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Bayern
Mittwoch, 15. August 2018 26° 6

Simulation

Übung: Schüsse am Hauptbahnhof

2000 Polizisten übten mit Sanitätern und Feuerwehrkräften den Ernstfall. Es ging um Amokläufe und Terroranschläge.
Von Wera Engelhardt, dpa

Polizisten demonstrieren nach der Großübung „Lelex“ einzelne Elemente des Einsatzes. Foto: Sven Hoppe/dpa
Polizisten demonstrieren nach der Großübung „Lelex“ einzelne Elemente des Einsatzes. Foto: Sven Hoppe/dpa

München.Zuerst knallt es oben an den Gleisen, wieder und wieder, sind das Schüsse? Schreie ertönen hinter der blauen Wand, die das simulierte Grauen am Münchner Hauptbahnhof von den Schaulustigen abschirmt. Dann ist es ganz still – bis in der Ferne Sirenen aufheulen. Einige Minuten später, einigen Zuschauern erscheint die Zeit quälend lang, rasen die ersten Polizeifahrzeuge heran. Jetzt wieder Schüsse, viel näher diesmal, sie hallen aus dem Untergrund des Hauptbahnhofs. Die Übung „Lelex“ hat begonnen.

Rund 2000 Polizisten von Landes- und Bundespolizei, Sanitäter sowie Feuerwehrleute spielen in der Nacht zum Mittwoch am Münchner Hauptbahnhof den Ernstfall durch, also einen Amoklauf oder einen Terroranschlag.

Viel Blaulicht und blutig geschminkte Verletzte

Unter realen Bedingungen übten die Einsatzkräfte in der Nacht zum Mittwoch das Vorgehen bei einem Terrorangriff oder Amoklauf. Foto: Sven Hoppe/dpa
Unter realen Bedingungen übten die Einsatzkräfte in der Nacht zum Mittwoch das Vorgehen bei einem Terrorangriff oder Amoklauf. Foto: Sven Hoppe/dpa

Das Szenario ist fiktiv, wird aber unter realen Bedingungen durchgespielt – mit Schutzausstattung, Schreckschüssen, blutig geschminkten Verletzten und Blaulicht. Ähnliche Übungen gab es zuletzt auch in anderen Städten, unter anderem in Frankfurt am Main. Damit die Münchner keine Panik bekommen, hat die Polizei die Aktion zuvor angekündigt und informiert neugierige oder beunruhigte Menschen nachts vor Ort und über soziale Medien.

Vier Angreifern müssen sich die Einsatzkräfte in dem Szenario in der Nacht zum Mittwoch stellen. Der erste geht mit einem Messer auf Passanten los, verletzt einige tödlich. Zwei weitere Täter stürmen in die untere Etage des Hauptbahnhofs, schießen mit Maschinenpistolen auf Menschen. Ein vierter verschanzt sich in einem Regionalzug und nimmt dort Geiseln. So detailliert erfahren das die anwesenden Journalisten jedoch erst später – die Übung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) wird von „beklemmenden Bildern“ sprechen.

Ein Lager für die „Opfer“

Die vier Lagen wecken Erinnerungen an schwere Gewalttaten, die sich tatsächlich im Freistaat zugetragen haben. Doch auch andere Ereignisse der vergangenen Jahre im In- und Ausland seien Hintergrund der Übung, hatte die Münchner Polizei zuvor mitgeteilt. Polizei und Rettungsdienste hätten ihre Einsatzpläne überarbeitet; dabei sei es insbesondere um die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Organisationen gegangen.

Anschläge in Bayern

  • München:

    Neun Menschen kamen am 22. Juli 2016 beim Anschlag im Münchner Olympia-Einkaufszentrum ums Leben, der 18-jährige Schüler David S. verletzte fünf weitere durch Schüsse. Zweieinhalb Stunden nach Beginn des Anschlags stellte eine Polizeistreife den Täter in der Nähe des Einkaufszentrums, woraufhin dieser sich erschoss. Der Vorfall war gekennzeichnet von vielen Gerüchten in der Stadt. Bei Paniken bzw. auf der Flucht verletzten sich laut Wikipedia mindestens 32 Menschen.

  • Ansbach:

    Der Sprengstoffanschlag von Ansbach am 24. Juli 2016 gilt als islamistische Terrorattacke. Ein 27-jähriger syrischer Asylbewerber verletzte beim Zünden einer Rucksackbombe 15 Menschen und kam selbst ums Leben.

  • Würzburg:

    Bei einem Anschlag in einer Regionalbahn bei Würzburg am 18. Juli 2016 verletzte ein in Deutschland als minderjährig und unbegleitet registrierter Flüchtling fünf Menschen mit einem Beil und einem Messer, vier davon schwer. Der Täter wurde von einem Spezialeinsatzkommando der Polizei erschossen. Die Ermittlungsbehörden gehen von einer islamistisch motivierten Tat aus.

Mittlerweile hasten immer mehr Menschen, darunter viele junge Leute, über die gesperrte Straße am Nordteil des Hauptbahnhofs. Sie tragen Verwundete in Richtung der Rettungskräfte, rufen laut um Hilfe. Es gibt eine Sammelstelle für Verletzte – alles soll möglichst real sein. Nach dem Hauptteil der Übung, dem Ausschalten der Täter, gibt es eine erste Zwischenbilanz. Der Leiter der Bundespolizeidirektion München, Karl-Heinz Blümel, lobt die Polizisten. Sie hätten professionell und schnell gehandelt, sagt er.

Schiedsrichter der Polizei beobachteten die Übung

Aus Sicht des Zuschauers Daniel Spitzenberger dagegen lief der Einsatz der Polizei sehr langsam ab. „Sonst sind die Gegebenheiten hier anders: Überall sind Autos und Leute – ich würde denken, dass sich das dann noch mehr zieht“, fürchtet der 30-Jährige. Grundsätzlich befürwortet er die Aktion. „Im Zeitalter dessen, was man auf der Welt miterlebt, ist es richtig, für den Notfall zu üben.“ Wie er sich im Ernstfall verhalten würde? Das entscheide man wohl im Affekt, sagt er. „Wahrscheinlich: laufen.“

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Wie lange die Polizisten zum Einsatzort gebraucht haben, das soll nun unter anderem ausgewertet werden. Die Einsatzkräfte wurden während der Übung von sogenannten Schiedsrichtern der Polizei beobachtet. Die Frage lautet, was gut lief und was in Zukunft verbessert werden muss – damit so viele Leben wie möglich gerettet werden.

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