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Winterdiesel: Kein Verlass auf Normen

Versulzter Diesel legt Autos lahm – bei Temperaturen, die unbedenklich sein sollten. Verantwortliche suchen eine Lösung.
Von Lisa Pfeffer, MZ

Wer Diesel tankt, hat bei Minusgraden einiges zu beachten.
Wer Diesel tankt, hat bei Minusgraden einiges zu beachten. Foto: dpa

Regensburg.Holger Hausmann aus Kelheim ist immer noch fassungslos. „Das ist eine Katastrophe“, fasst er ein Szenario zusammen, das vielen Menschen bekannt vorkommen dürfte: Die Kälte legt Dieselfahrzeuge lahm. Aus dem einst klaren Kraftstoff wird eine trübe, butterähnliche Masse, die kein Motor mehr schluckt. Es bilden sich Paraffinkristalle, die die Kraftstoffleitung und den Filter verstopfen. Fachleute sprechen vom „Versulzen“. Und das sollte laut Herstellerangaben erst ab minus 20 Grad passieren. Im Fall von Hausmann waren die Temperaturen allerdings weit von dieser Marke entfernt. Außerdem stand das Auto vorher in der Garage. Also eigentlich alles richtig gemacht. Trotzdem blieb sein Auto 100 Meter vor der Garage stehen.

In letzter Zeit geht es vielen Leuten wie dem Kelheimer. Das Dieselfahrzeug macht schlapp, obwohl die Temperaturen noch lange nicht im kritischen Bereich der minus 20 Grad sind.

Wenn man Uwe Liegl, Kfz-Meister bei ATU in Regensburg, nach seinen Erfahrungen mit dem Thema fragt, lacht er kurz auf. „Meine Erfahrung? 20 Autos über Nacht in der Werkstatt auftauen, weil der Diesel versulzt und der Filter eingefroren ist.“ Das sei ganz normal in der letzten Zeit. Und alleine mit dem Auftauen sei es nicht getan – oft muss der Kraftstofffilter danach ausgetauscht werden. „Das kostet je nach Fahrzeug 100 bis 200 Euro“, sagt Liegl.

Viele Diesel fallen im Test durch

Im Fall von Holger Hausmann aus Kelheim lief es besonders unglücklich. Als sein Auto nicht mehr ansprang, kam ein Fahrzeugmechaniker und tauschte den Filter aus. 400 Euro und einige Stunden später stellte sich heraus: Es lag nicht am Filter, sondern an der eingefrorenen Pumpe. „Das darf doch eigentlich nicht vorkommen. Die Technik ist so weit vorangeschritten aber das Auto bleibt dann bei ein paar Minusgraden plötzlich stehen“, sagt Hausmann.

Tipps zum Vorbeugen

  • Wetter:

    Sobald die Temperaturen gegen null gehen, sollte das Auto in der Garage oder unter einem Carport stehen.

  • Tank:

    Ein halb voller Tank ist im Winter am besten. Somit wird der Kraftstoff beim Anfahren geschüttelt und Paraffine, die den Filter verstopfen können, setzen sich nicht so leicht ab.

  • Kraftstoff:

    Zwischen Oktober und November sollte man auf Winterdiesel umsteigen. Dieser enthält mehr Additive, damit nichts einfriert. Additive sollte man jedoch keinesfalls selbst mischen.

  • Pflege:

    Bei startunwilligen Dieseln sollte das alte Motoröl gegen ein Öl mit niedriger Viskosität ersetzt werden. Wer zusätzlich den Filter regelmäßig tauscht und die Autobatterie pflegt, erlebt keine bösen Überraschungen an kalten Tagen.

„Die Temperaturangaben, die Tankstellen oft ausschreiben, sind aus der Luft gegriffen“, sagt ADAC-Kraftstoffexperte Carsten Graf. Er verweist auf einen ADAC-Test aus dem Jahr 2012. Damals zeigte sich: Winterdiesel hält oft nicht, was er verspricht. Ein Beispiel: Der Diesel von Total sollte laut Prüfverfahren bis minus 31 Grad kältetauglich sein. Im Test mit einem Opel Insignia funktioniert der Kraftstoff aber schon bei minus 19 Grad nicht mehr. Bei vielen anderen Kraftstoffen war es ähnlich. Nur der Kraftstoff von Agip und Shell hielt laut ADAC, was er versprach.

Ein neues Prüfverfahren muss her

„Das Prüfverfahren, das diese Zahlen hervorbringt, ist einfach nicht tauglich. Es kommt auch sehr viel aufs Auto an“, sagt der Kraftstoffexperte. Wo man tankt, sei allerdings nebensächlich: „In Deutschland werden fast alle Tankstellen von den selben Konzernen beliefert. Die Kraftstoffe müssen konform sein.“

Das Problem der Prüfverfahren, die unzuverlässige Zahlen hervorbringen, soll behoben werden. Nach Informationen des ADAC wird gerade ein neues Verfahren entwickelt. „Den Fehler nur bei den Mineralölgesellschaften suchen, bringt aber nichts. Auch Autohersteller sollten genauere Angaben machen, wie sich das Fahrzeug bei Kälte verhält“, sagt Graf. Kommt es zu einem versulzten Diesel, rät der Experte nur eines: In einer warmen Halle auftauen lassen und keinesfalls mit Feuer oder einem Fön experimentieren.

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war der ADAC als Dienstleister genannt, der den Filter von Herrn Hausmann für 400 Euro austauschte. Das war falsch. Herr Hausmann hat nach der Veröffentlichung eingeräumt, dass es sich nicht um den ADAC handelte. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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