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Interview

Wir brauchen mehr Busse auf dem Land

Verkehrsforscher Tilman Bracher forscht zur Frage, wie Nahverkehr attraktiver wird. Günstigere Preise allein helfen nicht.
Von Jana Wolf

Tilman Bracher leitet dem Bereich Mobilität am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) Fin Berlin. Er forscht unter anderem zu den Themen Nahverkehr und Mobilitätsentwicklung. Foto: David Ausserer
Tilman Bracher leitet dem Bereich Mobilität am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) Fin Berlin. Er forscht unter anderem zu den Themen Nahverkehr und Mobilitätsentwicklung. Foto: David Ausserer

Berlin.Wie bekommt man mehr Menschen dazu, das Auto stehen zu lassen und stattdessen mit Bus und Bahn zu fahren? In Zeiten verstopfter Innenstädte und eines bedrohlichen Klimawandels treibt diese Frage viele um. Tilman Bracher forscht dazu intensiv. Der Volkswirt leitet am Deutschen Instituts für Urbanistik in Berlin den Fachbereich Mobilität und arbeitet zu Fragen der Mobilitätsentwicklung und des Nahverkehrs. Im Gespräch mit der Mittelbayerischen erklärt er, was zum Umstieg anreizt.

Öffentlicher Nahverkehr soll attraktiver werden. Wo sehen Sie am meisten Nachholbedarf?

Ganz wesentlich ist, dass das Angebot in die Regionen hinein gut funktioniert. Die großen Kilometerleistungen, die im Nahverkehr in Orten wie Regensburg und Umgebung entstehen, kommen vor allem durch Pendler zustande. Natürlich kann man das Busangebot auch in der Stadt ausbauen, aber noch wichtiger ist, dass der Verkehr aufs Land funktioniert.

Können günstigere Ticketpreise zum Umstieg motivieren?

Ein verbessertes Angebot ist deutlich wichtiger als der Preis. Es gibt viele Einpendler, die über größere Distanzen in die Städte kommen. Das Liniennetz muss es ermöglichen, auch von kleineren Orten ohne häufiges Umsteigen etwa nach Regensburg zu fahren, und umgekehrt regelmäßige Verbindungen in die Orte bereitstellen, in die die Regensburger auspendeln. Trotzdem: Der Preis hat Signalwirkung. Wenn Tickets immer teurer werden, schreckt das ab.

Warum wird Busfahren trotzdem immer teurer?

Die Preise sind stetig gestiegen, weil Landkreise und Gemeinden kaum Zuschüsse an den Busverkehr bezahlen. Um die Tickets günstiger zu machen, muss man Geld in die Hand nehmen und den ÖPNV subventionieren. Daran hat man jahrelang nicht gedacht, weil das Thema Klimaschutz noch nicht lange oben auf der Agenda steht.

Jetzt ist der politische Druck da: Es gibt einen breiten Konsens darüber, beim Klimaschutz nachzuholen. Trotzdem wird das Angebot nur langsam ausgebaut. Warum geht es so stockend vorwärts?

Es stimmt, dass der Ausbau im ÖPNV zu langsam vorangeht. Das liegt auch daran, dass viele verschiedene Stellen involviert sind. Beim Klimaschutz stehen jetzt vor allem die politischen Entscheidungsträger unter Druck – dort gibt es die höchste Dringlichkeit, zu handeln. Für die Umsetzung im öffentlichen Verkehr sind aber Leute in der Verwaltung auf der zweiten oder dritten Ebene zuständig. Die neuen Vorgaben sind dort oft noch nicht angekommen. Zwischen den Reden oben und den konkreten Vorgaben für die Umsetzung gibt es eine Kluft. Das sind sehr langsame Prozesse. Auf der Verwaltungsebene ist das Thema Klimaschutz noch nicht angekommen. Deswegen melden sich auch die Schüler jeden Freitag bei Demonstrationen zu Wort – sie wollen Veränderungen sehen.

In Bayern gibt es diverse Bus- und Bahnanbieter. Unterschiedliche Angebote und Preise führen zu häufigem Umsteigen und Verwirrung bei den Tickets. Sollte man den Nahverkehr nicht besser vereinheitlichen?

Da die Zuständigkeiten auf Kreisebene liegen, macht jeder Landkreis seine eigene Sache. Das hat sich über Jahre hinweg ohne ausreichende Abstimmung verschiedener Kreise so entwickelt. Die Herausforderung, das Angebot zu vereinheitlichen, muss auf Landesebene angegangen werden. Baden-Württemberg zum Beispiel ist gerade dabei, seine 20 verschiedenen Verkehrsverbünde zusammenzubinden und abzustimmen, und hat das teilweise schon geschafft. Wenn es keinen sanften Zwang gibt, stärker zusammenzuarbeiten, laufen die Angebote parallel so weiter. Ich hoffe, der Klimaschutz erhöht jetzt den Druck, sich besser zu koordinieren. Denn die Verkehrsbedürfnisse enden nicht an der Kreisgrenze.

Bayern gilt manchen als Negativ-Beispiel beim ÖPNV. Der Nachverkehrs-Berater Stephan Kroll aus Heidelberg etwa sagte kürzlich bei einer Expertenanhörung im Landtag, dass es bei der Abdeckung mit Verkehrsverbünden im Freistaat noch viele weiße Flecken gebe. Warum ist das gerade in Bayern so?

Ich denke, Bayern hat ein Sonderproblem: Es gibt dort besonders viel Autoindustrie mit einem großen Einzugsbereich im ländlichen Raum. Für viele, die dort arbeiten, gehört ein komfortabler Dienstwagen einfach dazu. Da ist es deutlich schwieriger, den Umstieg zu organisieren, als in anderen Gegenden. Der Prozess in Bayern ist nicht einfach. Hinzu kommt die Sondersituation in München mit seinen wahnsinnig hohen Mieten. Viele Menschen pendeln aus großen Einzugsbereichen in die Stadt. Die Kapazitäten von Zügen und S-Bahnen sind am Anschlag: Man bekommt nicht noch mehr Menschen mit einer guten Verkehrsqualität in die Stadt hinein. Bayern steht jetzt vor der Herausforderung, einerseits ein besseres Liniennetz in den ländlichen Raum zu bringen und andererseits die Engpässen in den großen Städten zu beseitigen.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will 365-Euro-Jahrestickets einführen, für Schüler und Auszubildende ist eine Einführung schon ab diesem Herbst im Gespräch. Was halten Sie von diesen Tickets?

Ich finde das grundsätzlich sinnvoll. Aber man muss natürlich auch fragen, für welche Bereiche ein solches Ticket gelten soll. Man kann nicht für das ganze Land Bayern ein 365-Euro-Ticket einführen - das wäre nicht finanzierbar. Für kürzere Distanzen innerhalb der Stadt und in umliegende Landkreise ist das als Jahreskarte allerdings schon sinnvoll. Das ist ein attraktives Angebot, mit dem sich auch Dauerkunden gewinnen lassen können. Wir haben derzeit 43 Milliarden Euro Überschuss im laufenden Bundeshaushalt. Man muss die Prioritäten so setzen, dass Gelder aus der öffentlichen Hand auch in den Nahverkehr fließen.

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