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Bayern
Freitag, 22. Juni 2018 18° 3

Bildung

Urlaub noch vor den Ferien

Günstige Flüge, weniger Staus: Wenn Kinder Unterricht versäumen, weil sie in den Urlaub fahren, drohen Bußgelder.
Von Dagmar Unrecht und unseren Nachrichtenagenturen

Eine junge Familie läuft am Flughafen zum Check-In. In Bayern dauern die Pfingstferien noch bis Ende nächster Woche. Foto: Matthias Balk/dpa
Eine junge Familie läuft am Flughafen zum Check-In. In Bayern dauern die Pfingstferien noch bis Ende nächster Woche. Foto: Matthias Balk/dpa

Regensburg.Lange Schlangen beim Einchecken am Flughafen, brechend volle Autobahnen in Richtung Süden und Wartezeiten an den Grenzübergängen: Wenn die Ferien beginnen, geht der Stress für Eltern und ihre Kinder oft erst richtig los.Gefühlt ist die halbe Welt unterwegs, Flüge und Unterkünfte sind entsprechend teuer. Aus diesem starren Raster auszubrechen, ist eine verlockende Vorstellung – aber nicht erlaubt. Gut zwanzig Familien mit schulpflichtigen Kindern wurden dennoch vor Beginn der Pfingstferien von der Polizei auf bayerischen Flughäfen aufgegriffen. Eltern, deren Kinder ohne Zustimmung der Schule fehlen, drohen Verwarn- oder Bußgelder. Deren Höhe kann variieren, Städte und Kommunen setzen diese fest. Das kann teuer werden: In Berlin zum Beispiel können bis zu 2500 Euro fällig werden. In Bayern drohen nach Auskunft des Kultusministeriums bis zu tausend Euro Bußgeld – in Ausnahmefällen sogar noch mehr. So wird aus einer vermeintlichen Schnäppchenreise schnell ein kostspieliges Vergnügen.

Bayerns Kultusminister Bernd Sibler hat kein Verständnis für Schulschwänzer. Die Schulpflicht sei ein hohes Gut unserer Gesellschaft: „Deswegen appelliere ich an alle Eltern, sich bei der Frage nach dem persönlichen Urlaubsbeginn ihrer Vorbildrolle bewusst zu sein“, sagte der CSU-Politiker.

Kontrollen am Flughafen

Die Polizei hält auf bayerischen Flughäfen die Augen offen, um Schulschwänzer aufzuspüren. „Standard-Kontrollen“ sind das nach Auskunft des bayerischen Innenministeriums.

Ein Flieger auf dem Rollfeld am Flughafen Nürnberg Foto: Daniel Karmann/dpa
Ein Flieger auf dem Rollfeld am Flughafen Nürnberg Foto: Daniel Karmann/dpa

Alleine in Nürnberg entlarvten Beamte in elf Fällen Eltern, die mit dem Nachwuchs lieber in den Pfingsturlaub flogen, statt die Kinder in den Unterricht zu schicken. Am schwäbischen Allgäu Airport in der Nähe von Memmingen konnten die Polizisten zehn Familien ermitteln. Auch am Flughafen in München wurde kontrolliert – allerdings ohne Erfolg. Wie an den beiden anderen Airports auch habe die Bundespolizei bei der Passkontrolle und die Landespolizei bei allgemeinen Kontrollen darauf geachtet, ob Eltern mit schulpflichtigen Kindern unterwegs waren, sagte ein Sprecher der Polizeiinspektion Flughafen München der Deutschen Presse-Agentur. Bei den Verdachtsfällen ließen sich die Beamten Genehmigungen der Schulen zeigen. Konnten Eltern ein solches Dokument nicht vorzeigen, erkundigte sich die Polizei bei der Schule. Theoretisch könnte die Polizei Schüler ohne Beurlaubung zurück ins Klassenzimmer schicken.

Meinungen sind geteilt

Bei MZ-Lesern stößt diese Aktion auf ein geteiltes Echo. „Ja die Kontrollen sind richtig – kann doch nicht jeder machen, was er will, auch wenn die Versuchung sicher groß ist, durch den früheren Reisetag gleich ein paar hundert Euro zu sparen“, schreibt zum Beispiel Daniel Brandt auf dem Facebook-Profil der Mittelbayerischen. „Könnte man sich nicht um die wirklich wichtigen Dinge Gedanken machen, als um Schüler die den letzten Tag vor den Ferien schwänzen“, findet dagegen Nutzerin Cia Lina. „Deutschland hat nun mal Schulpflicht. Wer das nicht einsieht, ist selber Schuld“, schreibt Userin Tanja Claudia Pöll.

Die allgemeine Schulpflicht gilt in Deutschland seit 1919. Damals wurde der regelmäßige Besuch der Schule in die Weimarer Verfassung aufgenommen – als Recht, aber auch als Pflicht. „Wir haben jedes Jahr vor allem vor den Sommerferien Anfragen zu Beurlaubungen“, sagt der Regensburger Schulamtsdirektor Heribert Stautner. Bildung habe aber Vorrang vor Erholung, daher könnten Ferien während der Unterrichtszeit nicht genehmigt werden. Sonst werde der Schulablauf empfindlich gestört und es würden alle benachteiligt, die sich an die Ferientermine halten. „Eine Beurlaubung vom Unterricht ist nur in Ausnahmefällen und aus zwingenden Gründen möglich – zum Beispiel wegen eines Todesfalls innerhalb der Familie“, so der Schulamtsdirektor. Die Entscheidung liege bei der Schulleitung. Eine Straftat ist das unerlaubte Fernbleiben vom Unterricht in Bayern aber nicht, sondern eine Ordnungswidrigkeit. Gegen die Eltern der Schulschwänzer wird ein Verfahren eingeleitet.

Kommentar

Bitte nicht übertreiben

Wer schulpflichtige Kinder hat, kennt das Dilemma: Während der Ferienzeit muss man für Urlaubsunterkünfte viel mehr bezahlen als in den Wochen davor oder...

Kritik vom Elternrat

Bei Eltern- und Lehrerverbänden stieß der Polizeieinsatz an den bayerischen Flughäfen auf Kritik. „Es stimmt: Die Regeln müssen eingehalten werden. Aber die Polizei einzuschalten ist doch etwas übertrieben“, sagte der Vorsitzende des Bundeselternrats, Stephan Wassmuth, gestern der Deutschen Presse-Agentur. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hält das Vorgehen ebenfalls für überzogen. „Generell ist es sinnvoller, mit den Eltern das Gespräch zu suchen“, betonte Ilka Hoffmann von der GEW. „Einen Polizeieinsatz halte ich bei Einzelfällen für eine zu starke Reaktion.“ Dies könne aber bei dauerhafter Abwesenheit eines Kindes – zum Beispiel über mehrere Monate – angebracht sein.

Lesen Sie hier eine Reportage über ein Projekt, das Dauer-Schulschwänzern eine zweite Chance eröffnet.

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