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Nahversorgung

Tante-Emma-Ideen gegen den Online-Handel

Auf einer Reise durch die Oberpfalz erzählen Pioniere, wie sie mit regionalen Spezialitäten in Automaten Kunden gewinnen.
Von Isolde Stöcker-Gietl

Mobiler Hühnerstall MarOle’s Hofladen Nicole Haslbeck Unterheising 34 Barbing Foto: altrofoto.de
Mobiler Hühnerstall MarOle’s Hofladen Nicole Haslbeck Unterheising 34 Barbing Foto: altrofoto.de

Regensburg.Elfriede und Paula stellen sich in die Schlange. Jeden Morgen das gleiche Prozedere. 1200 Hühner warten auf ihren Türöffner. Sie wissen: Um 10 Uhr kommt Nicole Haslbeck und öffnet die Tore. Dann entschwinden die Damen samt ihrer 20 Gockel ins Freie, oft bis spät in die Abendstunden hinein. Seit 2012 betreibt Nicole Haslbeck auf dem Hof im Barbinger Ortsteil Unterheising (Landkreis Regensburg) einen mobilen Hühnerstall. Die Eier verkauft sie größtenteils ab Hof. Als sie einheiratete, gab es dort keine Tiere mehr. „Ein Hof ohne Tiere, das geht gar nicht“, sagt die dreifache Mutter. Da schenkte ihr Mann ihr 20 Hühner, darunter Elfriede und Paula. Was danach passierte, war so nie geplant. Aber Nicole Haslbeck fand sofort Gefallen an der Arbeit. Die Hühnergruppe wuchs. Heute leben mehr als 1200 Tiere in einem hochmodernen, 20 auf acht Meter großen, mobilen Stall, umgeben von weitläufigen Flächen für den Auslauf. Ein zweiter mobiler Stall wird noch in diesem Jahr hinzukommen.

Frische Eier aus dem mobilen Stall

Was mit einem Spaß begann, ist zu einer zusätzlichen Einnahmequelle für den Hof geworden. Wenngleich sich die Margen in einem sehr überschaubaren Rahmen bewegen. Rund 21 Cent kostet die Produktion eines Hühnereis in der Freilandhaltung, sagt Nicole Haslbeck. In einem kleinen Holzhäuschen mit Kühlregalen bietet sie seit 2016 die Eier das Stück für 25 Cent zur Mitnahme an. 500 bis 600 Stück gehen an einem guten Tag weg. Täglich werden die Auslagen neu befüllt. „Zwei, drei Tage – länger liegen die Eier bei uns nicht“, sagt die junge Landwirtin. „Nur nach Ostern haben die Kunden für kurze Zeit genug von Eiern.“ Dann produziert Haslbeck Nudeln oder lässt Eierlikör herstellen, den sie ebenfalls in ihrem kleinen Laden namens „MarOle’s Hofladen“ anbietet. Ein Pkw mit Münchner Kennzeichen fährt auf den Hof. Stammkunden, wie Nicole Haslbeck sagt. Der Hof liegt verkehrsgünstig an der Bundesstraße 8. Groß Werbung an der Straße machen die Haslbecks nicht, aber einen Auftritt bei Facebook gibt es, wo man per Webkamera auch einen Blick in den mobilen Stall werfen kann. Von Regensburg bis Bach an der Donau reisen die Kunden an, hat Nicole Haslbeck festgestellt. Bezahlt wird auf Vertrauensbasis in eine kleine Kasse. Und die stimmt eigentlich fast immer, sagt die Landwirtin.

Eine Tankstelle für frische Milch

Edeltraud Scheibinger zapft frische Milch an ihrer Tankstelle.Foto: Stöcker-Gietl
Edeltraud Scheibinger zapft frische Milch an ihrer Tankstelle.Foto: Stöcker-Gietl

Jeden Morgen nach der Stallarbeit öffnet Edeltraud Scheibinger in Schwandorf-Klardorf das hölzerne Gartenhäuschen. Seit zwei Jahren gibt es auf dem Hof eine Milchtankstelle. Es war die vierte im Landkreis Schwandorf. Rund 20 000 Euro hat die Familie in die 150 Liter fassende Zapfanlage und den Verkaufsraum investiert, um die Möglichkeit einer Rund-um-die-Uhr-Nahversorgung zu schaffen. „Fleisch und Wurstwaren aus eigener Herstellung verkaufen wir ja schon seit 20 Jahren ab Hof“, erzählt Scheibinger und nimmt auf der kleinen Bank vor dem Verkaufshäusl Platz. Jetzt, am später Vormittag, ist viel Verkehr auf der am Haus vorbeiführenden früheren Bundesstraße 15. Doch trotz des großen Hinweisschildes auf die Milchtankstelle biegt niemand in die Hofeinfahrt ein. „Die Kunden kommen eher in den Abendstunden und verstärkt am Wochenende“, sagt die Bäuerin. Die meisten seien von auswärts auf der Durchfahrt.

30 Milchkühe hat der Scheibinger Hof. Ob es mit der nächsten Generation noch weitergeht, sei ungewiss, meint die 62-Jährige. „Die Kinder gehen ja in ihre Arbeit.“ Und mit Milchpreisen von gerade mal 30 Cent pro Liter lasse sich kaum vernünftig wirtschaften. Wer an der Milchtankstelle zapft, zahlt einen Euro. Glasflaschen kann man für einen weiteren Euro erwerben. „Davon wird niemand reich“, sagt die Bäuerin, zumal ja auch die hohen Anschaffungskosten erst einmal erwirtschaftet werden müssen. Die Scheibingers investieren dennoch weiter. Diesmal in einen Regiomaten, in dem künftig die Fleisch- und Wurstwaren nur noch gegen Geld ausgespuckt werden. Diese Maßnahme hat einen ärgerlichen Hintergrund: Unbekannte hatten sich schamlos an den offenen Kühlregalen bedient – ohne zu zahlen. Jetzt sperrt die Bäuerin bis zur Lieferung des neuen Regiomaten um 20 Uhr ihren kleinen Hofladen zu.

Der Wurstautomaten-Pionier

Michael Guber war der erste Metzger in Bayern mit einem Wurstautomaten.
Michael Guber war der erste Metzger in Bayern mit einem Wurstautomaten.

Kurz vor zwölf Uhr. Gleich ist Mittagspause in der Metzgerei von Michael Guber im Ortskern von Mantel (Lkr. Neustadt/Waldnaab). Zwei Stunden bleibt das Geschäft dann geschlossen. Auch an Samstagen ist mittags Schluss. Die Kunden kommen allerdings inzwischen rund um die Uhr. Denn Michael Guber ist ein Pionier. Vor sechs Jahren eröffnete er den ersten Wurst-Automaten in Bayern. „Bis aus Berchtesgaden kamen damals die Leute, um den Automaten anzuschauen“, erzählt er. Mit einem schwäbischen Automatenhersteller hatte er den Selbstbedienungskühlschrank ausgetüftelt. Seit zwei Jahren steht neben dem 60 Fächer großen Wurstautomaten zusätzlich der Grillgutautomat, der an warmen Wochenenden oft mehrmals nachgefüllt werden muss, wie der 37-Jährige erzählt. Seine Idee, dem Online-Handel und den langen Öffnungszeiten der Discounter ein regionales Konzept entgegenzusetzen, hat sich gelohnt. „Wegen der Automaten habe ich im Sommer kein freies Wochenende mehr.“ Denn Guber muss an beliebten Grilltagen nicht nur frische Ware für den Automaten nachproduzieren, sondern auch mal kleinere Reparaturen vornehmen, weil die Warenausgabe klemmt oder Geld stecken geblieben ist. Auf die Frage, ob sich dieser Aufwand rentiert, schüttelt der Metzger den Kopf. „Der Umsatzanteil aus den Automaten ist eher marginal.“ Aber Guber sieht es als Instrument der Kundenbindung. „Bei uns wird nichts zugekauft, alles wird selbst produziert.

Hier sehen Sie, wie regionale Direktvermarkter Ihre Ideen in Automaten umsetzen.

Das wissen die Leute und wandern jetzt nicht mehr nach Ladenschluss woanders hin ab.“ Beliebt sind neben den Bergbratwürsten und dem Grillfleisch auch die eingeweckten, selbstproduzierten Fertiggerichte. Schweinebraten, Bolognese, Currywurst oder Saures Lüngerl im Glas, das man sich zu Hause nur noch aufwärmen muss. „Das schätzen auch die Senioren am Ort“, sagt der Metzger. Das Glas mit zwei Portionen kostet 3,50 Euro – da wäre der Aufwand fürs Kochen deutlich größer. Übrigens sind die Preise am Automaten nicht höher als im Laden.

Eigentlich hat Patrizia Löffler heute gar keine Zeit für einen Besuch an ihrer Milchtankstelle mit Regiomat in Waldmünchen-Hocha (Lkr. Cham). Sie muss schnell Töchterchen Hanna zum Mittagsschlaf hinlegen und dann hinaus aufs Feld. Ein schweres Unwetter hat den Mais vernichtet. „Die Kirschen haben wir zwei Stunden vor dem Hagelschauer noch geerntet“, sagt sie und zeigt auf den Regiomaten, in dem sie nun frischen Kirschsaft in Flaschen abgefüllt anbieten kann. Die 25-Jährige, die vor vier Jahren auf den Hof eingeheiratet hat, bringt mit ihren kreativen Ideen frischen Wind in den Familienbetrieb mit 80 Milchkühen. „Der Automat ist eine Möglichkeit, die Leute direkt auf den Bauernhof zu bringen.“ Löffler will das Interesse an ihrer Arbeit wecken und sie will den regionalen Einkauf fördern. „Die Kunden sollen wissen, woher ihre Lebensmittel kommen.“

Regionale Spezialitäten

Patrizia Löffler bietet Spezialitäten im Regiomaten an.Fotos: Stöcker-Gietl
Patrizia Löffler bietet Spezialitäten im Regiomaten an.Fotos: Stöcker-Gietl

Der Hof der Löfflers liegt an der Verbindungsstraße nach Schönsee. Im Sommer schauen viele Feriengäste vorbei, auch junge Leute, die aus dem Regiomaten Grillfleisch holen, das Patrizia Löffler von einem nahen Metzger liefern lässt. Sie selbst kocht Marmeladen ein, füllt Eiskaffee-Pulver und selbsthergestellte Kuchenmischungen in Gläser ab und hat einen Suppengrundstock entwickelt. Dazu hat sie Waren von benachbarten Höfen im Sortiment, etwa Eier und Kartoffeln. Eine Motorradfahrerin hält in der Hofeinfahrt, fragt nach der Milchtankstelle – übrigens der ersten im Landkreis Cham – und zapft einen halben Liter für 50 Cent. Mit 4,1 Prozent hat die Milch einen deutlich höheren Fettgehalt als die abgepackte Ware aus dem Handel und ist zudem unbehandelt. Die Motorradfahrerin schießt noch ein Erinnerungsfoto und fährt weiter. „Die Automaten sind eine Attraktion“, hat Patrizia Löffler festgestellt. Bei schönem Wetter begrüßen zudem die Tiere die Besucher aus einem Fenster im Stall. Mehr Kontakt zur Produktionsstätte geht nicht. Rund 35 bis 40 Liter müssen am Tag aus der Milchtankstelle gezapft werden, damit es sich rechnet. „Das schaffen wir locker“, sagt die 25-Jährige. Doch wie in der Geschäftswelt kommt es auch beim Landwirt auf die Lage an. „Der Durchgangsverkehr ist wichtig.“ Patrizia Löffler hat von einem Landwirt aus dem Landkreis Straubing-Bogen gehört, der seine Milchtankstelle bereits wieder aufgegeben hat, noch bevor die Investition abbezahlt war.

Treff der Nachtschwärmer

Denis Pintarelli betreibt einen 24-Stunden-Supermarkt.
Denis Pintarelli betreibt einen 24-Stunden-Supermarkt.

Es ist später Nachmittag geworden. In der Regensburger Gesandtenstraße 2 quetscht sich Denis Pintarelli in sein winziges Lager zu den Bier- und Limokästen, auf denen sich Kartons gefüllt mit Süßwaren türmen. Vor dem zu erwartenden Ansturm am Abend müssen die Automaten noch einmal aufgefüllt werden. Fünf Tüten Gummibärchen, drei Stangen Toblerone-Schokolade, Kekspackungen und Chipstüten wandern in die Auslage. Ein Kasten Spital-Bier verschwindet im Automaten gegenüber. „Das ist hier die beliebteste Biersorte.“ Ein Tourist betritt den nur wenige Quadratmeter großen Verkaufsraum und fragt auf Englisch, wie er sich eine Flasche Wasser aus dem Automaten holen kann. Pintarelli bedient das Touch-Display. Ein Buchstabe, zwei Ziffern, ein grüner Haken und 1,75 Euro, dann wandert das Getränk in eine Schublade. Die Getränkeautomaten sind im Sommer besonders schnell leer. Tagsüber holen sich hier Passanten der Einkaufsstraße eine Erfrischung, abends und nachts deckt sich das Partyvolk ein. An manchen Tagen muss Pintarelli mehrmals Ware aus dem Lager nachlegen.

Seit Ende 2014 betreibt er „Temla“, den ersten Supermarkt in Regensburg, der 365 Tage im Jahr rund um die Uhr geöffnet hat. „Es läuft wirklich gut“, sagt er. Die Idee entstand aus eigenen Erfahrungen heraus. Als Außendienstmitarbeiter schaffte es Pintarelli abends oft nicht rechtzeitig vor Ladenschluss zu einem Supermarkt. „Da kam mir die Idee mit dem Automaten-Geschäft.“ Von Süßwaren über Sandwiches bis hin zu einfachen Fertiggerichten bietet er nun eine durch Kundenbefragungen ermittelte Auswahl an. Auch Kondome kann man ziehen. „Die gehen auch sehr gut“, erwidert Pintarelli schmunzelnd. Ein weiteres Gerät, das in 130 Sekunden eine heiße Pizza ausspuckt, ist beliebt für den Mitternachtssnack. Mit Bier aus Pintarellis Laden sitzen die Nachtschwärmer auf dem Bismarckplatz. Pro Flasche nimmt er 2,50 Euro. Das ist günstiger als in den Kneipen. Pintarelli legt viel Wert auf die Qualität seiner Automaten. Auf den Displays wird angezeigt, ob die gewählte Ware vegan oder allergenfrei ist. Am Bierautomaten muss ein Ausweis durch einen Scanner gezogen werden. Denn Alkohol wird nur an Erwachsene ausgegeben. „Manche Kunden kommen, weil wir hier ein Einkaufserlebnis bieten“, sagt der Betreiber. „Ein bisschen Tante-Emma-Laden, ein bisschen Online-Shopping und meistens geht es schneller als an der Supermarktkasse.“ Pintarelli denkt bereits über einen weiteren Standort nach.

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