mz_logo

Bayern
Donnerstag, 16. August 2018 30° 1

Religion

Wie viel Bayern ist im Kreuz?

In jedem Dienstgebäude soll ein Kreuz hängen. Laut Söder steht es für Bayerns Identität. Dieses Argument stößt vielen auf.
von Katrin Wolf

Wie viel Religion im öffentlichen Raum darf sein? An dieser Frage scheiden sich schon lange die Geister. Foto: Wolf
Wie viel Religion im öffentlichen Raum darf sein? An dieser Frage scheiden sich schon lange die Geister. Foto: Wolf

Regensburg.Wer das Kreuz an der Universität Regensburg sucht, braucht ein bisschen Geduld: Es liegt hinter einer unscheinbaren Holztür, an der nichts darauf hinweist, dass sich dahinter ein Andachtsraum verbirgt. Er ist weitgehend schmucklos, ein hohes, aber schlankes Metallkreuz dominiert den Raum. Jeden Mittwochmittag findet dort die „Atempause“ statt, eine katholische Messfeier, bei der aber jeder willkommen ist. Denn für Hochschulpfarrer Hermann Josef Eckl ist das Kreuz ein inklusives Symbol. Den Beschluss des Ministerrats, dass im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes gut sichtbar ein Kreuz hängen muss, sieht der Katholik äußerst skeptisch. Er ist zwar der Meinung, dass Glaube und Religion im öffentlichen Raum ihre Berechtigung haben. Aber: „Ich werde den Verdacht nicht los, dass hier ein religiöses Symbol instrumentalisiert werden soll“, sagt Eckl.

„Das Kreuz ist kein Ding, das man mal eben neben Gamsbart und eine Halbe Bier hinstellt!“

Hermann Josef Eckl, Hochschulpfarrer

Hermann Josef Eckl ist Hochschulpfarrer in Regensburg. Foto: Wolf
Hermann Josef Eckl ist Hochschulpfarrer in Regensburg. Foto: Wolf

Der Argumentation des Ministerpräsidenten, das Kreuz sei vor allem „Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns“ und ein Symbol „unserer bayerischen Identität und Lebensart“, mag der Hochschulpfarrer nicht folgen. Das Kreuz habe im Christentum eine viel größere Botschaft, es weise auf Menschen hin, die entrechtet sind. „Das ist kein Ding, das man mal eben neben Gamsbart und eine Halbe Bier hinstellt!“ schimpft Eckl. Das sei eine Trivialisierung, und es könne sogar eine Verhöhnung sein.

Nur ein Wahlkampfmanöver?

Wer sich in der Stadt und an der Universität umhört, bekommt oft Ähnliches zu hören: Die Kritiker sind sich einig, dass es bei der Anordnung mehr um Symbolpolitik geht als um die beschworenen christlichen Werte. „Ich denke, das ist einfach eine Provokation vor der Wahl“, meint Studentin Jana Vingar Martins. Ein älterer Herr, der im schwäbischen Wertingen lebt, zu Besuch in Regensburg ist und seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, spricht gar von „der miesesten Aktion, die ich bisher von einem Ministerpräsidenten gehört habe“. Dabei habe er gar nichts gegen Religion im öffentlichen Raum, und mit dem Kreuz verbindet auch er durchaus nicht nur die christliche Religion, sondern Werte wie Nächstenliebe. Der Protestant Söder versuche allerdings lediglich, sich bei den – vorwiegend katholischen – Altbayern anzubiedern. Und mit der vermeintlichen Besinnung auf streng konservative Werte der AfD Wähler abzujagen.

Bayerns Identität ist jedoch keine Frage des Glaubens, schreibt auch Maximiliane Groß in ihrem Leitartikel:

Kommentar

Markus Söders Symbolpolitik

Es ist, wieder einmal, ein Kreuz mit den Kreuzen: Dank Markus Söder, bekennender Protestant, begrüßt ab 1. Juni ein Kreuz die Besucher in allen staatlichen...

Nicht mehr als ein durchsichtiges Wahlkampfmanöver sieht auch Ernst Seler aus Reuting bei Nittenau in der Anordnung. Seler und seine Frau stehen hinter der Klage, die zum berühmten Urteilsspruch des Bundesverfassungsgerichts von 1995 führte, nach dem es gegen das Grundgesetz verstößt, dass in jedem bayerischen Klassenzimmer ein Kruzifix zu hängen hat. Seitdem müssen in Bayern die Kreuze abgenommen werden, wenn sich jemand daran stört. Gemäß ihrer anthroposophischen Weltanschauung wollten Seler und seine Frau nicht, dass ihre Tochter ständig dem Anblick des Kreuzes ausgesetzt ist.

Hier lesen Sie, wo in Zukunft überall Kreuze hängen sollen:

Hier müssen in Zukunft Kreuze hängen

  • Der Ministerrat

    hat am vergangenen Dienstag beschlossen, dass „im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes im Freistaat ... deutlich wahrnehmbar ein Kreuz als sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland anzubringen“ ist.

  • Die Verpflichtung gilt

    für alle Behörden des Freistaats Bayern ab dem 1. Juni 2018. Damit sind alle Dienstgebäude gemeint. Gemeinden, Landkreisen und Bezirken wird das Anbringen von Kreuzen nur empfohlen. Auch staatliche Schulen müssen laut Kultusministerium Kreuze im Eingangsbereich anbringen.

  • Unter die Regel fällt

    laut Markus Roth, Pressesprecher der Regierung der Oberpfalz, die Bezirksregierung als staatliches Gebäude. Die Wahl haben staatliche Gebäude, die keine Behörden sind, wie die Staatsoper, Theater, Bezirkskrankenhäuser, Universitäten oder etwa das Schloss Neuschwanstein.

Diskussion über christliche Werte

Holger Kruschina ist Pfarrer in Roding. Foto: Pfarrei
Holger Kruschina ist Pfarrer in Roding. Foto: Pfarrei

Aber auch Seler betont im Gespräch mit der MZ, er stehe positiv zur Religion, wenn sie denn echt sei. Söders Aussage, das Kreuz verkörpere Tradition und Werte, auf die sich alle Demokraten einigen könnten, ist für ihn gehaltlos: Das Bundesverfassungsgericht habe damals geurteilt, dass das Kreuz sehr wohl ein religiöses Symbol sei. Und das Kreuz, das Söder eigenhändig in der Staatskanzlei aufgehängt habe, sei geweiht – und insofern religiös. Für Seler also ein krasser Widerspruch.

Manche können dem Vorstoß des Ministerpräsidenten aber auch etwas abgewinnen: „Ich denke, dass diese politische Anordnung als positives Signal gemeint ist“, sagt etwa der Rodinger Pfarrer Holger Kruschina. Bei vielen komme es aber so an, als solle die Religion von oben verordnet werden. Eine Auseinandersetzung mit der Botschaft des Kreuzes fände auch Kruschina die bessere Lösung. Außerdem begrüßt er, dass über das Kreuz wieder stärker diskutiert werde: „So setzt man sich intensiver damit auseinander, als wenn es kein Aufreger ist.“

„Wen das Kreuz nicht stört, den stört bestimmt auch mein Kopftuch nicht.“

Maside, Studentin

Zurück an der Universität Regensburg: Vor der Bibliothek, in der Nähe der in einer Ecke versteckten Kapelle, sitzt die 25-jährige Studentin Katharina und lernt. Ihrer Meinung nach schränken Kreuze in öffentlichen Ämtern die Religionsfreiheit ein und schließen damit Anhänger anderer Religionen aus.

Die Muslima Maside wartet etwas weiter in der Nähe der Cafeteria auf ein Seminar. Die 23-Jährige trägt Kopftuch und gehört demnach zu denen, die sich durch Kreuze in öffentlichen Ämtern ausgeschlossen fühlen müssten, wenn es nach den Kritikern geht. Aber Maside, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, meint, sie finde es schön, dass in Bayern so sehr auf die Tradition Wert gelegt werde. Das Kreuz hat die Neutraublingerin nie gestört, schon während ihrer Schulzeit nicht. Sie sei froh, wenn Religion im öffentlichen Leben eine Rolle spiele. Denn: „Wen das Kreuz nicht stört, den stört bestimmt auch mein Kopftuch nicht.“

Mehr aus Bayern lesen Sie hier!

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht