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Prozess

Tote Babys: Das Verstecken hat ein Ende

Acht Babyleichen in Wallenfels, verwest, eingepackt in Tüten. Die Mutter gesteht vor Gericht – und kann doch nicht sprechen.
Von Sophie Rohrmeier, dpa

Mit einer Aktenmappe vor dem Gesicht schützt sich die wegen Mordes Angeklagte zum Prozessauftakt im Landgericht Coburg im Sitzungssaal vor neugierigen Blicken. Foto: Daniel Karmann/dpa

Coburg.Die Geburt bricht über sie herein. Im Stehen bringt sie das Kind zur Welt, in der Küche oder im Wohnzimmer. Genau weiß sie das nicht mehr. Ohne Arzt und ohne ihren Mann. Achtmal passiert das. Die Neugeborenen sind heute nicht am Leben, und darüber kann die Mutter nicht sprechen. Auch nicht von der Wut ihres Mannes, der keine Kinder mehr wollte. Die 45-Jährige schweigt. Sie lässt ihren Anwalt für sich sprechen am ersten Tag, an dem das Landgericht Coburg gegen sie wegen Mordes in vier Fällen verhandelt. Ihr Mann (55) ist wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Er sagt dazu nichts – dabei geht es gerade darum, wie viel er wusste.

Dessen Tochter aus erster Ehe findet im vergangenen November eine Kiste. Eine stinkende Kiste. Sie steht in dem Haus im oberfränkischen Wallenfels, in dem die 31-Jährige und ihr ein Jahr jüngerer Bruder mit ihrem Vater, dessen Frau und deren gemeinsamen Kindern leben. Die Tochter im Erdgeschoss, die anderen oben. Ihr Vater, sagt sie vor Gericht, hatte erwähnt, dass seine Frau ihm im Rausch von einer Geburt ein Jahr zuvor erzählt habe – und es am nächsten Tag zurückgenommen und auf den Alkohol geschoben habe.

Das habe ihr keine Ruhe gelassen, sagt die Tochter. Schließlich erzählten Kinder und Betrunkene die Wahrheit. Gemeinsam mit ihrem Bruder macht sie sich auf die Suche. Sie machen die Box auf - und wieder zu. Stellen sie wieder weg. „Da war ein rotes Handtuch. Bisschen feucht“ sagt der 30-Jährige. „Man will so was ja nicht finden. Ich hab das erstmal verdrängt.“ Seine Schwester erzählt dem Vater schließlich von der Kiste. Als der nicht nachsieht, tut sie es, zwei Wochen später. „Ich habe ein blutiges Handtuch gesehen. Dann konnte ich nicht mehr weitermachen“, sagt sie. „Weil klar war, dass ich finde, was ich nicht finden wollte.“ Sie ruft die Polizei.

Zerrüttete Ehe

Insgesamt acht Babyleichen finden Ermittler schließlich in dem Haus. Die Mutter der Säuglinge ist da gerade mit ihrem neuen Partner unterwegs, in einer Pension im nahen Kronach. Die Ehe mit ihrem Mann beschreibt sie – über ihren Anwalt – als zerrüttet.

„Ich wollte keine Kinder mehr“, sagt der 55-Jährige dem Richter. Er hatte aus erster Ehe bereits einen Sohn und eine Tochter, seine Frau ebenfalls. Schon die ersten Kinder - Zwillinge - habe er eigentlich nicht mehr gewollt. Danach zeugte das Paar allerdings noch ein weiteres Mädchen, das heute 14 Jahre alt ist. Nach dessen Geburt fing die Mutter laut ihrem Anwalt an, ihre Neugeborenen zu töten.

In der oberfränkischen Kleinstadt Wallenfels wurden am 12. November 2015 die Babyleichen gefunden. (MZ-Infografik)

Die Schwangerschaften habe sie jedes Mal verdrängt. So sehr, dass sie von den Geburten völlig überrascht gewesen sei. Ihre Mutter und auch ihr Mann hätten sie zu einer Sterilisation gedrängt, der sie aber auswich. Als sie 2003 wieder schwanger wurde, habe sie sich gefreut. Und ihrem Mann davon erzählt. Der aber sei „ausgesprochen wütend“ geworden, habe eine Abtreibung verlangt. Sie sei entsetzt gewesen - und habe danach jeden Gedanken an die Schwangerschaft weggeschoben. Wie bei jeder der sieben folgenden Schwangerschaften auch.

Nur manchmal sei das Bewusstsein aus ihr herausgebrochen, lässt sie sagen. Nach der dritten oder vierten Geburt habe sie ihrem Mann gesagt, es seien tote Kinder im Haus. Er habe da klar gemacht – noch einmal – er wolle keine Kinder mehr. Bei der letzten Schwangerschaft habe sie ihn gefragt, was sie tun solle. „Er lachte nur hämisch“, sagt ihr Anwalt für sie. Das letzte Kind habe nicht geschrien.

Tote Kinder in der Sauna

Die 45-Jährige wisse nicht mehr genau, wie viele Säuglinge unmittelbar nach der Geburt gelebt hätten, schildert der Verteidiger. Es seien zwei, drei oder vier gewesen. Um den Kopf der Neugeborenen habe sie Handtücher gewickelt. Immer etwas enger. Und bei einem Lebenszeichen drückte sie auf das Handtuch. Danach räumte sie die toten Säuglinge weg, in eine zum Lagerraum umfunktionierte Sauna.

Der wegen Beihilfe zum Mord Angeklagte im Landgericht Coburg im Sitzungssaal. Foto: Daniel Karmann/dpa

Die Staatsanwaltschaft wirft der Mutter vor, vier der Babys vorsätzlich umgebracht zu haben. Von diesen wisse man, dass sie gelebt hätten. Der Vater erfuhr nach Ansicht der Anklagebehörde von den Schwangerschaften und rechnete demnach damit, dass seine Frau die Kinder umbringen würde. Er habe das billigend in Kauf genommen und sie nicht davon abgehalten. Wegen seiner Untätigkeit habe die Frau weitergemacht, ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Die Angeklagten hätten ohne Einschränkung durch weitere Kinder leben wollen.

Der Vater der Kinder schweigt zu den konkreten Vorwürfen. Er sagt aber über seine Noch-Ehefrau: Gespräche über Probleme habe sie immer abgeblockt. Er bezichtigt sie, eine notorische Lügnerin zu sein. Über Geld habe sie gelogen und über ihre Sterilisation.

Wie unter Drogen

„Sie ist extrem verschlossen“, sagt ihr Anwalt. Die 45-Jährige wisse heute, was sie getan habe. Bei Säuglingsmorden handle es sich oft um Frauen, die Probleme nicht nach außen tragen und entsprechende Lösungsstrategien entwickeln könnten. „Und das war aus meiner Sicht bei ihr auch so.“ Während der Geburten sei sie weggetreten gewesen. Wie unter Drogen, oder als sähe sie sich selbst in einem Film.

Dass viele nun wiederum sie in dieser Kriminalgeschichte als Monster sehen, will sie mit ihrer Erklärung abmildern. Erleichtert sei sie gewesen bei ihrer Festnahme. Das Verstecken hatte ein Ende.

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