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Entwicklung

Warum in Ostbayern Wirtshäuser sterben

Das Überleben wird für Wirte zunehmend schwerer. Lange Tage hinter der Theke werfen für sie oft nicht genug ab.
Von Daniel Geradtz

  • Im Regensburger Spitalgarten kann Wirt Anton Sperger viele Aufgaben delegieren. In seinem Landgasthof in Thalmassing ist er der Mann für alles. Foto: Lex
  • Das Wirtsehepaar Cornelia und Anton Sperger führt inzwischen den Spitalgarten in Regensburg. Archivfoto: Tino Lex

Regensburg.In Bayern gibt es ein altes Sprichwort: „Siehst Du das Haus des Herrn, ist das Wirtshaus nicht mehr fern.“ Doch dieser Spruch gilt schon längst nicht mehr überall. Besonders im Freistaat dünnen traditionelle Schanklokale immer mehr aus, 600 Orte stehen inzwischen ohne Wirtshaus dar.

Das Aussterben traditioneller Gastronomiebetriebe zeigt sich auch in unserer Region. Ehemals beliebte Häuser wie der Gasthof Hiendl in Berching, das Wirtshaus Dantscher in Teugn oder das Dorfgasthaus in Völling (Gemeinde Falkenstein) mussten in den letzten Jahren zusperren.

Mehr als hundert Jahre hatte das Wirtshaus Hiendl in Berching als Treffpunkt für die Bürger gedient. Foto: Guttenberger
Mehr als hundert Jahre hatte das Wirtshaus Hiendl in Berching als Treffpunkt für die Bürger gedient. Foto: Guttenberger

Im Landkreis Regensburg bleibt der Schankhahn beispielsweise in Thalmassing die meiste Zeit über trocken. Nur noch einmal pro Woche steht Anton Sperger in seinem Landgasthof noch hinter der Theke. Der Grund: Es rentiert sich nicht, das Wirtshaus länger zu öffnen. An den geöffneten Tagen ist der Gasthof ein beliebter Anlaufpunkt für Vereine aus der Gemeinde. „Gerade auf dem Land braucht man das gute Geschäft auch unter der Woche“, sagt er. Ein Grund für den fehlenden Umsatz auf dem Land sei unter anderem, dass größere Vereine vermehrt eigene Räume nutzen würden, um Feiern auszurichten, sagt Sperger. Seine Lösung war, in die Stadt zu gehen. In Regensburg betreibt er inzwischen den Spitalgarten.

Bodo Meinsen vom Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur (VEBWK) findet, dass das Wirtshaussterben weitreichende Folgen hat. Er erklärt: „Kleinere Gruppen haben nach dem Schließen des Dorfwirtshauses keine Heimat mehr. Es ist der Verlust des Wohnzimmers des kleinen Mannes.“

Nachwuchs wurde abgeschreckt


Matthias Artmeier vom Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband sagt, dass von Wirtsleuten und ihren Familien auf dem Land ein hohes Maß an Flexibilität verlangt werde. Das halte den Nachwuchs häufig davon ab, den Betrieb zu übernehmen. Die junge Generation wolle nicht mehr stundenlang am Tresen stehen, wenn es sich nicht lohne. Wirt Anton Sperger ergänzt: „Man steht sechs oder sieben Tage von morgens bis abends im Wirtshaus. Das sieht auch der Nachwuchs und sagt, ‚Das will ich nicht‘.“ In seinem Betrieb in Thalmassing sei er Hausmeister, Koch, Wirt und Geschäftsführer. Im Spitalgarten könne er Aufgaben eher delegieren.

Früher waren Kneipen Informationszentren

Früher spielten sich große Teile des öffentlichen Lebens im Wirtshaus ab. Sogar die Dorfpolitik wurde dort mitbestimmt. Heute habe es nicht mehr den gesellschaftlichen Stellenwert, den es einmal gehabt habe, sagt Artmeier. „Das gute alte Dorfwirtshaus als Kommunikations- oder auch Informationszentrum hat ausgedient, was unter anderem auch den vielfältigen Freizeitangeboten geschuldet ist“, weiß er. Bodo Meinsen ergänzt: „Früher galt die Kneipe als der soziale Treffpunkt. Da erfuhr man Beachtung und konnte reden.“

„Man steht sechs oder sieben Tage von morgens bis abends im Wirtshaus. Das sieht auch der Nachwuchs und sagt, ‚das will ich nicht‘.“

Wirt Anton Sperger

In Friesheim (Gemeinde Barbing im Landkreis Regensburg) waren sich die Bürger schon vor etwa 20 Jahren darüber einig, dass die Vereine des Dorfs ein eigenes Zuhause abseits der Gastronomie brauchen. Es entstand das „Haus der Vereine“. Mit viel Eigenleistung wurde das Gebäude inklusive einem neuen Feuerwehrhaus von den Bürgern gebaut. Bis heute ist das „Haus der Vereine“ ein Ort, in dem Feiern, Bälle oder Versammlungen stattfinden.

Verein nutzte Schlupfloch aus

Meinsen und Artmeier sind sich darin einig, dass auch das Rauchverbot zum Umsatzverlust beitrage. Kartlergruppen würden dadurch im Takt von wenigen Minuten auseinandergerissen und Unterhaltungen fänden vermehrt vor der Tür statt, was manchmal zu Problemen mit Anwohnern führe, sagt Artmeier. Dem VEBWK ist das Rauchverbot seit jeher ein Dorn im Auge: Der Verein wurde gegründet, um den Nichtraucherschutz zu umgehen. Er hatte zwischenzeitlich eine Lösung geschaffen, damit Mitglieder von Raucherclubs in Gaststätten rauchen durften. Das Schlupfloch gibt es heute nicht mehr.

Eine Übersicht der Gasthöfe in der Region:

Auch das Schafkopfspielen gehört zur bayerischen Wirtshaustradition. Foto: Armin Weigel dpa/lby
Auch das Schafkopfspielen gehört zur bayerischen Wirtshaustradition. Foto: Armin Weigel dpa/lby

2011 ließ der Verein in einer Studie untersuchen, welche Faktoren das Wirtshaussterben in Bayern beeinflussen. Das Rauchverbot wurde von 66 Prozent der Befragten genannt. Die Studie konnte auch belegen, dass die Gäste 32 Prozent weniger Zeit im Wirtshaus verbrachten als vorher. Das bedeutet laut Studie einen Umsatzrückgang von über 30 Prozent. Unter der Woche würden die Leute eher im Möbelhaus als im Wirtshaus zu Mittag essen, sagt Bodo Meinsen süffisant.

Politik soll Gastronomie fördern

Er sieht die Politik in der Verantwortung. In Österreich werde eine „gute und authentische Gastronomie“ gefördert, sagt er. Denn das sei wichtig, um Touristen anzulocken. „In Bayern wird gerne darüber geredet, aber nur wenig gemacht. Man überlässt es dem Erfindungsgeist der Wirte und deren Mut zum Risiko“, findet er.

„Früher galt die Kneipe als der soziale Treffpunkt. Da erfuhr man Beachtung und konnte reden.“

Bodo Meinsen, VEBWK-Sprecher

Auch der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband kritisierte im vergangenen Jahr, dass die Gastronomiebetriebe in Deutschland zu wenig Unterstützung durch die Politik erhielten. Am Freitag gab der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband bekannt, dass das Bayerische Wirtschaftsministerium seine Kampagne „Zukunft für das bayerische Gastgewerbe“ unterstütze. Dabei geht es darum, Instrumente gegen das Schließen von Gasthäusern anzubieten und Beispiele für die Gaststätte der Zukunft zu zeigen.

Das sagen Experten aus der Gastronomie

  • Matthias Artmeier:

    „Das Wirtshaus war der Mittelpunkt des Vereinslebens. Mittlerweile haben sich viele Vereine aus dem Wirtshaus „outgesourct“. Heute hat in vielen Orten fast jeder Verein ein Vereinsheim“, sagt der Experte vom Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband.

  • Bodo Meinsen:

    „Das Wirtshaussterben findet die verheerendste Auswirkung im ländlichen Raum. Während in Städten eher die Eckkneipe schließt und an anderer Stelle eine neue aufmacht, ist die Gastronomie in Dörfern oft ultimativen Entscheidungen ausgesetzt“, findet der VEBWK-Sprecher.

Dabei soll unter anderem ein Modell für ein zukunftsfähiges Wirtshaus entwickelt werden. In diesem könnten Service-Dienstleistungen angeboten werden. Der Hotel- und Gaststättenverband spricht von Tante-Emma-Läden, Paketannahmestellen, EC-Automaten oder Essen-to-Go-Konzepten.

Außerdem soll sich im Zuge der Kampagne die Branche besser vernetzen. Dem Verband schwebt ein „Fachkräfte-Navigator“ vor, der die Akquise von Mitarbeitern erleichtern soll. Als ein wichtiger Baustein wird eine Beraterdatenbank angesehen. Von Experten sollen Betriebe in einer kostenlosen Erstanalyse auf ihre Schwachstellen aufmerksam gemacht werden.

Im vergangenen Herbst musste Rupert Dantscher das Wirtshaus in Teugn zusperren. Foto: Hueber-Lutz
Im vergangenen Herbst musste Rupert Dantscher das Wirtshaus in Teugn zusperren. Foto: Hueber-Lutz

Als Ingrid und Rupert Dantscher im Herbst ihr Wirtshaus in Teugn schlossen, bekräftigte Bürgermeister Manfred Jackermeier, dass die Gemeinde einem Nachfolger den Einstieg so leicht wie möglich gestalten möchte. Manche Auflagen könnten reduziert werden. Ein Nachfolger ist laut dem Bürgermeister momentan nicht in Sicht.

Seit wann es das Wirtshaus in Teugn gab, lässt sich urkundlichen nicht zurückverfolgen. 1875 fand es erstmals in einem Zeitungsbericht im „Regensburger Tagblatt“ Erwähnung. Jackermeier sagt: „Das historische Wirtshaus fehlt allerdings schon.“ Immerhin gebe es in Teugn ein zweites Wirtshaus, das mehr Zuspruch finde.

Cornelia und Anton Sperger ist es gelungen, in Regensburg einen Neuanfang zu schaffen. Das könnte auch die Tochter dazu bewogen haben, in die Fußstapfen der Eltern zu treten, glaubt Anton Sperger. Denn bald beginnt sie eine Ausbildung zur Hotelkauffrau.

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  • PH
    Peter Franz Hammer
    12.02.2018 12:46

    Der Niedergang der Wirtshäuser begann mit der 1:1 Umstellung von DM auf Euro - wer kann sich das heute noch leisten mit der Familie zum Essen zu gehen ? Hinzu kommt noch das zu grosse Angebot - frisch aus dem Gefrierschrank! Das Rauchverbot hat dann dem Ganzen noch den Rest gegeben .... Soll ich mich ins Wirthaus setzen - nichts trinken und nicht rauchen - da bleib ich doch viel lieber dahoim .

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