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Missbrauch

Vom Leiden und Schweigen der Spatzen

Im März 2010 versprach das Bistum Aufklärung – dann blieb es ruhig. Verfolgt vom Leid aus Kindertagen, fürchten drei Opfer, dass alles versandet.
von Pascal Durain, MZ

Frei wie ein Vogel? Viele Domspatzen empfanden das Internat wie ein Gefängnis. Foto: dpa

Regensburg.. Am Grab des Mannes, den er als Kind umbringen wollte, steht Werner Biller (Name geändert) mit einer Gießkanne. 1978 kam der zwölfjährige Domspatz nachts im Etterzhausener Internat zum Schlafzimmer des Direktors mit der Absicht, all die Qualen zu vergelten. Dann ging er wieder schlafen. Bevor der Schnee 32 Jahre später Johann Meiers Ruhestätte wieder weiß bedeckt, schwenkt der schmale Mann die Gießkanne wie ein aus dem Takt geratenes Pendel hastig vor und zurück. „Schau her Meier, kriegst noch nen Schluck“, sagt Biller, als das trübe Wasser auf die wenigen Blumen niederregnet. Immer wieder blickt er auf die eingelassene Marmorplatte am Grab des Priesters, der Hunderte Vorschulkinder blutig schlug. Biller war eines von ihnen.

Monsignore – ein päpstlicher Ehrentitel – steht in großen Buchstaben auf Meiers Grab. „Der hat uns die Seele aus der Körperhülle geprügelt“, sagt er so laut, dass er Blicke umstehender Friedhofsgäste auf sich zieht. Biller ist das egal. Sollen sie ruhig alles über den Meier wissen, sagt er sich. Dann ist die Gießkanne leer, die Tropfen versickern. Er tut das, weil jede Gießkanne, die er leert, etwas mehr von dem wegspült, was Biller verdrängen wollte.

Verdrängen, um zu vergessen. Auch Martin Gellrich hat das probiert, bis ihn körperliche Schäden einholten: eine verkrümmte Wirbelsäule und eine rechte Hand, die bei Klavierkonzerten mit jedem Tastenschlag unsicherer wird. Es sind die Reaktionen seines Körpers auf die Schläge. Dazu kam der Krebs. Nachdem er das in einem Regensburger Café erzählt hat, geht er zum Ehemaligentreffen – wo viele einen Bogen um ihn machen. Auch Gellrich stand schon an den Gräbern derer, die ihn „seelisch malträtiert haben“, wie er sagt. Nach dem Abi 1973 studierte er Pädagogik und Psychologie, um zu begreifen, was mit ihm geschah. Nun schreibt er zwei Romane über seine Erfahrungen: „Weil ich so die Hölle, aber auch den Himmel von damals aufarbeiten kann.“ Für Biller begann die Aufarbeitung im März 2010, als der Skandal öffentlich wurde. „Endlich“, dachte er, „darf ich darüber reden.“ Endlich glaubte ihm jemand.

Verstummte Schreie

1981 zogen die Sängerknaben mit ihrer Vorschule nach Pielenhofen. An das kasernenartige Internat in Etterzhausen erinnern nur noch ein paar blassgrüne Stahlpfosten. Sie stehen am Rand eines Grundstücks, das heute Bauland ist, und stützten den Stacheldraht, der die Schutzbefohlenen einst einkreiste.

Johann Meier starb 1992 im Alter von 68 Jahren. Im Familiengrab liegen die Überreste des kleinen, dürren Mannes mit dem schmalen, knochigen Gesicht, der Kindern mit Knüppeln den Willen brach und dessen Blick durch die Goldbrand-Brille die Domküken bis unter die Bettdecke verfolgte.

Werner Biller war schon fünfmal auf diesem Friedhof im Landkreis Cham. Blumengießen – das ist seine Art, mit seiner Kindheit zwischen den Jahren ’76 bis ’78 umzugehen. „Wir nehmen die Vorwürfe ernst“ – das war der Tenor, der bei dem Münchner ankam. Dr. Birgit Böhm und Angelika Glaß-Hofmann wurden damals von der Diözese beauftragt, Opfern bei der Aufarbeitung zu helfen. „Anrufen, anrufen hieß es immer. Dann durfte man sich kurz ausheulen, aber getan wurde nichts“, sagt Biller. Das Bistum habe ihn nur ausgehorcht.

Seine Eltern tragen für ihn eine Mitschuld an seinem Leid: Sie haben gesehen, wie aus einem aufgeweckten Jungen ein in sich gekehrter Knabe wurde, und nichts getan. Zu groß sei das Vertrauen in den Meier gewesen, meint Biller. „So viel Geld habe ich für dich bezahlt und dann ist nichts aus dir geworden, hat mein Papa später zu mir gesagt.“ Da war Biller ein junger Mann, die Jahre im „Kaff“ waren schon lange vorbei. Auch heute, sagt er, schäme er sich dafür, dass er es zu nichts gebracht habe: keine Familie, keine feste Beziehung, gar nichts.

Eine bestimmte Drohung

Zehn Jahre vor Biller war Gellrich der Prügelknabe des Internatsdirektors, sagt er. Rebellen konnte Meier nicht ausstehen: Für Nichtigkeiten kassierte er in zwei Jahren 150 Schläge. Doch es habe noch schlimmere gegeben. „Niederträchtige Subjekte, die grundlos Kinder malträtierten“, sagt Gellrich. Die Leitung habe von den Untaten gewusst – aber Meier und Co. blieben Jahrzehnte im Amt.

Vor einigen Jahren schrieb er dem Pfarrer des Orts, in dem Meier begraben liegt. Gellrich forderte, Meier zu exhumieren. Ein sündiger Sadist im Priestergewand, der Generationen von Domspatzen auf dem Gewissen habe, störe die Grabesruhe der anderen Toten. Geschändet hat er das Grab nicht, sagt er – aber andere vor ihm. Er schrieb, dass er seinen Schulkameraden den Platz des Grabs nennen würde. Eine bestimmte Drohung: Dass das Monument unversehrt bleibe, könne dann keiner mehr garantieren. Keine Antwort vom Pfarrer; kurze Zeit später wurde der Friedhof renoviert.

Die Klagemauer des Bistums

Gellrich heute: 57, grau meliertes Haar, Jeans und Pulli. Er sagt, viele Schwachstellen des heutigen Knabengymnasiums seien verändert worden. Viele Verantwortliche heute sind Spatzen von damals. Und die zogen Konsequenzen aus der Brutalität. Die Leitung sei spürbar um Wiedergutmachung bemüht. Falls er einen Sohn hätte, würde er bei den Domspatzen singen. Zwar sei noch vieles verbesserungsfähig, doch das Gymnasium sei noch die beste Schule in der heutigen „verirrten Pädagogiklandschaft.“ An der Aufrichtigkeit des Bistums, die Untaten aufzuarbeiten, zweifelt er. Erst sechs Monate, nachdem er sich bei der Missbrauchsstelle meldete, klingelte sein Telefon. „Und das wahrscheinlich nur wegen des öffentlichen Drucks.“ Mit der Aufarbeitung durch die Stabsstellen sei es wie mit einer Klagemauer: „Man kann ein Zettelchen reinstecken und weiter passiert nichts.“

Werner Biller glaubt, das Bistum sei um Vertuschung bemüht. Eines muss er sich dabei immer wieder sagen, um die Kraft nicht zu verlieren: „Wir Opfer müssen uns für nichts schämen. Uns gebührt Respekt.“

Udo Kaiser würde diese Sätze unterstreichen. Dass er nicht vergessen kann, hat der 62-jährige Ex-Domspatz immer wieder bewiesen. Zuletzt vor drei Jahren: Ein Novembertag unter Ehemaligen klang im Regensburger Bischofshof aus. In dem großen, offenen Raum saßen die Herren an den Festtischen und genossen die Hausmarke, bis Kaiser mit einem Satz die Stimmung kippen ließ. Vom Tisch, der voll besetzt mit Kaisers älteren Schulkameraden war – den damaligen Männerstimmen, die bisweilen jüngere Spatzen verprügelten – rief ihn einer zu sich herüber. „Nein, Sie haben mich geschlagen“, sagte Kaiser und überfiel sie alle mit dem, was sich nicht vergessen lässt. Der Nestbeschmutzer sah ungläubige Mienen: „Das haben wir nicht getan.“ Verneinung aus tiefster Überzeugung.

Als Kaiser die Geschichte Minuten später seinem Schulkameraden Matthias Breitschaft erzählte, stürmte der hinüber. Der Koloss von Mann trat fassungslos vor den Tisch. „Was fällt Euch ein zu sagen, da war nichts?“, sagte er. Breitschaft hatte es nicht nötig zu schreien. Vielmehr war es eine leise Ansprache an die Vergangenheit, die so drohender wirkte. Über sich selbst erschrocken, verstummte der Tisch. Momente später kam Schnaps, um den Schrecken vor den eigenen Taten herunterzuspülen.

„Da bin ich, du Schläger!“

Kaiser, Jahrgang 1948, Domspatz von 1956 bis 1968 und selbst Pädagoge, weiß, was da vorging. Schutz durch Verdrängung, nennt er das. Täter wüssten nicht oder wollten nicht wissen, dass sie Täter seien. Die Domspatzen von früher spalten sich in zwei Lager: die Leidenden und die leidenden Zuschauer. „Mein Klassenkamerad Otto, der fünf Jahre neben mir gesessen hat, auch als mein Kopf gegen die Wand geschlagen wurde, sagte zu mir: Das hab’ ich nicht gesehen. Ich habe nur schöne Erinnerungen behalten“, erzählt Kaiser. Darum gebe es das Dilemma der schweigenden Mehrheit.

Seit Monaten fragt sich Kaiser, wie hoch der Preis für die Flucht vor der Vergangenheit ist. Der Münchner nahm im März Kontakt mit dem Bistum auf, in der Hoffnung, dass sein seelisches Elend weniger wird. Als er anrief, nahm er eine aufgeschlossene Atmosphäre wahr. So traf er sich mit Dr. Böhm und Domkapitular Johannes Neumüller. Als Kaiser unter Tränen seine Geschichte erzählte, waren seine beiden Gegenüber erschüttert. Er merkte, wie befreiend es war, sich das Grauen von der Seele zu wälzen. Dann hörte er nichts mehr. Die versprochene Pressekonferenz im September hat es nie gegeben, ein Ergebnisbericht fehlt bis heute. Das Gefühl des Unter-den-Teppich-Kehrens keimte in ihm. „Wollte man mich nur still stellen?“

1976 war der zehnjährige Werner Biller froh, als er die ersehnte Zusage für die Vorschule hatte. Doch das, was mit so großen Hoffnungen begann, endete in lebenslangem Schmerz. Er erinnert sich noch genau an den Alltag unter seinem Tyrannen: Jedes Mal, wenn ihm Präfekt H. eine verpasste, spitzte der die Lippen, als würde er ein bisschen grinsen. Nach dem Schlag aufs Ohr hörte er immer nur ein dumpfes Pfeifen. Geweint habe er nie. Seine Tränen hätten den Sieg der Peiniger bedeutet.

Die Erinnerungen an H., den ehemaligen Bergarbeiter, der im Januar 2009 starb, wühlen Biller 30 Jahre später noch auf. Bevor er zu Meiers Grab fährt, besucht er am selben kalten Herbsttag auch das Präfektengrab im Landkreis Regensburg. Als er dort ankommt, steigt er mit ausgebreiteten Armen aus dem Auto und ruft mit einer Melodie aus Provokation und aufgesetzter Souveränität: „Yeahh, da bin ich, du Schläger, und komm’ dich besuchen!“

„Das schreibt der sich aufs Grab“

Unter einer Tonleiter ist die Singanleitung „Gaude-A-Mus“ in das Grab gehauen – Lasst uns fröhlich sein. „Und das schreibt der sich aufs Grab“, sagt Biller. Ausgerechnet er, der Schüler unter Tische geprügelt und so lange zugeschlagen habe, bis Trommelfelle geplatzt seien; der sich von zehnjährigen „Denunzianten“ Weidenruten habe schenken lassen, um sie auf Kindern kaputt zu hauen. Das Präfektengrab hat er noch nie gegossen – und er wird es auch nicht tun. Warum, das weiß er nicht. „Vielleicht weil er nur ein Werkzeug des Direktors war.“

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