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Streitpunkt: Karriere oder Kind?

Frauen in Top-Positionen brauchen einen Mann im Hintergrund, sagt Uni-Chefin Carola Jungwirth. Eine Studentin widerspricht.
Von Nina Dworschak, Universität Passau

Energisch nachgefragt: Studentin Yvonne Pickhardt (l.) will von der Passauer Universitätspräsidentin Carola Jungwirth (r.) wissen, wie ihre Aussage, Frauen in Spitzenpositionen bräuchten einen starken Mann hinter sich, gemeint war. Foto: Nina Dworschak
Energisch nachgefragt: Studentin Yvonne Pickhardt (l.) will von der Passauer Universitätspräsidentin Carola Jungwirth (r.) wissen, wie ihre Aussage, Frauen in Spitzenpositionen bräuchten einen starken Mann hinter sich, gemeint war. Foto: Nina Dworschak

Passau.Die Passauer Uni-Präsidentin Carola Jungwirth diskutiert mit Studentin Yvonne Pickhardt.

Frau Jungwirths Aussage, eine Frau in einer Spitzenposition brauche einen starken Mann, der hinter ihr steht, hat nicht nur auf dem Campus Wellen geschlagen. Wie haben Sie, Frau Pickhardt, als Studentin darauf reagiert?

Yvonne Pickhardt: Bei mir hat der Spruch eine Trotzreaktion ausgelöst. Frei nach dem Motto: Jetzt geh ich erst recht in einen Spitzenberuf und werde eine Familie haben. Einfach um Ihnen zu zeigen, dass man als Frau nicht nur Ihren Werdegang wählen kann, bei dem der Mann Zuhause bleibt.

Carola Jungwirth: So hätte ich wahrscheinlich auch reagiert.

In der His&Hers-Kampagne wollte man von den Studierenden wissen, wo sie sich selbst in zehn Jahren sehen. 28,9 Prozent der weiblichen Befragten antworteten „Elternzeit“, 26,7 Prozent sehen sich in einer Führungsposition. Sind Sie damit zufrieden?

Yvonne Pickhardt: Mich schockiert das nicht. Ich persönlich würde mich in zehn Jahren in einem Vollzeitberuf sehen.

Wie 60 Prozent der weiblichen Befragten.

Yvonne Pickhardt: Ich denke, viele suchen nach dem sicheren Weg. Ein Spitzenberuf scheint für viele unsicher.

Carola Jungwirth: Es geht hier vor allem um die Unterschiede. Hätten die Männer ähnlich geantwortet wie die Frauen, wäre das Ergebnis kein Thema. Allerdings sieht sich ein deutlich höherer Anteil an Männern in einer Führungsposition und ein deutlich niedriger Anteil in Elternzeit.

Wie sollte es denn sein?

Carola Jungwirth: Ich selbst sehe es als eine Norm, dass sich Frauen bemühen sollen, vom Leben das Gleiche zu bekommen wie Männer.

Yvonne Pickhardt: Und ich glaube, genau das ist bei Ihrer Aussage im Video nicht rüber gekommen. Man dachte, ohne Mann, der zuhause bleibt und sich um das Kind kümmert, funktioniert nichts.

Die Debatte

  • Die Frau:

    Die Wirtschaftswissenschaftlerin Carola Jungwirth, Jahrgang 1966, ist seit April 2016 Präsidentin der Universität Passau und die erste Frau in dieser Position. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.

  • Der Streit:

    Frauen in Spitzenpositionen brauchen einen starken Mann, der hinter ihnen steht: Diese Aussage Jungwirths in einem von ihr selbst initiierten Videoformat sorgte um den Jahreswechsel für Diskussionsstoff auf dem Passauer Campus. Studentinnen reagierten verärgert.

  • Die Niederlage:

    Am 17. Juli 2019 erhielt Jungwirth im Universitätsrat keine Mehrheit für ihre Wiederwahl. Sie wird das Amt zum 31. März 2020 abgeben.

Es wurde Kritik daran geübt, dass Sie die verschiedenen Lebensweisen nicht berücksichtigen. Wieso betonen Sie den Mann?

Carola Jungwirth: Spricht man von Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ist das automatisch Frauensache. Wenn das so ist, hat die Frau aber nicht die Freiheit, Karriere zu machen. Stellen Sie sich vor: eine Gruppe von Leuten möchte einen Job und deshalb rennen alle los. Jetzt schnallen sie einer Frau aus dieser Gruppe einen Rucksack auf den Rücken. Dieser Rucksack heißt: Hausaufgaben überwachen, Frühstücksbrot schmieren und Wäsche waschen. Da ist klar, dass irgendwann die Leute ohne Rucksack schneller sind.

Wie kann man Frauen für einen Spitzenjob motivieren?

Carola Jungwirth: Ich wurde durch meine Mutter motiviert. Sie ist Ärztin, hat fünf Kinder und arbeitete in der Praxis meines Vaters. Er war der Chef, weil er Facharzt war. Meine Mutter nicht. Ich habe meiner Mutter dabei zugesehen, wie sie sich aufarbeitete. Meist schlief sie abends um acht todmüde auf dem Sofa ein. Deshalb habe ich mir vorgenommen, dass ich nicht so viel schuften will. Dadurch stand früh fest, ich will entweder Familie oder Karriere.

Yvonne Pickhardt: Mich motiviert es, wenn ich Frauen in Spitzenpositionen erlebe und sehe, wie sie sich durchsetzen können. Als kleines Kind war mein Vorbild beispielsweise Angela Merkel. Ich wusste, im Bundestag sitzen sehr viele Männer, und die Frau hat es trotzdem ganz nach oben geschafft.

Kann es sein, dass den Studenten auf diesem Gebiet die praktische Erfahrung fehlt?

Yvonne Pickhardt: Unsere Generation denkt einfach anders. Ich möchte heute nicht entscheiden, ob ich mein Kind größtenteils bei meinem Lebenspartner lasse oder nicht. Ich weiß, ich möchte Familie und Spitzenposition anders vereinbaren. Wie, möchte ich erstmal für mich selbst herausfinden.

Carola Jungwirth: Und ich glaube das ist der Punkt, an dem sie sich verdenken. Solange es Leute gibt, die sagen: Ich setze alles an Zeit, Begabung und Ressourcen, was ich habe, in einen bestimmten Weg, werden andere zurückbleiben. Mit Kind können Sie nun mal erst ab sieben Uhr aus dem Haus und müssen spätestens um fünf Uhr wieder zurück sein. In dieser Zeit mache ich gerade mal einen normalen Job.

Und keine Spitzenposition?

Carola Jungwirth: Eine Spitzenpositionen spielt sich eben nicht nur in diesem Zeitfenster ab. Ich verlasse zwar mit allen andern das Büro um vier Uhr, fahre dann jedoch weiter zu einer Veranstaltung, von der ich vor 24 Uhr nicht nach Hause komme. Sie brauchen dieses unendlich freie Raster, ohne das, könnte ich meine Arbeit nicht schaffen.

Ein hoher Preis.

Carola Jungwirth: Ja, aber als Präsidentin der Uni Passau muss ich mich nun mal bei Veranstaltungen des Ministeriums in den Ring werfen, um neue Stellen zu ergattern. Da kann ich nicht sagen: Bitte haben Sie doch Verständnis, meine Tochter hatte ein Flötenkonzert.

Ein ernstes Thema – doch die Diskutantinnen konnten am Ende noch lächeln. Foto Nina Dworschak
Ein ernstes Thema – doch die Diskutantinnen konnten am Ende noch lächeln. Foto Nina Dworschak

Was muss sich in Zukunft ändern, die Familie oder der Spitzenberuf?

Carola Jungwirth: Wahrscheinlich beides. Man muss sich schon bei der Partnerwahl darüber im Klaren sein: Heirate ich einen vielbeschäftigten Wirtschaftsprüfer, ist das für meine eigene Karriere nicht förderlich. Die Gesellschaft muss außerdem damit aufhören, Frauen, die sich nicht selbst um ihre Kinder kümmern, als Rabenmütter zu bezeichnen. Man spricht ja auch nicht von Rabenvätern.

Yvonne Pickhardt: Auch die Berufswelt muss sich ändern. Es kann nicht sein, dass über eine Frau, die gerade in einer Firma neu anfängt, spekuliert wird, wann sie wohl schwanger wird. Diese Denkweise, schwanger gleich unnütz, muss weg. Auch alleinerziehende Mütter sollten stärker unterstützt werden. Es ist nichts unmöglich.

Carola Jungwirth: Klar können Gleitzeit und Zeiterfassung für Flexibilität im Beruf sorgen. Allerdings habe ich natürlich keine Zeiterfassung. Hier liegt einfach der Unterschied zwischen gutem Job und Spitzenposition. Und einen guten Job wünsche ich jedem.

Frau Jungwirth, wäre für Sie eine Doppelspitze im Universitätspräsidium eine Alternative gewesen?

Carola Jungwirth: Die Frage ist nicht: Teilt man sich die Aufgabe an der Spitze. Die Frage ist eher, ob man sich das Gehalt teilt. Wenn ich nur die Hälfte meines Gehaltes bekomme, müsste auch mein Mann arbeiten gehen. Dann würde ich aber nicht mehr zu 100 Prozent für meine Job zur Verfügung stehen. Würde ich meinen Job halbieren, hätte ich eine 40 Stunden Woche, einen Vollzeitjob quasi. Dafür wäre mir eine Halbtagsbezahlung zu wenig.

Das Interview von Nina Dworschak ist im Rahmen des von Claudia Bockholt, MZ, geleiteten Seminars „Zeitungsjournalismus“ an der Universität Passau entstanden. Weitere Texte von Studierenden lesen Sie hier: www.mittelbayerische.de/bayern/reporter-werkstatt

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