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Psychologie

Winzige Wörter verraten den Charakter

Eine neue Software analysiert anhand der Sprache die Persönlichkeit des Sprechers. Ein Regensburger Forscher arbeitet mit.
von Christine Strasser, MZ

  • Ob geflüstert oder laut ausgesprochen: Selbst die kürzesten Wörter bergen Geheimnisse.Foto: Fotolia
  • Professor Thomas Wölfl von der OTH Regensburg ist eine Experte für maschinelles Lernen. Foto: ct

Aachen.Die Stimme am anderen Ende der Telefonleitung stellt Fragen. „Wie haben Sie den vergangenen Sonntag verbracht?“, will sie beispielsweise wissen. Ausschlafen, Duschen, Frühstücken. Mails auf dem Handy checken, Zeitungen lesen, Nachrichten im Radio hören. Dann ins Büro laufen. Sonntagsdienst als Reporter. Recherchieren, telefonieren, schreiben. Abends schwimmen, später Französischvokablen wiederholen. Schon die Antwort auf diese Frage, wenige Sätze, erlaubt erste Einblicke in die Psyche. 300 bis 500 Wörter reichen aus, um erste Schlüsse auf Charaktereigenschaften zu ziehen. Ganz egal, was die Person sagt. Das interessiert den Gesprächspartner ohnehin nicht. Er ist ein Computer und es geht ihm nur darum, wie etwas gesagt wird.

Die Firma Psyware in Aachen hat eine Software auf den Markt gebracht, die Sprache analysiert. Die Maschine kann aus Wörtern mehr herauslesen als ein Mensch. Zumindest versichert das Psyware-Geschäftsführer Dirk Gratzel. Die Software Precire zählt mit, welche Wörter wie oft benutzt werden und auf welche Weise sie aneinandergereiht werden. Welche Fragewörter verwendet die Person? Welche Bindewörter? Wie geht sie mit Verneinungen um? Wie oft spricht sie im Konjunktiv? Daraus setzt sich ein Bild der Persönlichkeit zusammen.

Mathematischer Ansatz

Der Analyseansatz ist im Kern ausgesprochen mathematisch-statistisch. Sprachliche Merkmale werden sortiert. Aufgezeichnete Gespräche werden niedergeschrieben. Bei der Auswertung der Stimmakustik werden 80 bis 85 Merkmale betrachtet. Es geht um Betonungen und Sprachmelodie, um Rhythmus, Tempo und Pausen, aber auch um Flackern und Vibrationen. Das ist aber bei weitem noch nicht alles. Der gesamte gesprochene Text wird von der Software in seine Einzelteile zerlegt. Precire wertet in der linguistischen Analyse mehr als 3000 Merkmale aus. Muster werden erkannt. Einer von diesen Sprachbausteinen, der in die Messung einfließt, ist die Verwendung von Verneinung. Benutzt eine Person häufig Verneinungen, entfaltet dieser negative Fokus in der Sprache eine hemmende Wirkung auf das eigene Gemüt. Das haben psychologische Studien ergeben. Insofern macht es einen Unterschied, ob jemand auf die Frage nach dem Wetter antwortet: „Heute ist das Wetter nicht gut.“ oder „Heute regnet es.“

Datenbank inventarisiert Innenleben

Diese für sich genommen winzigen, verräterischen Hinweise baut Precire zu einem sprachlichen Fingerabdruck zusammen. In der Analyse werden am Computer Bilder mit 40 bis 50 Dimensionen erstellt. Dann können äußerst präzise Aussagen zu der Persönlichkeit des Sprechers getroffen werden, etwa ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, wie alt der Betreffende ist, bis hin zu der Frage, ob er die Wahrheit sagt oder lügt. Um von den Profilen auf Charakter und Innenleben schließen zu können, gleichen Algorithmen die Sprachäußerungen mit einer Datenbank ab. Dort ist die Häufigkeit von Wörtern, Wortgruppen, Satzkonstruktionen verzeichnet und einem psychologischen Merkmal zugeordnet.

Die Idee, dass nicht unbedingt inhaltsschwere Gespräche, sondern der Gebrauch von unscheinbaren Wörtern und Wörtchen Rückschlüsse auf die Psyche zulässt, ist nicht neu. Seit den 1980er Jahren versuchen Forscher Therapieerfolge messbar zu machen, indem sie Funktionswörter zählen. Ein Pionier ist der klinische Psychologe James Pennebaker von der University of Texas. Er analysierte die Sprache von trauernden Patienten und wie sie sich im Therapieverlauf veränderte. Auch ein Computerprogramm ließ Pennebaker damals schon entwickeln. Richtig groß wurde die Disziplin der „formal quantitativen Analyse“ aber erst mit den steigenden Rechnerkapazitäten.

Dadurch ist es nun möglich, immer größere Datenmengen zu sammeln, zu speichern und zu verarbeiten und somit letztlich Maschinen klüger zu machen. Ein ausgesprochener Experte, wenn es darum geht, Computern etwas beizubringen, ist der Regensburger Informatikprofessor Thomas Wölfl. An der Ostbayerischen Technischen Hochschule beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit maschinellem Lernen. Mit dem Leiter der Abteilung Künstliche Intelligenz bei Psyware, Philip Driessen, arbeitet Wölfl an der Weiterentwicklung von Precire. Die Software gibt nicht einfach nur wieder, was ihr einprogrammiert wurde, sondern sie ist in der Lage, selbst Schlüsse zu ziehen. Der Computer lernt dabei wie ein Kind. Wölfl veranschaulicht das so: „Wenn man einem Kind beibringt, was ein Stift ist, zeigt man ihm verschiedene Beispiele und sagt, dass das ein Stift ist. Irgendwann erkennt das Kind dann einen Stift, sobald es ihn sieht.“ So funktioniert das auch bei Precire. Das System wurde mit Textproben trainiert, die Personen abgegeben haben, bei denen die psychologischen Kategorien bekannt waren. Jetzt wird daran gearbeitet, die Software noch genauer zu machen.

Psyware-Geschäftsführer Gratzl erläutert, dass für die Erstellung der Software die Sprachproben von rund 5000 Menschen, die vorher„komplett vermessen“ worden waren, eingespeist wurden. Das waren Personen aus den verschiedenen Regionen, Bevölkerungs-, Alters- und Bildungsschichten. So konnte herausgefiltert werden, welche sprachlichen Merkmale beispielsweise die neugierigsten, ängstlichsten oder kontaktfreudigsten Menschen aufweisen. Bei wem diese Kategorien ebenfalls vorliegen, schließt Precire nun auf diese Charaktereigenschaft. Pro Eigenschaftwerden etwa 30 Kategorien berücksichtigt.

Tricksen ist extrem schwierig

Damit ist klar, warum es so schwierig ist, die Software auszutricksen. „Sprache ist eine der stabilsten Gewohnheiten, die wir haben“, sagt Gratzel. „Wir halten nie lange durch, wenn wir uns verstellen wollen.“ Und selbst wenn es bei einer Kategorie gelingen sollte: Das System misst mehr als 3000. Außerdem werden bei der Analyse die ersten zwei bis drei Minute des gesprochenen Textes verworfen. „Dann reden Sie so, wie Sie reden“, versichert Gratzel.

Zukunftsszenarien sind das alles längst nicht mehr. Psyware hat zum Beispiel für eine Krankenkasse einen telefonischen Stress-Test entworfen. Wer als überlastet eingestuft wird, dem werden Entspannungsmethoden empfohlen. Die Firma arbeitet aber auch an Persönlichkeitstests für Personalabteilungen oder an einer Anwendungen für Versicherungen, bei der auf die Glaubwürdigkeit einer Schadensmeldung geschlossen wird.

Ängst von Menschen kann Gratzel verstehen. Für ihn steht fest: Jeder, der analysiert wird, muss Bescheid wissen und einverstanden sein. Er führt an, dass Bewerber in klassischen Assessment Centern bislang auch schon psychologische Tests absolvieren mussten. Bei Precire sei die Abbruchquote jedoch deutlich niedriger, weil der Test viel kürzer sei. Um Bedenken entgegenzuwirken sagt Gratzel auch: „Unser System kann keine konkreten Taten vorhersagen, sondern nur ob ein Mensch beispielsweise neugieriger oder weniger neugierig ist als andere.“ Bis in den letzen Winkel der Seele kann Precire demnach also auch nicht vordringen.

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