MyMz

REGENSBURG.

Vom Erzengel zum Deutschen Michel

Am Tag des heiligen Michael mischen sich Kirchenfest, Brauchtum und Politik.

Nur am Michaelstag bewegt sich am Augsburger Perlachturm das mechanische Figurenspiel des „Turamichele“ zu jeder vollen Stunde: Der Erzengel ersticht den Teufel mit einer Lanze.

VON MARTIN WEINDL, MZ

„Und geben jährlich 32Pfenning unserm genedigen Herrn Herzog Hainrich und seinen Erben zu Kamersteur, und zwar 14 Pfenning zu Georgi und 14 zu Michaeli“. Was in dieser alten Urkunde zwischen den Namensfesten des heiligen Georg am 23. April und des heiligen Michael am 29. September liegt, war das bäuerliche Wirtschaftsjahr. Vom Mittelalter bis fast noch in unsere Zeit war der Michaelitag der wichtigste Zinstermin vor dem Winterhalbjahr. Und noch heute feiert man so manche Michaeli-Kirchweih, wie in Falkenstein, Hohenau und Schöllnach im Bayerischen Wald. Zum Ereignis gerät das Kirchweihkuchenbacken in Schönkirch (Lkr. Tirschenreuth) am Wochenende vor Michaeli. Gehört doch der Holzbackofen den 30 Familien der Dorfgemeinde, die in Allerherrgottsfrüh mit dem Backen von 300 Käse-, Sirup-, Mohn- und Schmierkuchen für das Kirchweihfest beginnen.

Anlass dazu ist das Fest der Erzengel Michael, Gabriel und Raphael, das die katholische Kirche seit dem Jahr 493 am 29. September feiert. Es geht zurück auf das Weihefest der Michaelskirche an der Via Salaria in Rom. Auch im Protestantismus, in der Ostkirche und im Judentum werden die Engel geehrt. Und im Islam ist der Glaube an die Engel einer der sechs verbindlichen Glaubensartikel für jeden Muslim. Hier ist der Erzengel Mikail für die Natur zuständig. Den Christen gilt Michael – sein Name bedeutet: Wer ist wie Gott? – vor allem als Bezwinger des Teufels und Seelenwäger am Tag des Jüngsten Gerichts. Er wird daher in der Kunst mit dem Flammenschwert oder mit einer Waage in der Hand dargestellt.

Seit 955 Schutzpatron

Michael ist seit 955, dem Sieg über die Ungarn auf dem Lechfeld bei Augsburg, Schutzpatron des mittelalterlichen Heiligen Römischen Reiches und später Deutschlands. Wahrscheinlich kommt daher die Witzfigur des „deutschen Michel“ mit seiner Zipfelmütze als Bild eines Dummkopfs, Tölpel und Fantasten, wie im 1541 erschienenen Sprichwörterbuch Sebastian Francks. Oder der dumme Michel kommt von den deutschen „Michelbrüdern“, die im 15. Jahrhundert Kinderwallfahrten zum französischen Mont-Saint-Michel organisierten. Von den dort gesungenen Liedern verstanden die Franzosen wohl nur das immer wiederholte „Michael“, das dem französischen Wort „michelot“ für einen Betteljungen ähnelt. Michels Karriere als politische und nationale Gestalt – wie der amerikanische Onkel Sam oder die französische Marianne – begann im 19. Jahrhundert, wo der deutsche Michel für die Bemühungen um ein freiheitliches und einiges Gesamtdeutschland stand.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht