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Porträt

Wanningers präziser Blick für Abgründe

Die Kabarettistin erzählt, warum es wichtig ist, im Humor Erkenntnis zu finden - und was einem den Bühnenmoment zerschießt.
Von Katharina Kellner

Franziska Wanninger schlüpft mal in die Rolle des Onkel Sepp, mal in die der hantigen Oktoberfestbedienung. Aber sie kann auch „Preißn“ wie die Youtube-Influencerin Marissa, die die morgens zwei Liter heißes Ingwerwasser trinkt. Authentisch sind alle ihre Figuren. Foto: Kellner
Franziska Wanninger schlüpft mal in die Rolle des Onkel Sepp, mal in die der hantigen Oktoberfestbedienung. Aber sie kann auch „Preißn“ wie die Youtube-Influencerin Marissa, die die morgens zwei Liter heißes Ingwerwasser trinkt. Authentisch sind alle ihre Figuren. Foto: Kellner

Regensburg.Franziska Wanningers Repertoire an Typen ist faszinierend breit: Mal ist sie der krakelende Onkel Sepp, mal die hantige Oktoberfestbedienung. Die hat noch jeder dieser „verhungerten Amseln“ ein Hendl und eine Halbe Bier verkauft – selbst wenn die das gar nicht bestellt hatten. Schließlich bringt das Wasser zwei Euro weniger Umsatz! Die Youtuberin Marissa lebt in Schwabing mit ihrem Chihuahua-Mischling Hazel zusammen, über den sie mit bedeutungsvollem Augenaufschlag sagt: „Hazel hat mich von Anfang an krass inspiriert.“

Wanningers Typen entlarven auf herrlich vergnügliche Weise ihre großen und kleinen Lebenslügen und Abgründe. Doch die Kabarettistin führt ihre so unterschiedlichen Charaktere nicht vor, sie nimmt sie ernst und eröffnet ihrem Publikum die Möglichkeit, sich zu identifizieren. Ganz gleich, ob es Marissa ist, Superman oder die Bürgermeistersgattin: Haben wir nicht alle hin und wieder Angst vor Veränderung?

Verwandlung in einen bajuwarischen Quadratschädel

Wanninger beobachtet präzise, feilt an Nuancen, Gestik und Mimik. Eine brillante Schauspielerin ist sie außerdem. Den Typ Marissa – überdreht, immer auf Sinnsuche – hat jeder im echten Leben schon getroffen. Oder so einen Bürgermeister von Schnecklreuth – einen alten Hallodri, der sich eine neue Tennishalle mit römischen Säulen gegönnt hat. Ein Schwarzbau? Von wegen! An dieser Stelle stiert Wanninger dem Publikum herausfordernd in die Augen und zieht geräuschvoll die Nase hoch. Das verrät alles über einen, der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Um in die Rolle eines solchen bajuwarischen Quadratschädels zu schlüpfen, muss Wanninger sich nicht verkleiden. Sie ändert nur die Körperhaltung: Den Rücken durchgestreckt, die Beine fest in den Boden gestemmt, ein Doppelkinn gezurrt, die Augenbrauen hochgezogen. Das Publikum reagiert verblüfft über die Schlichtheit dieses Kniffs: Wanninger kassiert den ersten Lacher. Ihr Onkel Sepp ist ein Typ, bevor das erste Wort fällt. Wanningers Charaktere funktionieren so gut, dass ihr schon mal ein Zuschauer nach der Vorstellung kräftig auf die Schulter haut – so als wäre sie wirklich so ein Hallodri-Bürgermeister.

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„Furchtlos glücklich“ beleuchtet Phobien und Ängste

Auch das persönliche Gespräch mit dem Verwandlungstalent Franziska Wanninger ist äußerst kurzweilig. Die Kabarettistin, die seit vier Jahren in München lebt, war am Wochenende in Regensburg, wo sie einst Lehramt studiert und am Funkhaus gearbeitet hat. Hier spielte sie im Statt-Theater ihr neues, drittes Programm: „Furchtlos glücklich“, bei dem Nepo Fitz Regie führte. Darin beleuchtet sie Phobien und Ängste – und schickt ihr Publikum ins Bewältigungs-Seminar. Dort sucht ihre Thirtysomething-Hauptfigur Franzi eine Antwort auf die große Frage: Wie bringe ich den angeschmachteten Zahnarzt dazu, mit mir den Traum von Kind, Häuschen und Weber-Grill zu verwirklichen? „Ich wollte was über innere Ängste und Blockaden schreiben“, sagt Wanninger auf die Frage nach ihrer Inspiration.

„Ich wollte was über innere Ängste und Blockaden schreiben.“

Kabarettistin Franziska Wanninger

Die Umsetzung dieser Idee kommt bei der Trägerin des kleinen Scharfrichterbeils 2015 gewohnt charmant und selbstironisch daher. Die Franzi ist „seit Jahren Single und hat es perfektioniert, Männer rechtzeitig zu verscheuchen, sobald sie ihr zu nahe kommen. Wär’s kein Mann, sondern ein bissiger Hund, wär’s eine Stärke.“

Die Stärke von Wanningers Typenkabarett hat noch eine andere Komponente. Dass beim Schreiben eines Programms „noch eine zweite Ebene miterzählt wird“, ist ihr wichtig. Mit dieser Auffassung von Humor trifft sich mit ihrem Vorbild Gerhard Polt, über den sie einst ihre Zulassungsarbeit an der Uni geschrieben hat: Bei ihm transportiert Humor stets eine tiefere Erkenntnis. In Wanningers Fall ist es die, dass Menschen sich beim Verwirklichen ihrer Wünsche selbst im Weg stehen: „Oft liegt alles da, aber man steht vor einer Mauer, die niemand außer einem selber sieht. Wer in der Liebe, im Beruf, in der Freundschaft eine klare Ansage macht, macht es sich selbst und den anderen viel einfacher.“

Mutig sein, selbstbewusst auftreten – das hat Wanninger auch selbst gelernt: „Das Touren durch die Gasthöfe, das eicht.“ Dort hat sie gelernt, Dinge nicht persönlich zu nehmen.

Auch wenn sie einen ziemlichen Senkrechtstart hinlegte – die Anfänge waren nicht gerade einfach: „Grade die ersten Jahre spuit man in Wirtschaften, die kein Gspür haben, dass man nicht das Besteck zählt oder ,Schweizer Wurstsalat‘ schreit, wenn da jemand auf der Bühne steht. Das zerschießt dir jeden Moment. Oder wenn man sich im Müllraum umzieht, weil es nichts anderes gibt und das frisch gereinigte Kleidl an die Mülltonne hängen muss.““

Auch in der MZ-Kulturkantine: Tom Beck. Er schaffte als Schauspieler bei „Cobra 11“ seinen Durchbruch. Dann ging er weg – um sich seiner Musik zu widmen.

Sie lässt sich „ned drausbringa“

Hatte sie es mit einem ahnungslosen Techniker zu tun, „dann heißt es nicht: ,Mei, die Franziska Wanninger ist eine tolle Künstlerin, aber der Techniker hat es nicht drauf ghabt‘, sondern: ,Mei, hat die gschrian, meine Ohren sind rausg’fallen‘. Das bleibt dann an mir hänga.“ Und so war sie nicht nur auf der Bühne, sondern schon vor ihren Auftritten als Seelenversteherin gefragt, die für gute Stimmung sorgt. Doch meistens entschädigten die Auftritte sie für alles: „Wenn die Leut’ für einen Abend berührt waren, ihre Sorgen vergessen haben, dann war’s mir das wert.“ Heute sind die schlechten Erfahrungen selten geworden. Zum einen, weil sie sich nicht mehr „drausbringa“ lässt – aber auch, weil sie nun dort auftreten kann, „wo’s ein schönes Ambiente ist“. Mit ihren 36 Jahren ist sie eine gefragte Künstlerin.

„Wenn die Leut’ für einen Abend berührt waren, ihre Sorgen vergessen haben, dann war’s mir das wert.“

Kabarettistin Franziska Wanninger

Ihre Lust am Spielen spürt man, wenn man ihr zuhört. Neben ihrem Soloprogramm bereitet sie momentan ein Duo mit ihrem Kollegen Martin Frank vor: „Mia hätt’ mas jetzt ned macha miaßn, aber mia ham Lust drauf g’habt, mal was gemeinsam künstlerisch zu macha und mal ned allein durch Bayern zu gurken.“

Was für ein scharfes Auge Wanninger für das Zwischenmenschliche hat, zeigt eine Anekdote, die sie erst auf Nachfrage hin erzählt: Für ihr Konzept des Angstseminars und seiner Teilnehmer hatte sie keine Vorlage. Sie hat keines besucht, sie hat nicht im Internet recherchiert. Nach Auftritten kamen Besucherinnen zu ihr und stellten sich vor als Psychotherapeutinnen oder Leiterinnen solcher Seminare. Sie sagten: „Es ist genau so!“

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