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Wenn der Fan zum Feind wird

Der gebürtige Oberpfälzer Kabarettist Jürgen Kirner erzählt von mangelnder Distanz und Liebesbezeugungen mit Nacktfotos.
Von Isolde Stöcker-Gietl

Stalker bombardieren ihre Opfer mit SMS-Nachrichten, die bis hin zu Drohungen reichen.Foto: Angelika Warmuth/dpa
Stalker bombardieren ihre Opfer mit SMS-Nachrichten, die bis hin zu Drohungen reichen.Foto: Angelika Warmuth/dpa

München.Es herrscht ausgelassene Stimmung im Saal des Gasthauses, danach gibt es nette Gespräche und Selfies mit den Fans. So verlaufen die allermeisten Abende bei Kabarettist und Volkssänger Jürgen Kirner (Couplet AG). Noch. Denn die Hemmschwellen nehmen ab. „Früher gab es eine gewissen Distanz zwischen Künstler und Fan, doch die wird heute nicht mehr gewahrt“, sagt Kirner. Mit wachsender Bekanntheit registriert der gebürtige Oberpfälzer, der seit einigen Jahren mit den „Brettlspitzen“ seine eigene Fernsehsendung hat, eine Nähe, die ihm bisweilen unangenehm wird. „Es kommt inzwischen häufiger vor, dass ich sehr deutlich klar machen muss, wo meine Grenzen liegen“, sagt Kirner.

Zwei von drei Prominenten werden im Verlauf ihrer Karriere von Stalkern verfolgt, belästigt und bedroht, hat Kriminalpsychologe Jens Hoffmann, Leiter des Darmstädter Instituts für Psychologie und Bedrohungsmanagement, herausgefunden. Schlagzeilen machte in der vergangenen Woche Schauspieler Hardy Krüger jun., der sich erneut mit einer Frau, von der er sich gestalkt fühlt, vor Gericht traf. In diesem Fall hat Krüger jun. wohl selbst dazu beigetragen, dass Gefühle geweckt wurden, derer er sich schließlich nur noch schwer erwehren konnte.

Einbrecher bei Volksmusik-Duo

Immer wieder gibt es jedoch auch Fans, die ihr Idol nicht persönlich kennen, aber auf kriminelle Art und Weise dessen Nähe suchen. Schauspielerin Veronika Ferres wurden monatelang bedroht und beobachtet. Ein fanatischer Fan brach in das Haus von Marianne und Michael ein und wohnte sogar darin, zudem schrieb er dem Volksmusik-Paar Drohbriefe. Die Moderatorin Michelle Hunziker wurde 2008 von gleich drei Stalkern verfolgt und bedroht. Später gründete sie den Verein „Doppia Divesa“ (Doppelverteidigung), die sich sowohl um Opfer, als auch um hilfesuchende Stalker kümmert.

Das können Stalking-Opfer tun

  • Ignorieren:

    Wenn man sich von einem Stalker verfolgt fühlt, dann sollte man unmissverständlich klarmachen, dass man keinen Kontakt will. Falls der Stalker weiter Kontakt sucht, sollte man ihn komplett ignorieren: keine Treffen, keine Gespräche, keine Telefonate. Hilfreich ist es, das persönliche Umfeld über die Nachstellungen zu informieren. Es schreckt Täter ab, wenn Familie, Freunde, Arbeitskollegen und Nachbarn über die Situation Bescheid wissen. Weiter sollten sich Betroffene beraten lassen und Hilfe suchen.

  • Dokumentation:

    Stalking-Opfer sollten alles sichern, was später zur Beweissicherung dienen könnte. Übergriffe sollten mit Zeit- und Ortsangaben notiert werden, E-Mails, SMS/Whats Apps aufbewahrt werden. Beschädigungen auf Fotos festhalten.

  • Beratung:

    Der Weisse Ring bietet kostenlose, anonyme Beratung unter der Nummer 116 006 an. Am Polizeipräsidium Oberpfalz ist die Beauftragte für Kriminalitätsopfer unter 0941/506 1333 zu erreichen. Unterstützung bieten auch Psychologen und Anwälte.

Promi-Stalking nimmt zu, hat Kirner auch in Gesprächen im Kollegenkreis festgestellt. „Man hat das Gefühl, dass man als öffentliche Person auch zum öffentlichen Eigentum wird“, sagt der Kabarettist. Die österreichische Schauspielerin Ronja Forcher, die seit ihrem zehnten Lebensjahr die Tochter des „Bergdoktors“ mimt, hat genau solche Erfahrungen gemacht, wie sie im Mai in einer Journalistenrunde erzählte. „Die Zuschauer haben mich im Fernsehen groß werden sehen. Nun maßen sich manche an, über mich als Menschen, über meine Figur oder Frisur zu urteilen, obwohl sie mich überhaupt nicht kennen.“ Gerade in den Sozialen Medien sei verbales Stalking ein enormes Problem, sagt die junge Schauspielerin. Der Tonfall sei abfällig und verletzend und mache Angst. Vor diesem Hintergrund hat Ronja Forcher ein Schauspiel-Projekt und einen Blog ins Leben gerufen, in dem sie jungen Menschen mentale Stärke vermitteln will, um sich gegen die wachsenden Anfeindungen etwa in den Sozialen Netzwerken besser zu schützen.

Kabarettist Jürgen Kirner von der Couplet AG. Foto. Stöcker-Gietl
Kabarettist Jürgen Kirner von der Couplet AG. Foto. Stöcker-Gietl

Kriminalpsychologe Hoffmann nennt Promi-Stalker „Identitätsvampire“, weil sie sich nach einer übergroßen Figur in ihrem Leben sehnen, die auf sie abstrahlen soll. Dabei sind die Grenzen zwischen Belästigung und Stalking fließend. Liebesbezeugungen in Briefen sowie mit Blumen und Geschenken, das Nachreisen zu Auftritten, oft hunderte Kilometer weit, lassen bereits den gebotenen Abstand vermissen. Kommt es dann zudem zu körperlichen Übergriffigkeiten, Beleidigungen oder gar Bedrohungen, sollten sich die Opfer schnellstmöglich Hilfe suchen. Laut Hoffmann leiden die meisten Stalker unter Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen.

Außerhalb der Welt der Prominenten sind 80 Prozent der Stalkingopfer weiblich und drei Viertel der Täter männlich. In mehr als 80 Prozent besteht eine Täter-Opfer-Beziehung, wie beispielsweise Ex-Partner, Kollegen, Freunde oder Patienten/Mandanten. Nach den jüngsten vorliegenden Zahlen gab es im Jahr 2016 bayernweit 1260 Ermittlungsverfahren wegen Nachstellungen (2015: 1326). 77 davon wurden im Regierungsbezirk Oberpfalz durchgeführt (2015: 90), weitere acht (2015: 16) im Landkreis Kelheim.

In der Oberpfalz erfolgten die meisten Anzeigen in Stadt und Landkreis Regensburg (24), gefolgt vom Landkreis Cham (12) Amberg-Sulzbach und Stadt Weiden (jeweils 9). Das beharrliche Nachstellen oder Telefonterror ist seit 2007 strafbar, 2016 wurde der Paragraf 238 noch einmal verschärft.

Lesen Sie hier ein Interview mit Prof. Berthol Langguth, Chefarzt der Allgemeinpsychiatrie am Bezirksklinikum Regensburg:

Schlagzeilen machte Ende 2016 der Fall einer Studentin aus dem Landkreis Regensburg. Acht Jahre wurde sie von einem Stalker, dessen Liebe sie nicht erwiderte, verfolgt und bedroht. Schließlich drang der Mann mit Axt und Brecheisen in das Elternhaus seiner Angebeteten ein und verletzte den Vater schwer. Er kam dennoch mit einer Bewährungsstrafe davon. Im Jahr 2011 brachte ein Stalker eine junge Mutter in Vohenstrauß (Lkr. Neustadt/Waldnaab) um, weil sie seine Gefühle nicht erwiderte. Kontaktverbote der Polizei hatten ihn nicht aufhalten können.

Kabarettist Jürgen Kirner sagt, dass er inzwischen sehr viel vorsichtiger im Umgang mit seinen Fans geworden ist. Auch, weil man nicht auf den ersten Blick erkennen könne, dass man es möglicherweise mit einem Stalker zu tun hat. So war Kirner mehr als überrascht, dass ausgerechnet zwei Geistliche hartnäckig seine Nähe suchten. Als einer von ihnen Nacktfotos schickte, brachte das für Kirner das Fass zum Überlaufen. „Da sind dann deutliche Worte nötig.“

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