MyMz

Mahlzeit

Wenn Essen unbedacht in der Tonne landet

Die Deutschen sind im Lebensmittelbereich verschwenderisch. Das müsste nicht sein. In Regensburg gibt es einen Fair-Teiler.
Von Susanne Wolf

Viele Lebensmittel landen im Müll, obwohl sie noch haltbar wären. Foto: Marius Becker/dpa
Viele Lebensmittel landen im Müll, obwohl sie noch haltbar wären. Foto: Marius Becker/dpa

Regensburg.Der Urlaub steht vor der Tür: Der Koffer ist gepackt und die Vorfreude ist groß. Doch halt, da war noch was... Ach ja: Im Kühlschrank liegen Käse, Salat und Gemüse. Das wird wohl alles nicht mehr im selben „Zustand“ sein, wenn man nach Hause kommt. Jetzt ist guter Rat teuer... Viele Menschen nehmen dann den „bequemen“ Weg: Die Lebensmittel landen in der Tonne. Andere Leute wählen die nicht so bequeme, aber „coole“ Variante: Sie packen ihre „überflüssigen“ Lebensmittel ein und retten sie. Wie das geht? Mittlerweile ganz einfach. Denn im Obermünsterviertel in Regensburg kann man zu viel gekaufte oder nicht benötigte Lebensmittel in den Fair-Teiler bringen. So haben andere Menschen die Möglichkeit, die Nahrungsmittel noch zu konsumieren, bevor sie einfach weggeworfen werden. Und das werden sie oft nur, weil sie Druckstellen haben oder das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Aus diesem Grund sind Nahrungsmittel aber noch lange nicht ungenießbar – und gehören auch nicht in die Tonne.

Margot Gerlitz, Maria Baumann und Karen Giesenow (v. l.) sind drei aktive Lebensmittelretterinnen. Foto: Wolf
Margot Gerlitz, Maria Baumann und Karen Giesenow (v. l.) sind drei aktive Lebensmittelretterinnen. Foto: Wolf

Um die enorme Masse an Lebensmittelmüll zu reduzieren gibt es neben den Regensburgern, die selbst ihre Lebensmittel in den Fair-Teiler packen, sogenannte Lebensmittelretter, die sich über die Online-Plattform www.foodsharing.de deutschlandweit organisieren. Allein in Regensburg sind über 400 Mitglieder angemeldet, zwischen 100 und 150 davon beteiligen sich aktiv. Zu ihnen zählen Maria Baumann, Karen Giesenow und Margot Gerlitz. Sie sind mehrmals pro Woche im Stadtgebiet unterwegs, holen von den Kooperationspartnern – Gastronomiebetrieben sowie Groß- und Einzelhandel – Nahrungsmittel ab, die nicht mehr verkauft werden können.

44 Betriebe im Großraum Regensburg spenden Lebensmittel

„Der Hauptgrund, um Lebensmittelretterin zu werden, war für mich die gigantische Lebensmittelverschwendung, die man vor allem in den Supermärkten mitbekommt“, erzählt Baumann. „Unser Ziel ist es, durch Kooperationen mit den Supermärkten und anderen Betrieben, diese Lebensmittelverschwendung einzudämmen.“ Gerlitz pflichtet ihr bei: „Die Fülle an Lebensmitteln, die angeboten wird, ist nicht mehr normal.“

„Die Fülle an Lebensmitteln, die angeboten wird, ist nicht mehr normal“

Margot Gerlitz

Die Kooperationen kommen meist dadurch zustande, dass die Lebensmittelretter die Unternehmen fragen, ob sie Lust haben, mitzumachen. Die Partner kommen aus unterschiedlichen Bereichen: „Wir kooperieren vor allem mit Bäckereien und Supermärkten – aber auch mit Betrieben, die bereits verarbeitetes Essen abgeben anstatt es wegzuwerfen, weil sie es eben am Tag darauf nicht mehr verkaufen können“, erklärt Baumann. Derzeit gebe es 44 Kooperationspartner in der Stadt und sogar über die Stadtgrenze hinaus. „Einige sind sogar in Lappersdorf oder Neutraubling“, weiß Gerlitz. Und das Angebot in Regensburg wächst stetig. „Es kommen Betriebe aktiv auf uns zu, die mitmachen möchten“, sagt Baumann. „Zudem werden wir immer mehr Aktive und können mehr Betriebe ansprechen.“

Lesen Sie außerdem: Edeka-Chef will weniger Essen wegwerfen

Doch wer genau sind diese Lebensmittelretter – auch Foodsaver genannt – eigentlich? Der eine oder andere mag denken, dass dahinter „Ökos“ stecken. Fehlanzeige! „Sowohl vom Alter, vom Geschlecht und vom sozialen Hintergrund her sind wir bunt gemischt“, erzählt Baumann. „Unser Ziel ist, Lebensmittel vor der Tonne zu retten“, erklärt Giesenow. Das heißt, dass die Foodsaver Kleinmengen mit nach Hause nehmen und untereinander aufteilen oder ihren Nachbarn eine Freude damit bereiten. „Wir decken viele kleine Läden ab“, so Gerlitz. Größere Mengen werden in den Fair-Teiler gebracht und öffentlich geteilt. Wer will, kann sich daran bedienen – ganz egal, ob bedürftig oder nicht. „Da gibt es kein Auswahlkriterium“, sagt Baumann. „Uns geht es darum, dass es gegessen wird.“

Die Lebensmittelretter raten, erst seine Sinne zu aktivieren, bevor man etwas wegschmeißt

Wie viel sie von den Betrieben bekommen, ist jedes Mal aufs Neue eine Überraschung. „Es empfiehlt sich, bei den Abholungen viele Taschen dabei zu haben oder auch einige Jutebeutel“, weiß Giesenow. „Es kann sein, dass es ganz viel ist. Dann gibt es wieder Tage, wo weniger abfällt, worüber wir uns aber auch immer freuen. Wir haben keine Erwartungshaltung. Die Hauptsache ist, dass wir Lebensmittel retten!“ Einige Betriebe hingegen spenden ihre Lebensmittel an die Tafel. Konkurrenz dazu sei die Foodsharing-Gruppe keineswegs, sagt Baumann: „Wir holen auch Kleinstmengen ab. Da ist der Aufwand für die Tafeln oft zu groß.“

Der Fair-Teiler in Regensburg

  • Standort:

    Vor der Transition-Wechselwelt in der Steckgasse 6 im Regensburger Obermünsterviertel gibt es einen 24-Stunden-Fair-Teiler. Hierhin kann man „gerettete“ Lebensmittel bringen, die man nicht wegwerfen und mit anderen Leuten teilen möchte. Diese können sich an den Nahrungsmitteln bedienen, sie mit nach Hause nehmen und verzehren. Wichtiger Grundsatz beim Lebensmittelteilen ist, dass man nur Produkte teilt, die man auch selbst noch essen würde. In diesem Fair-Teiler dürfen zwecks fehlender Kühlung keine gekühlten Lebensmittel eingelagert werden.

  • Kühlung:

    In der Transition-Wechselwelt befindet sich ein Fair-Teiler-Kühlschrank. Hier kann man zu den Öffnungszeiten sowohl nicht gekühlte als auch gekühlte Lebensmittel abgeben.

Zudem nimmt die Tafel keine bereits verarbeiteten Lebensmittel an. Die Gruppe sehe sich laut Baumann als Ergänzung und fülle die noch vorhandenen Lücken. Zwischen dem Foodsharing e.V. und dem Bundesverband Deutsche Tafel gibt es eine Partnerschaft, die als Ziel die Vermeidung der Lebensmittelverschwendung verfolgt. „Uns unterscheidet, dass wir zum Beispiel abgelaufene Milchprodukte nehmen“, erklärt Giesenow. „Das ist meist alles noch hervorragend genießbar.“ Wichtig sei, dass man sich beim Verzehr auf seine Sinne verlasse. „Daran riechen, probieren und dann entscheiden, was gut ist. Das Risiko trägt jeder selbst.“ Gerlitz meint: „Man sollte sich erst einmal auf seine Instinkte verlassen, bevor man etwas wegwirft.“

„Unser Ziel ist, Lebensmittel vor der Tonne zu retten“

Karen Giesenow

Auch wenn die Nahrungsmittel kostenlos sind, ist deren Rettung sehr zeitaufwendig und es steckt viel Zeit und Organisation dahinter: „Wir sind in Teams aufgeteilt. Es gibt die Betriebsverantwortlichen, die die Schnittstelle zwischen Lebensmittelrettern und Betrieb sind“, sagt Giesenow. Findet sich kein Retter, holen diese die Lebensmittel ab. „Wir gewährleisten damit, dass jede Abholung erfüllt wird.“ Organisiert wird die örtliche Gruppe von Botschaftern wie Baumann.

Lesen Sie außerdem: So kaufen die Neumarkter ein

Sie kümmert sich um die Neuanmeldungen und das Einführungsteam, das Probeabholungen mit Neumitgliedern macht. Dann gibt es ein Team, das für den Fair-Teiler zuständig ist. „Sie bringen ihn regelmäßig auf Vordermann“, erklärt Baumann. Zudem wird er einmal täglich von einem Foodsaver kontrolliert und gesäubert. Ein zweiter Fair-Teiler sei geplant, verraten die Lebensmittelretterinnen. Da alle freiwillig agieren, fehle jedoch noch ein Kühlschrank.

Die Spontanretter kommen nach Feiern

Oft werden die Foodsaver darüber informiert, dass zum Beispiel bei einer Feier Essen übrig geblieben ist. Dann muss schnell gehandelt werden – ein Einsatz für die Gruppe der Spontanretter. So eine Situation kann natürlich auch mal in der Gastronomie eintreten. „Hier hilft uns, dass wir untereinander so gut vernetzt sind und schnell reagieren können“, so Giesenow. „Egal, wie zeitaufwendig es ist: Die Lebensmittelrettung ist eine gute Sache.“ Darum sollte jeder zweimal überlegen, ob die Lebensmittel wirklich (schon) in den Müll gehören oder ob man fair teilen will...

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

Weitere Artikel aus Bayern lesen Sie hier!

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht