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REGENSBURG.

Vom Keferloher zur Wiesn-Maß

Der bayerische Maßkrug ist gar nicht so alt. Erst seit 200 Jahren schlürfen die Bayern ihr Nationalgetränk aus dem Tongefäß.

Bierkrüge sollten aus Ton sein, damit die Maß frisch bleibt. Foto: dpa

VON MARTIN WEINDL, MZ

Omei omei! Jetzt wird’s hint‘ höher wie vorn! Wenn schon das Goethe-Institut den greislichen gläsernen Allerwelts-Krug mit dem bezeichnenden Namen „Standard-Euro-Maßkrug“ zu einem „Denkmal deutschen Designs“ ausruft, ist der Weltuntergang nicht mehr weit! Obwohl landauf, landab Dulten und Volksfeste und zur Oktoberfestzeit die ganze Münchner Theresienwiese mit dem Glasmaßkrug überschwemmt werden, wird die originale bayerische Maß Bier natürlich aus Tonkrügen zu sich genommen. Das aber erstaunlicherweise erst seit knapp zweihundert Jahren!

Bayern war im Mittelalter ein ausgesprochenes Weinland. Erst eine Klimaverschlechterung ab 1550 ließ den Bierkonsum ansteigen. Bis um 1800 bediente man sich dabei in den Wirtshäusern noch großer Humpen für mehrere Zecher. Der Dialektforscher Johann Andreas Schmeller schilderte das um 1820 anschaulich, als er von der Klage eines alten Wirts berichtete: „Früher hat alles nacheinander getrunken, was an einem Tisch gesessen ist. Jetzt fürchtet sich ein jeder, er kommt einen Trunk zu kurz!“ Der Trend zum Einmann-Krug am Anfang des 19. Jahrhunderts ging auf zwei Ursachen zurück. Zum einen wurden bis 1811 im neuen Königreich Bayern die Maße vereinheitlicht und die „Münchner Maßkanne“, kurz „Maß“, mit 1,069 Litern Inhalt verbindlich eingeführt. Zum andern standen mit den Erzeugnissen der „Kannenbäcker“ günstige, haltbare und massentaugliche Gefäße für den individuellen Bierkonsum bereit. Ab 1746 waren verarmte Töpfer aus dem „Kannenbäckerland“ im Westerwald östlich von Koblenz nach Bayern eingewandert und stellten Gebrauchsgeschirr aus Steinzeug her. Bald wurden Biergefäße für Transport und Trunk unter verschiedensten Namen angeboten: Fäßl, Kaps, Knall, Köpflkrug, Lutterkrug, Seidl, Stein, Vogel und – für Regensburg typisch – Plunzer. Der Bedarf war groß, denn Bier war in Bayern Staatsaufgabe und sicherte bis 1870 ein Viertel des Staatshaushalts! Der Siegeszug des Steinzeug-Maßkrugs schaufelte aber den bayerischen Kannenbäckern das Grab. Sie konnten der großen Nachfrage nicht nachkommen und wurden von Industrie-Steinzeugen aus dem Westerwald verdrängt, die durch die neue Eisenbahn leicht geliefert werden konnten. Um 1885 fertigten nur noch zwei Fabrikanten in Regensburg und im Rottal bayerische Maßkrüge.

Besser gesagt: Literkrüge, denn mit der Reichsgründung 1871 wurde die bayerische Maß mit 1,069 Litern auf „das deutsche Liter“ umgestellt. Damit stahlen die Preußen den Bayern doch glatt einen Schluck aus dem Bierkrug, und die schlecht eingeschenkte Maß wurde staatlich legitimiert! Schlimm wurde es 1892, als erstmals der seelenlose Pressglaskrug auf dem Münchner Oktoberfest seinen Einzug hielt, und endlich 1973, als übertriebene Hygienevorschriften den Steinzeug-Krug von der Wiesn verbannten. Einziger Trost bleibt da nur noch der Inhalt aller Maßkrüge, unser gutes bayerisches Bier. Schwoamas obe!

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