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Lifestyle

„Urbanes Imkern“ ist der neueste Trend

In Berlin oder München ist es längst Realität: Hobbyimker halten ihre Bienen auf Dachgärten oder Balkons. Jetzt kommt der Natur-Trend auch nach Ostbayern.
Von Fritz Winter, MZ

  • Die Biologin und Lehrerin Claudia Seiderer will ihr Bienenvolk künftig in der Nähe des Obermünsterplatzes aufstellen. Probleme erwartet sie dabei nicht. Fotos: Fritz Winter
  • Katrin Schopka bekommt einen Standplatz vom Stadtgartenamt.
  • Imkern am Lehrbienenstand: Claudia Seiderer, Peter Gerhardt, Günter Spörl, Katrin Schopka und Vereinsvorsitzender Roman Funk (v.l.).
  • Peter Gerhardt geht in Rente – und will sich um die Bienen kümmern.

Regensburg.Die Lehrerin und Biologin Claudia Seiderer hat schon einen festen Plan. Ihr erstes eigenes Bienenvolk will sie am Obermünsterplatz, direkt in der Regensburger Innenstadt, aufstellen. „Dort habe ich einen ganz normalen kleinen Hausgarten und ringsherum gibt es Alleen, den Schlosspark, den Stadtpark oder den Herzogspark – ein Paradies für die Bienen“, sagt sie. Noch ist sie Imkerin auf Probe beim Imkerverein Regensburg-Nord, der seinen Lehrbienenstand in der Kleingartenanlage Walhalla im Regensburger Norden aufgestellt hat. „Jahrelang habe ich mit der Imkerei geliebäugelt – jetzt werde ich mit einem Ableger vom Verein meine eigene Hobbyimkerei begründen“, sagt Seiderer und arbeitet konzentriert an ihrem Pflegvolk.

Bienen auf dem Dach des Gasteigs

Mit ihrem neuen Hobby liegt die Biologin voll im Trend. „Urbanes Imkern“ ist in Großstädten wie Berlin oder München mega-in. Immer mehr junge Städter entdecken das Altmännerhobby Imkerei für sich. 500 Großstadtimker gibt es derzeit allein in Berlin. Andere Länder haben es vorgemacht. Seit 1985 fliegen die Bienen des Pariser Theaterdekorateurs Jean Paucton vom Dach der Garnier-Oper in die Parks der französischen Hauptstadt. Seit 2011 werden im Rahmen der Initiative „München summt“ zwei Bienenstöcke auf dem Dach des Gasteig betreut. Im vergangenen Jahr wurden Bienenvölker auf das Dach der Neuen Pinakothek, des Hauses der Architektur und in den Garten der Seidl-Villa gestellt. Die Stadtimkerei ist für viele mehr als ein Hobby. Es ist ein Lebensgefühl: Natur in das städtische Umfeld zu tragen, eine gesunde Lebensweise zu demonstrieren – und als feiner Nebeneffekt den eigenen Honig verzehren zu können.

Nun hat es sich der Imkerverein Regensburg-Nord nicht primär zum Ziel gesetzt, möglichst viele „urbane Imker“ heranzuziehen, sondern er möchte Menschen jeden Alters für das Hobby Imkerei begeistern. Der Verein, der mangels Nachwuchses auszusterben drohte, hat sich selbst neues Leben eingehaucht. „Ein besonderer Erfolg war das Imkern auf Probe, das wir im Frühjahr angeboten haben“, sagt Vorsitzender Roman Funk. Der Informatiker überzeugte seine Imkerkollegen, einen eigenen Lehrbienenstand aufzubauen, „denn ohne eigenes Vereinsgelände driftet der Verein immer wieder auseinander“, wie er sagt. Mit den Probeimkern hat sich die Mitgliederzahl im Verein – übrigens einer von drei Imkervereinen in Regensburg – auf mittlerweile 25 verdoppelt.

Eines davon ist die Krankenschwester Katrin Schopka, die noch vor wenigen Monaten der festen Überzeugung war, dass die Bienenhaltung für normalsterbliche Menschen überhaupt nicht möglich sei. „Das ist doch so saugefährlich“, war sie überzeugt. Davon ist heute nichts mehr zu spüren. Geschickt arbeitet sie mit dem Stockmeißel, zieht eine dicht mit Bienen besetzte Waben aus dem Kasten und kontrolliert, ob die frisch begattete Königin bereits die ersten Eier in ihrem zukünftigen Volk legt.

Schopka wohnt mit ihren zwei Kindern im Stadtwesten. Die älteste Tochter, Sarah (5), kann überhaupt nicht verstehen, „warum die Leute eigentlich gar nicht wissen, was Drohnen sind und warum die Bienen ein Flugloch brauchen“. Sarah und die Mami haben im Imkerkurs gut aufgepasst – und sind heute hellauf begeistern von der Bienenhaltung. Katrin Schopka hat sich beim Stadtgartenamt erkundigt, wo sie denn in der Nähe ihrer Wohnung den Bienenstock aufstellen könne. „Dort hat man mir sofort einen Standort im Donaupark angeboten. Das sind sehr nette und hilfsbereite Menschen“, sagt die Jung-Imkerin.

Überhaupt fördert das Stadtgartenamt die Bienenhaltung im Rahmen seiner Gartenkurse. Das Aufstellen von Bienenkästen ist auf öffentlichen Flächen zwar nur eingeschränkt möglich. Geeignet seien naturbelassene Bereiche mit geringer öffentlicher Frequentierung und geringem Vandalismusrisiko. So konnte jungen Imkern bereits vereinzelt Plätze für Bienenkästen angeboten werden, so das Stadtgartenamt.

Der Landschaftsarchitekt Günter Spörl und der angehende Rentner Peter Gerhardt werden keine „urbanen Imker“, denn sie wollen ihre Völker in Kelheim-Kapfelberg und in Wenzenbach aufstellen. „Jeder Samstag auf dem Lehrbienenstand bringt eine Fülle neuer Erkenntnisse“, sagt Spörl, der einräumt, dass er sich nie getraut hätte, ohne Vereins-Beistand mit der Imkerei anzufangen. In einem eigenen Bienen-Blog tauschen sich die Probeimker regelmäßig über ihre Bienen aus.

Viele Profi-Imker geben auf

Vereinsvorsitzender Funk regisitriert in den letzten drei bis vier Jahren einen sehr auffälligen Trend zurück zur Imkerei. Während viele professionelle Bienenzüchter aufgeben, da sie gegen Honig-Billigimporte aus Osteuropa und China nicht konkurrieren können, gibt es immer mehr Freizeitimker – vor allem in den Städten. Dass sich viele junge Leute für die Bienenhaltung interessieren, darüber freut sich die überalterte traditionelle Imkerschaft sehr. Allerdings müssen für jeden Berufsimker, der seine 100 bis 200 Völker aufgibt, 30 bis 40 Hobbyimker nachrücken, da sie durchschnittlich nur zwei bis sieben Völker halten.

Ob in der Stadt oder im Garten auf dem Land: Die Jungimkerinnen und Jungimker in Regensburg freuen sich schon darauf, nach der ganzen Ausbildung und der Arbeit an den Bienenvölkern sich den eigenen Honig auf das Butterbrot schmieren zu dürfen. Der Verein will Geräte – etwa eine Schleuder – zum gemeinschaftlichen Gebrauch anschaffen. Denn in einer Welt, in der es kaum noch nachzuvollziehen ist, wo unsere Lebensmittel herstammen, ist es ein Luxus, ein Produkt in den Händen zu halten, von dem man mit Sicherheit weiß, wie es entstanden ist.

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