Zeiten seines Lebens gehört hat. Auch er bewunderte die rhetorische Begabung und den wieselflinken Verstand des Ministerpräsidenten. Doch dann macht er seinem gequälten Herzen Luft: „Es gab auch den anderen Strauß. Wehe, wenn plötzlich Emotionen, Wutausbrüche seine Intelligenz überschwemmten, seine Gelassenheit zerstörten. Dann konnte sich der hochbegabte Mann in Sekundenschnelle in ein zuckendes Bündel von Wut und Aggression verwandeln.“ Maier erinnert sich auch an eine wüste Beschimpfung. Zum Einstand habe ihn der neue Ministerpräsident als „arroganten Professor“ heruntergeputzt. Strauß habe getobt und geschrien. Er sei ganz offenkundig nicht mehr seiner Sinne mächtig , vulgo er sei wohl ziemlich blau gewesen. Maiers Fazit: „Nein ein Staatsfreund im Sinne Schillers war Strauß nicht. Eher war ihm die in Bayern seit jeher populäre Rolle des starken Anarchen auf den Leib geschrieben.“

Ein Landesfürst, umgeben von Ja-Sagern

Strauß habe mit seinen drei Kabinetten in Bayern weitaus weniger bewegt als sein Vorgänger Alfons Goppel. Er sei zeitlebens das geblieben, was sein Widersacher Helmut Kohl ablegen konnte: ein Landesfürst, zuletzt ein Denkmal seiner selbst, umgeben von devoten Jasagern wie Gerold Tandler, Edmund Stoiber oder Peter Gauweiler.

Maier fragt: „Was wäre wohl geschehen, hätte Strauß den Weg in die Spitze der Bundespolitik gefunden, wie er es zeitlebens erstrebte?“ Als Antwort zitiert er den evangelischen Bischof Hermann Kunst. Der hatte den volltrunkenen Minister in einer Nacht, in der die Kuba-Krise 1962 auf ihrem Höhepunkt war, in Bonn in einem Gebüsch liegen sehen. Der Kirchenmann war nach eigener Bekundung auf einen Schlag vom Strauß-Fan zum Strauß-Gegner geworden: „Ich wusste plötzlich: dieser Mann darf nicht Bundeskanzler werden.“

Machte Strauß unsaubere Geschäfte, war er gar bestechlich? Möller hat natürlich Recht: Da ist nichts bewiesen. Es hat die Unschuldsvermutung zu gelten. Wie Strauß in den zweifelhaften Ruf kommen konnte, auch dafür gibt Ex-Kultusminister Maier ein anschauliches Beispiel: Er zog sich den Zorn des empörten Landesvaters zu, weil er nach Recht und Gesetz mittels einer Ausschreibung einen Auftrag für medizinische Geräte in Millionenhöhe vergeben hatte. Strauß hatte vorher Anweisung erteilt, einer bestimmten Firma das Geschäft zuzuschanzen.

Das Abwegige im Charakter eines Franz Josef Strauß kann man nicht mit einem „vulkanischen Temperament“ und urbayerischer Rauflust verharmlosen, wie es letztlich Biograf Möller tut, auch wenn er seinem Helden eine „widersprüchliche Persönlichkeit“ attestiert. Strauß bleibt auch zu seinem 100. Geburtstag die Figur, an der sich die Geister scheiden. Am ehesten wird man ihm gerecht, wenn man seiner eigenen Einschätzung folgt: Er war weder Heiliger noch Dämon. Das Buch von Horst Möller „Franz Josef Strauß – Herrscher und Rebell“ ist im Piper Verlag München erschienen, hat 829 Seiten und kostet 39,99 Euro.

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