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Inklusion

Trotz Handicap zur Professur

Rainer Schliermann ist seit Geburt nahezu blind – und ein begeisterter Sportler. Seit kurzem lehrt er an der OTH Regensburg.
Von Louisa Knobloch

Prof. Dr. Rainer Schliermann lehrt seit dem Sommersemester 2017 an der OTH Regensburg. Er ist seit Geburt fast völlig blind. Foto: Knobloch
Prof. Dr. Rainer Schliermann lehrt seit dem Sommersemester 2017 an der OTH Regensburg. Er ist seit Geburt fast völlig blind. Foto: Knobloch

Regensburg.Dienstagmorgen, Viertel nach acht, auf dem Stundenplan steht Forschungstheorie. Prof. Dr. Rainer Schliermann geht mit seinen Studentinnen kurz vor der Prüfungszeit noch einmal statistische Grundbegriffe durch: Modalwert, Median, arithmetisches Mittel. Eine Studentin hat eine Nachfrage zu einer bestimmten Stelle im Vorlesungsskript. Schliermann blättert durch die Seiten. „Sie sagen einfach Stopp“, bittet er die Studentin. Als die richtige Seite gefunden ist, hält Schliermann das Skript ganz nah vor sein rechtes Auge, dann beantwortet er die Frage der Studentin.

Der Professor, der seit dem Sommersemester 2017 Erziehungswissenschaften und sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg lehrt, ist nahezu blind. Auf dem linken Auge kann er gar nichts sehen, auf dem rechten wenige Prozent. Ursache ist eine sogenannte Frühgeborenenretinopathie, eine Netzhautablösung infolge einer Frühgeburt. Trotz dieses Handicaps ist Schliermann stets seinen Weg gegangen und hat Karriere in der Wissenschaft gemacht.

„Sich zu melden, bringt nichts“

Danach sah es zu Beginn seiner Schullaufbahn nicht aus: Schliermann besuchte zehn Jahre lang eine Förderschule für Sehbehinderte, machte dort den qualifizierenden Hauptschulabschluss. „Ich habe mich wohlgefühlt und wollte deshalb nicht auf eine Regelschule wechseln, obwohl meine Leistungen gut genug waren“, sagt er rückblickend. Mit 16 Jahren packte ihn der Ehrgeiz. Er wechselte erst auf die Realschule, dann auf die Fachoberschule, machte sein Fachabitur. Mithilfe eines Mini-Fernrohrs konnte er die Tafelanschrift erkennen, eine Lupe half beim Lesen in der Nähe. Beide Hilfsmittel sind bis heute Schliermanns stete Begleiter. Das Mini-Fernrohr kommt etwa zum Einsatz, wenn in seinen Kursen Präsentationen gehalten werden.

Zu Semesterbeginn spricht er mit den Studierenden über sein Handicap und was das für die Lehrveranstaltungen bedeutet. „Sich zu melden, bringt nichts – die Studenten müssen mich direkt ansprechen“, nennt Schliermann ein Beispiel. Auf der Suche nach einem Stück Kreide navigieren ihn seine Studenten schon einmal hin oder sie schreiben nach seiner Anweisung eine Modellrechnung an die Tafel. Im Unterricht ist der drahtige 46-Jährige sehr nahbar, er setzt sich auf einen Tisch in der freien ersten Reihe und hat ein offenes Ohr für die Fragen und Anliegen seiner Studenten. „Ich bin in jeder Beziehung kein Mainstream-Professor“, sagt er über sich selbst.

Schliermann hat gleich mehrere Studiengänge abgeschlossen: zunächst Sozialpädagogik an der FH Würzburg-Schweinfurt, im Anschluss Erziehungswissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Universität Bamberg. Dass er sich in seinen Diplomarbeiten mit der Stressbewältigung bei Fußballtrainern beschäftigte, verwundert nicht, wenn man weiß, welche Rolle Sport in Schliermanns Leben spielt. „Das war immer ein Thema“, sagt er. Auch sein Vater und sein sehender Zwillingsbruder waren sportlich aktiv. „Ich habe alles mitgemacht, was die Kinder auf dem Dorf so gemacht haben“ – auch Fußballspielen. Allerdings nicht im Verein: „Die Verletzungsgefahr war einfach zu groß“, sagt Schliermann.

Rainer Schliermann (r.) mit seinem Begleitläufer Nick Ehrhart bei den Paralympics in Sydney. Foto: M. Ehrhart
Rainer Schliermann (r.) mit seinem Begleitläufer Nick Ehrhart bei den Paralympics in Sydney. Foto: M. Ehrhart

Mit 18 Jahren nahm er an einer Freizeitstaffel über 1000 Meter teil und zeigte dabei Talent fürs Laufen. „Da habe ich angefangen zu trainieren.“ Höhepunkt seiner Läuferkarriere war die Teilnahme an den Paralympics in Sydney im Jahr 2000. Über 800 und 1500 Meter sowie mit der 4x400-Meter-Staffel belegte Schliermann jeweils den vierten Platz. Nach Sydney hörte er jedoch mit dem Leistungssport auf: „Ich habe in der Nähe von Würzburg gewohnt, in Bamberg studiert, bei einem Verein in Frankfurt trainiert und bin zur Physiotherapie nach Tauberbischofsheim gefahren – ich war immer unterwegs“, erinnert er sich.

Laufen geht er bis heute regelmäßig – sei es in Leipzig, wo er zuletzt eine Vertretungsprofessur innehatte, oder jetzt in Regensburg entlang der Donau. Eine neue Stadt, ein neuer Arbeitsplatz – für Sehende ist es da oft schon schwierig, sich zu orientieren. Schliermann versucht, sich Wege so gut wie möglich einzuprägen. „Meine Lehrveranstaltungen finden gleich im ersten Raum rechts vom Treppenaufgang statt – das ist gut zu finden.“ Allerdings muss man zunächst wissen, welches der richtige Treppenaufgang ist, denn im OTH-Gebäude an der Seybothstraße gibt es zwei. Von Vorteil ist wiederum der quadratische Grundriss: „Zur Not geht man einmal rundherum.“

Werdegang

  • Geboren wird

    Rainer Schliermann am 24. Dezember 1971 in Würzburg. Aufgrund einer Frühgeborenenretinopathie erblindet er fast völlig.

  • Nach dem Abitur

    studiert er Sozialpädagogik an der FH Würzburg-Schweinfurt, danach Erziehungswissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Universität Bamberg.

  • Im Jahr 2000

    nimmt Rainer Schliermann als Läufer an den Paralympics in Sydney teil. Über 800 und 1500 Meter sowie mit der 4x400-Meter-Staffel belegt er jeweils den vierten Platz.

  • In seiner Doktorarbeit

    im Fach Sportwissenschaft entwickelt er ein Selbstlern-Programm zur Burnout-Prävention bei Fußballtrainern. Und in seiner Habilitation an der Universität Halle-Wittenberg beschäftigt er sich mit psychischen Leistungsvoraussetzungen im Rollstuhlbasketball.

  • Im November 2010

    wird Schliermann zum Privatdozenten ernannt. An der Deutschen Sporthochschule Köln arbeitet er als wissenschaftlicher Leiter des Forschungsinstituts für Inklusion durch Bewegung und Sport (FIBS), an der Universität Leipzig vertritt er eine Professur für Sportpsychologie.

  • Zum Sommersemester 2017

    wird Schliermann an die OTH Regensburg berufen. Hier lehrt er Erziehungswissenschaften und sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden.

Schliermanns Postfach im Flur der Fakultät ist ganz rechts oben gelegen, so dass er es schnell finden kann, ohne mühevoll die Namen lesen zu müssen. Ein paar Meter weiter den Gang entlang ist sein Büro. Auf Schliermanns Schreibtisch stehen zwei Bildschirme, die er mittels eines schwenkbaren Arms nah ans Auge heranziehen kann. Außerdem wurde ein portables Kamerasystem installiert. Dieses ermöglicht es Schliermann, Schriftstücke auf dem Monitor anzuzeigen und dort in Vergrößerung zu lesen.

Kritik an Berufungsverfahren

Seine Berufung an die OTH Regensburg bezeichnet er als „großen Glücksfall“. Denn bei seinen Bewerbungen hat Schliermann die Erfahrung gemacht, dass es mit der Inklusion noch nicht so weit her ist. „Berufungsverfahren sind sehr intransparent. An manchen Hochschulen war klar, dass sie niemanden mit Behinderung wollten“, sagt er. Zum Teil seien Leute genommen worden, die objektiv schlechter qualifiziert gewesen seien. Der in Stellenausschreibungen allgegenwärtige Satz, dass Bewerber mit Behinderung bei gleicher Eignung bevorzugt eingestellt würden, entspreche jedenfalls nicht der Realität. „Ich habe einfach gehofft, dass es irgendwo eine Berufungskommission gibt, die objektiv ist und mir eine Chance gibt – in Regensburg war das der Fall“, sagt er.

Wichtig ist Schliermann vor allem, dass seine Studenten fachlich aus seinen Lehrveranstaltungen etwas mitnehmen. Daneben würden sie durch den direkten Kontakt mit einem nahezu Blinden aber auch erfahren, auf was man im Umgang mit Behinderten Rücksicht nehmen müsse, hofft er.

Seine Leidenschaft für Sport kann Schliermann an der OTH Regensburg ebenfalls einbringen: Im Wahlfach-Bereich bietet er derzeit den Kurs „Bewegungssport für Menschen mit Behinderung“ an, „das läuft sehr gut“. Im nächsten Semester soll Sportpsychologie dazukommen. Nachdem er sich in den ersten beiden Semestern vor allem auf die Lehre konzentriert hat, will Schliermann künftig auch wieder mehr forschen.

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