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Dienstag, 25. September 2018 15° 1

Prozesse

Thomas Müller: Fußballfan und Richter

Der 58-Jährige verurteilte einen Anhänger des TSV 1860 nach Randale. Und sorgte damit in München für Schlagzeilen.
Von Linda Vogt, dpa

Amtsrichter Thomas Müller Foto: Sven Hoppe/dpa
Amtsrichter Thomas Müller Foto: Sven Hoppe/dpa

München.Von Höchststrafe war zu lesen, „Sechzger angeklagt - und der Richter ist Bayern-Fan!“ titelte eine andere Zeitung. Zudem der Name des Richters: Ironie. Thomas Müller ist nicht glücklich über die Reaktionen, die eines seiner Urteile vor rund zwei Wochen auslöste. Möglich gemacht hat er sie selbst: Als er das Urteil gegen einen jungen Mann verkündet, der im Stadion mit Fahnenstangen warf, gibt er sich als Fan des FC Bayern zu erkennen, traditionsgemäß das Feindbild schlechthin für viele Blaue.

„Mir ging es um das Gegenteil, ich wollte das Geschehene vom Fußball und Verein ablösen“, erklärt der Amtsrichter. Sozusagen von Fan zu Fan: „Wir sind uns doch sicher beide einig, dass das nichts mit dem Fußball zu tun hat? Und nicht mit dem TSV 1860 oder Jahn Regensburg.“ Gegen Regensburg verlor der TSV an jenem Tag im Mai 2017, stieg aus der 2. Bundesliga ab und stürzte kurz darauf noch tiefer in die Regionalliga.

Der Vater kickte in der Oberliga

Eine Rivalität zwischen Roten und Blauen lässt sich in München unmöglich leugnen, auch Müller, der als kleiner Bub von Erding nach München zog, spürt sie. Aber Respekt vor jedem Gegner sei das Wichtigste. „Natürlich kotzt es mich an, wenn die Bayern gegen Dortmund verlieren. Bei bestimmten Mannschaften ärgert es einen einfach so richtig“, erklärt der 58-Jährige schmunzelnd, andererseits mache diese Konkurrenz den Sport doch eigentlich erst süß. „Und die haben auch ihre acht-, neunjährigen Buberl, die mit der Fahne ins Stadion gehen wollen.“

Erinnerungen an die eigene Kindheit kommen hoch. Sein Vater – der früher selbst für den FC Bayern in der Oberliga Süd kickte – nimmt ihn mit zu Spielen. „An eines kann ich mich noch erinnern, Bayern gegen Duisburg – wahnsinnig viele Tore! – und danach haben ich und ein paar andere Kinder auf Beckenbauer gewartet“. Mit Autogramm kehrte er dann glücklich ins Zuhause nach Schwabing zurück.

Frustration rechtfertig keine Ausschreitungen

Doch Fußballleidenschaft hat klare Grenzen, findet Müller. Weder Enttäuschung, nicht mal Frustration rechtfertigen die Ausschreitungen des Löwen-Anhängers im vergangenen Jahr. „Ich hab mir davor mehrere Spiele von 1860 im Fernsehen angeschaut und ich weiß nicht, wo die Überraschung herkam“, sagt Müller. Dass Regensburg für den TSV ein schwieriger Gegner werde, sei klar gewesen.“ So erklärte er es auch dem Angeklagten. „Aber sehr vorsichtig, ich hätte das auch gröber rüberbringen können.“

„Wenn mich etwas berührt in der Sache selber, dann muss ich sofort aufhören. Dann muss ich mich selbst als befangen anzeigen.“

Thomas Müller

Als quietsch-ehrlich bezeichnet sich der Richter in Verhandlungen. Und, noch viel wichtiger: als unvoreingenommen. „Wenn mich etwas berührt in der Sache selber, dann muss ich sofort aufhören. Dann muss ich mich selbst als befangen anzeigen.“ Das tat er ein Mal, als der Sohn einer engen Freundin auf der Anklagebank saß. Doch ob er unbefangen einen Prozess gegen einen 1860-Anhänger leiten könne, diese Frage stelle sich überhaupt nicht. Bei zahlreichen Verfahren gegen Rote aus der Ultra-Szene habe seine persönliche Neigung keinerlei Rolle gespielt.

Boogie Woogie ist Müllers Leidenschaft

Ohnehin ist seine größte Leidenschaft eine ganz andere: Boogie-Woogie. Als Tänzer gewann Müller Europa- und sogar Weltmeistertitel, lernte nebenbei auch seine Ehefrau kennen. Zuerst waren die beiden Partner auf dem Parkett, tanzten vor acht Jahren ihr letztes Turnier gemeinsam.

Den Randalierer verurteilt Müller wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung und schwerem Landfriedensbruch zu zehn Monaten Haft auf Bewährung – samt Stadionverbot. „Damit bin ich weit unterhalb des Antrags der Staatsanwaltschaft geblieben“, erklärt der 58-Jährige. „Ich erhoffe mir immer, dass die Leute das Signal sehen, dass man ahndet – aber nicht gängelt oder nachtritt.“

Thomas Müllers erster Stadionbesuch war übrigens nicht für ein Spiel des FC Bayern. Der Vater nahm ihn als fünf-, sechsjährigen Buben mit zum TSV 1860 ins Grünwalder Stadion. „Das sehe ich heute noch vor mir: wie die Säulen da hochgehen. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass es irgendwo ein größeres Gebäude gibt.“

Umso schrecklicher findet der FC Bayern-Fan die Entwicklung des Münchner Traditionsvereins, des Rivalen in den vergangenen Jahren. „Es wäre wunderschön, wenn es irgendwann mal wieder Derbys gäbe auf Augenhöhe, wo man sich richtig freuen oder ärgern kann.“

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