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Samstag, 23. Juni 2018 18° 2

Serie

Toni Lauerer, das Rumpelstilzchen

Täglich heckt das Schlitzohr aus dem Bayerwald Geschichten aus. Dafür beobachtet der Künstler jeden – selbst beim Einkaufen.
Von Martin Kellermeier

Das Lachen ist Toni Lauerers Lebenselixier. Foto: Martin Kellermeier
Das Lachen ist Toni Lauerers Lebenselixier. Foto: Martin Kellermeier

Furth im Wald.Es war einmal. Toni Lauerer, Autor und Kabarettist aus dem Bayerwald, macht seit dem Frühjahr auf Märchenonkel. Nach Texten über Darmspiegelungen („Willkommen im Spiegelsaal“) und einem Ausflug ins Reich von Nikolaus und Christkind („Endlich wieder gschafft“) ist Lauerer in der Welt der Gebrüder Grimm angekommen. Einer Welt, in die er ganz gut hineinpasst. Lauerer, das Rumpelstilzchen. Die Figur passt zu ihm, sagt der Further selbst. Das Alleine-Sein im Wald, das Aushecken von Plänen, das Überraschende: alles Toni Lauerer. Und irgendwie liest sich sein Leben auch wie ein Märchen.

Als Bub war „Da Lauerer Doni“ ein echter Schlawiner, ein Klassenclown und wohl der gefürchtetste Schreiberling der Schülerzeitung am Joseph-von-Fraunhofer-Gymnasium in Cham. Witze über Lehrer und Klassenkameraden hat der Sohn einer Bauersfamilie immer parat. Schon als Jugendlichem fällt ihm auf, was man mit den richtigen Worten bewirken kann. Lauerer verliert sich in Werken wie Goethes Faust und mutiert zum Bücherwurm. Sprachen werden seine große Leidenschaft. Den Abiturschnitt vermiesen ihm Mathe und Physik. Am Ende steht 2,4 auf dem Zeugnis. Das war 1978.

Schreibblockade in München

Sechs Jahre später veröffentlicht Toni Lauerer, heute 58 Jahre alt, zum ersten Mal. Es ist ein Gedichtband mit dem Titel „Ned so wichtig“. Eine Karriere beginnt. Vorerst. Denn nur kurze Zeit später wird der Beamte Lauerer nach München versetzt. Mit der neuen Stelle in der Landeshauptstadt verliert der sonst so kreative Bayerwaldler die Lust am Schreiben. Schreibblockade, nichts ging mehr.

Erst als er nach drei Jahren Dienst in München nach Regensburg versetzt wird, kehrt die Kreativität zurück. Toni Lauerer braucht seine Heimat. Seine Vorfahren haben nie weiter als acht Kilometer entfernt von der Stadt Furth im Wald im Kreis Cham gelebt. Toni Lauerer macht das heute nicht anders. Ins Rathaus der Stadt hat er mit dem Fahrrad fünf Minuten. Dort arbeitet er als Standesbeamter.

„Gut ein Drittel meiner Hochzeiten haben nichts mit Furth zu tun“

Toni Lauerer, Kabarettist

Knapp 70 Paare traut Lauerer in seiner Amtsstube jährlich. „Gut ein Drittel meiner Hochzeiten haben nichts mit Furth zu tun“, sagt Lauerer. Es sind Fans, die extra in die Stadt kommen, um von Lauerer getraut zu werden. Schwierigkeiten mit seinem Chef bekommt er damit nicht.

Anfragen für Trauungen, vor allem am Wochenende, hätte Toni Lauerer genug. Aber irgendwann muss auch mal Schluss sein. Dann nimmt der Kabarettist sein Fahrrad. Eineinhalb Stunden fährt er damit täglich, am Vatertag war er 80 Kilometer unterwegs. Und er geht alleine in den Wald, zum „Einnorden“ und Durchschnaufen. Die Ruhe ist für den Bühnenstar „purer Luxus“.

Der Schwammerlexperte mit Humor

Zwischen den Fichten und Buchen kann Lauerer seinem großen Hobby nachkommen, dem Sammeln von Pilzen. Lauerers Expertise auf dem Gebiet hat sich in Furth im Wald und Umgebung herumgesprochen. „Es kommt schon öfter vor, dass Spaziergänger bei mir daheim klingeln und ich dann schauen muss, ob die Schwammerl alle genießbar sind“, sagt Lauerer.

Auf Empfang ist der Further immer. Lauerer geht gerne Einkaufen, um sich einfach nur umzuschauen und die Menschen zu beobachten. So entstehen die meisten seiner Geschichten. Auf dem Radiosender Bayern 1 gibt es davon unter der Woche jeden Mittag um 12.55 Uhr eine. „Toni Lauerer und seine Oberpfälzer Sicht der Dinge“ heißt die Rubrik. Die Beiträge nimmt der Künstler jeden Morgen nach dem Frühstück in seiner Wohnung in Furth im Wald auf.

Finanzminister Albert Füracker (rechts) ehrte Toni Lauerer mit dem Oberpfälzer Heimatpreis. Foto: Evi Paleczek
Finanzminister Albert Füracker (rechts) ehrte Toni Lauerer mit dem Oberpfälzer Heimatpreis. Foto: Evi Paleczek

In seinen Texten verbiegt sich der Kabarettist nie. Lauerer beobachtet seine Umgebung genau. Wer ihm zuhört, der fühlt sich wie am Stammtisch im Biergarten. Geschichten aus dem Bayerwald, die via Medien und Lauerers Bühnenprogrammen ganz Bayern und Österreich erobern. Seit seiner ersten Veröffentlichung hat er über 700 000 Bücher verkauft, rund 50 größere Auftritte hat er jährlich. Wohl auch deshalb wurde Toni Lauerer in diesem Jahr mit dem Oberpfälzer Heimatpreis ausgezeichnet.

Lauerer war in Lebensgefahr

Toni Lauerers Lebensgeschichte wäre aber kein Märchen, wenn es nicht auch einen kritischen Moment gegeben hätte. Eine Magenblutung brachte den Further im Jahr 2005 in Lebensgefahr. Mit dem Rettungshubschrauber kam Lauerer in eine Klinik nach Straubing und lag dort 18 Stunden im Koma. Lauerer hatte Glück – und eine Geschichte mehr. Der Kontakt zu den Ärzten brachte ihn auf die Idee, über die Darmspiegelung zu schreiben.

So hat Heidi Eichner das Märchen des Froschkönigs im Buch von Toni Lauerer illustriert. Foto: Wolfgang Baumgartner
So hat Heidi Eichner das Märchen des Froschkönigs im Buch von Toni Lauerer illustriert. Foto: Wolfgang Baumgartner

Um die Medizin geht es in Lauerers aktuellstem Werk eher weniger. Vielleicht noch ein wenig bei Schneewittchen mit dem giftigen Apfel. Lauerer hat die schönsten Märchen der Gebrüder Grimm auf 135 Seiten ins Bairische übersetzt und dabei eine gehörige Portion Zeitgeist in die alten Geschichten gestreut. Da spielen plötzlich Kevins eine Rolle und die Königin sagt beim Blick in den Spiegel „Ey, cool!“.

Lauerer lebt die Texte. Viele seiner Märchen kann er auswendig. Erzählt er einmal, kann er nicht mehr aufhören. Das war beim Schreiben auch so, sagt er. Ein echter Grimm ist er aber nicht. Und deswegen fehlt am Ende auch der Satz: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“

Die Mittelbayerische schaut bekannten Kulturschaffenden in Bayern auf den Mund und auf die Finger. Alle Teile der Serie lesen Sie hier!

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